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23.10.2017

Alice Schwarzer – Die Antwort
Stefanie Denkert

Mehr als drei Jahrzehnte sind seit Beginn der Neuen Frauenbewegung vergangen, aber welche Ziele des Feminismus sind erreicht? Wo stehen wir heute? Hier kommt das "Alice-Prinzip"



Endlich meldet sich Deutschlands bekannteste Feministin wieder mit einem neuen Buch zu Wort. In "Die Antwort" geht Alice Schwarzer elf Behauptungen rund um Frauen und Männer nach, um sie systematisch zu entkräften. Denn, eben diese Behauptungen, die uns als Wahrheiten aufgetischt werden, haben Methode – und Schwarzer macht deutlich, wer davon profitiert und wie Frauen trotz juristischer Gleichberechtigung weiterhin diskriminiert werden.

Zunächst geht Alice Schwarzer dem Klischee "Frauen sind von Natur aus anders" auf den Grund. Dabei formuliert sie so deutlich, wie es leider in letzter Zeit kaum ein/e andere/r in der Geschlechterdebatte getan hat, dass der Mensch und seine Sexualität zu komplex sind, als dass man die "Entweder/Oder-Schablone" (Natur vs. Erziehung, hetero- vs. homosexuell) anlegen könnte. Ziel der Frauenbewegung ist es schließlich - und das überrascht immer noch viele - Frauen und Männer von den Rollenzwängen zu befreien, damit sie einfach "Mensch" sein können.
Mit "Im Namen des Propheten" widmet sich Schwarzer der Unterdrückung von Frauen im muslimischen Kulturkreis innerhalb und außerhalb Deutschlands. Bereits seit drei Jahrzehnten kämpft sie für Frauen, die unter dem fundamentalistischen Männlichkeitswahn – vom Kopftuch bis zum Ehrenmord - leiden. Die muslimischen Frauen in Deutschland müssen in ihrer Emanzipation, gleichermaßen wie die Frauen in den Entwicklungsländern bestärkt und unterstützt werden.

Bereits erreichte Ziele der Frauenbewegung, wie das Recht auf Abtreibung, können uns auch wieder weggenommen werden. Wie versucht wird, uns dieses Recht streitig zu machen, darüber schreibt sie in "Abtreibung ist Mord". Im Gegensatz zu den Behauptungen von AbtreibungsgegnerInnen sind Feministinnen nie Pro-Abtreibung, sondern "pro-choice" - also für die Möglichkeit, legal abzutreiben. Gleichzeitig hat die Frauenbewegung sich nicht gegen Mutterschaft positioniert, sondern für eine Verbesserung in der Familienpolitik. In "Das Kind braucht die Mutter" fordert Alice Schwarzer, dass Väter in die Kindererziehung mehr einbezogen werden und Eltern mehr Unterstützung vom Staat bekommen sollten, unter anderem durch bessere Betreuungsmöglichkeiten. Unter den jungen Vätern gibt es viele, die sich aktiv an der Kindeserziehung beteiligen wollen, statt nur den "Feierabend-Papi" zu spielen, doch auch ihnen wird es schwer gemacht. So wäre eine 30/32-Stundenwoche für berufstätige Eltern von kleinen Kindern eine familienfreundliche Lösung. Gleichzeitig müssen sich Mütter von den hohen Erwartungen befreien, die ihnen in Deutschland (Stichwort: "Rabenmutter") immer noch entgegen gesetzt werden.

Magersucht bzw. Essstörungen ("Ich bin viel zu dick"), Pornographie ("Pornographie ist geil") und Prostitution ("Prostitution wird es immer geben") sind selbstverständlich Themen, die in "Die Antwort" nicht fehlen dürfen. Auch diese "alten" Themen bekommen ein Update und dabei weist Schwarzer auf den alarmierenden aktuellen Stand - von verhungerten Models, Hardcore-Pornos auf Handys von Jugendlichen, bis zur neuen Salonfähigkeit des Puff-Besuchs - hin. Die Pornofilmindustrie in den USA macht mittlerweile nicht nur mehr Umsatz als Hollywood, ausgerechnet Deutschland ist der zweitgrößte Pornomarkt auf dem monatlich über 1000 neue DVDs erscheinen. Von den männlichen Pornokonsumenten scheuen sich auch nicht wenige für echten Sex zu bezahlen, so gehen in Deutschland schätzungsweise 70% der Männer mindestens einmal in ihrem Leben zu einer Prostituierten. In den USA, wo Prostitution als "weiße Sklaverei" gilt, sind es nur ca. 16%. Dass Frauenhandel und Prostitution "unlösbar miteinander verbunden sind", ist vielen Sexkäufern nicht bewusst oder es ist ihnen egal, dass von den bis zu 400.000 Prostituierten mindestens zwei Drittel ausländische Zwangsprostituierte sind. Die UN hat errechnet, dass mit Frauenhandel und Prostitution allein in Deutschland schätzungsweise 15 Millarden Euro umgesetzt werden und weltweit sind es sogar 34 Milliarden Dollar. Wer profitiert? Jedenfalls nicht die Prostituierten, denn die landen laut Studien zu 90% im Alter in der Sozialhilfe. Schwarzer fordert zu Recht einen verstärkten gesetzlichen Schutz für Zwangsprostituierte und auch ein verschärftes Unrechtsbewusstsein für Prostitution. Was sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn Männer sich Macht über Frauen erkaufen dürfen und dadurch einen Menschen zur Ware machen?

"Die Männer werden sich nie ändern" – das glaubt Alice Schwarzer natürlich nicht, denn sie weiß, dass mindestens ein Drittel der Männer die Emanzipation der Frau begrüßen. Ein weiteres Drittel könnte man noch ins Boot holen, die müssen sich aber endlich vom restriktiven Männlichkeitswahn befreien. Männer brauchen jedoch "role models", die ihnen zeigen, wie nicht-patriarchalische Männlichkeit aussehen kann und Frauen, die ihre Forderungen an sie deutlich machen.
Abschließend rät sie jungen Frauen, sich auf ihre feministischen Vorgängerinnen zu besinnen. Denn die Zeiten mögen sich ändern, doch die Ziele des Feminismus bleiben: Gleiche Rechte, Pflichten und Chancen für männliche und weibliche Menschen.

AVIVA-Tipp: Das Feedback auf "Die Antwort" war - wie zu erwarten - gemischt. Thea Dorn, Autorin von "Die neue F-Klasse", fand zuviel "lila Rost" und beklagte auf Welt.de, dass Alice Schwarzer seit "mehr als dreißig Jahren, unverändert" die gleichen Antworten liefert. Wäre nicht eher die Tatsache zu bedauern, dass sich die Situation für Frauen in vielen Bereichen wenig verbessert (so Vereinbarkeit von Familie und Beruf), sondern sogar verschlechtert hat (Stichwort: Pornographisierung der Gesellschaft)? Alice Schwarzer hat mit "Die Antwort" eines der wichtigsten Werke in der aktuellen Geschlechterdebatte vorgelegt. Auf weniger als 200 Seiten bringt sie die drängendsten gesellschaftspolitischen Themen auf den Punkt und bezieht dabei junge Frauen, muslimische Frauen, Prostituierte, und Männer ein, die von anderen in der Diskussion oft vergessen werden. Geschickt schlägt sie immer wieder einen Bogen von den Anfängen der Frauenbewegung bis zur Gegenwart und macht damit "Die Antwort" zu einem großartigen Zeitdokument.

Zur Autorin: Alice Schwarzer (geb. 1942 in Wuppertal) ist Herausgeberin der EMMA, Publizistin und Buchautorin. Seit den Anfängen der neuen Frauenbewegung ist sie aktiv dabei und 1975 veröffentlichte Schwarzer mit "Der kleine Unterschied und seine großen Folgen", den ersten feministischen Bestseller in Deutschland (übersetzt in 12 Sprachen). 2005 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.


Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Alice Schwarzer: "Alice im Männerland"
Thea Dorn: "Die neue F-Klasse"
Mirja Stöcker (Hrsg.):"Das F-Wort – Feminismus ist sexy"
Grethe Nestor: "Die Badgirl-Feministin"
Desiree Nick: "Eva go home - Eine Streitschrift"
Silvana Koch-Mehrin: "Schwestern"
Iris Radisch: "Die Schule der Frauen"

Alice Schwarzer
Die Antwort

Kiepenheuer & Witsch Verlag, erschienen 31. Mai 2007
Gebundene Ausgabe, 208 Seiten
ISBN-10: 3462037730
ISBN-13: 978-3462037739
Euro (D) 16,90, sFr 30,00, Euro (A) 18,40

Weitere Infos finden Sie unter:

Alice Schwarzer:
www.aliceschwarzer.de
EMMA:
www.emma.de
FrauenMediaTurm:
www.frauenmediaturm.de
Kiepenheuer & Witsch Verlag:
www.kiwi-koeln.de

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