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18.10.2017

Eran Bar-Gil - Zwillingsstern
»Nana« Nicole Wenger

Bar-Gil hat mit seinem Debütroman ein furioses Meisterwerk geschaffen. Seine symphonische Erzählung, die in Israel mit dem Bernstein-Preis ausgezeichnet wurde, eröffnet den Weg in die verborgenen...



... Ängste und die getrennte und gleichsam geteilte Welt der eineiigen Zwillinge Joni und Dani.

Der kleine Joni wächst im Israel der siebziger Jahre als Halbwaise bei seiner Mutter Schuli auf. Sein Geburtstag – der siebte -, ruft bei ihr wie jedes Jahr schmerzhafte Erinnerungen und Empfindungen hervor. Denn Joni ist nicht ihr leiblicher Sohn, aber davon weiß er noch nichts.
Mutter und Sohn sind einsam und ihren tiefsten Ängsten ausgesetzt. Die Eltern des Vaters haben den Kontakt gänzlich abgebrochen, in der Schule kann Joni sich nicht konzentrieren und muss die Förderklasse besuchen. Er ist ein Außenseiter, und auch in der Clique um den halbstarken und leicht kriminellen Gomel ist er nur geduldet. Immer wieder wird Joni von dem unbestimmten Gefühl der Angst, der Zerissenheit und der Unvollkommenheit heimgesucht. Nur in seiner besonderen Beziehung zu Tieren findet Joni Trost. Erst die Farm des Syrien-Kriegsveteranen Aviram wird zu seinem zweiten Zuhause. Dort begegnet er dem "Vogelmann", dem Ausschwitz-Überlebenden Ilan, der Joni auch wortlos versteht. Aviram und Ilan übernehmen ein wenig die Vaterrolle, doch auch sie können die innere Leere nicht gänzlich ausfüllen. Als ein großes Pferderennen bevorsteht muss Joni über sich hinauswachsen und eine schwere Entscheidung treffen ...

Israel – heute: Auch der Einzelgänger Dani, der Anfang Dreißig ist, leidet. Er hat nicht nur sehr viel sondern zuviel Angst vor Anschlägen, vor Menschenmassen und vor sich selbst. Das Haus verlässt er nur ungern. Auch die bedingungslose Liebe und Unterstützung seiner Eltern Ascher und Rivka kann ihn nicht von der inneren Lähmung befreien. Zu schwer lastet das Geheimnis der Adoption auf deren Beziehung: Denn Dani weiß, dass er nicht ihr leiblicher Sohn ist: "Nicht nur weil sie braune Augen hatten und ich blaue. Nicht nur deswegen. Auf einen Beweis kam es auch gar nicht an. Es war eine innere Gewissheit. Glasklar. Gebieterisch. Grausam. Eine Gewissheit jenseits aller Zweifel- dass Ascher und Rivka nicht meine Eltern waren."

Dani spielt heute als Erster Geiger bei den Philharmonikern und lebt ausschließlich für die Musik. Seine Freundin Gili verlässt ihn, wegen beidem – der klassischen Musik und der Angst. Denn seine Furcht und das Lampenfieber zehren ihn aus. Er steht sich selbst im Weg. Nur selten kann er sein Innerstes offenbaren und Nähe zulassen. Lediglich mit anderen vereinsamten Menschen, wie mit der alten Nachbarin, fühlt er sich lose verbunden. Als er die einmalige Chance bekommt, das Solo aus Beethovens Violinkonzert auf der Stradivari zu übernehmen, bricht Dani unter diesem Leistungsdruck fast zusammen. Dann verschwindet auch noch sein Vater Ascher spurlos, und er ist gänzlich mit der Situation überfordert. Es wird deutlich: nur mit Hilfe des anderen Zwillings und weiteren "displaced persons" können die Brüder ihr Leben bewältigen.

Eran Bar-Gil bettet die Geschichte der eineiigen und eigenwilligen Zwillinge Joni und Dani, die kurz nach ihrer Geburt getrennt werden und ohne von der Existenz des anderen zu wissen heranwachsen müssen, in die reale und krisengebeutelte Welt Israels ein und bildet in abgewandelten Variationen die unterschiedlichen Formen von Angst und Einsamkeit ab.
"Zwillingsstern" ist ein optimistischer Roman voller Liebe, Freundschaft und Hoffnung.

Weiterlesen: "Die Frauen meines Vaters" von Savyon Liebrecht

Weiterhören: Larghetto und Rondo aus Beethovens "Violinenkonzert in D, Op. 61", gespielt von Jascha Heifetz oder Yehudi Menuhin.

Zum Autor: Eran Bar-Gil 1969 in Holon, Israel geboren, ist freier Autor und Musiker. Zwillingsstern wurde in der israelischen Presse herausragend besprochen und 2006 mit dem zweijährlich vom Verband Israelischer Verleger verliehenen Bernstein-Preis für den besten hebräischen Roman ausgezeichnet. (Quelle: Verlagsinformationen)

AVIVA-Tipp: In diesen Monaten feiern wir den 60. Jahrestag der Staatsgründung Israels. Israel - 1948 mit soviel Hoffnung auf Frieden und Sicherheit gegründet – wurde damals zum Zufluchtsort der wenigen Überlebenden des Holocaust – und stand noch am Gründungsabend dem ersten Krieg gegenüber. Geborgenheit und eine sichere Heimat haben viele - auch junge Israelis - bis heute nicht gefunden. Israel ist ein zerrissenes Land. Dies spiegelt sich auf eine sehr sensible und differenzierte Weise in Bar-Gils Roman und seinen großartigen ProtagonistInnen wider. Mit seiner eindrucksvollen Sprache wechselt der Autor zwischen leisen und sanften, sowie kräftigen und sinnlichen Tönen. Zwillingsstern ist eine Liebeserklärung an das Leben, an die (Wahl-)Familie und an die Musik, die besondere Spuren bei der Lektüre hinterlassen wird

Eran Bar-Gil
Zwillingsstern

Originaltitel: Parssa we´kinor
Aus dem Hebräischen von Beate E. von Schwarze
Rowohlt Verlag, April 2008
Gebunden mit Schutzumschlag, 335 Seiten
ISBN: 978-3-87134600-2
19,90 Euro