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18.12.2017

I`m not a f**king princess. Ein Film von Eva Ionesco. Ab 27. April 2012 auf DVD und auf Video on Demand
Britta Meyer

Eva Ionesco war in den frühen Siebzigern mit nur elf Jahren das umstrittenste Aktmodel Frankreichs. Jetzt steht sie nicht mehr vor, sondern hinter der Linse und rechnet kühlen Blickes mit der...



... Fotografin von damals ab: ihrer eigenen Mutter.

Paris zu Beginn der 70er Jahre. Violetta (Anamaria Vartolomei) lebt mit ihrer Urgroßmutter Mamie in sehr ärmlichen, aber geborgenen Verhältnissen. Ihre Mutter Hannah (Isabelle Huppert), eine alternde Schönheit und selbsternannte Exzentrikerin der künstlerischen Bohème treibt ziel- und erfolglos durch ein Leben als wenig gefragte Fotografin und stattet dem winzigen Heim nur sporadische Besuche ab.

Auf der Suche nach einem gestalterischen Fokus, mit dem sie die Anerkennung der Pariser Kunstwelt gewinnen kann, bleibt Hannahs Blick an ihrem puppenhaft schönen Kind hängen. Halbnackte Frauen in Pelz und Pailletten fotografiert jedeR, sie braucht ein Model, das aus der Menge hervorsticht. In das behelfsmäßige Atelier auf dem Dachboden eingeladen zu werden, birgt für Violetta mehrere Wunder zugleich: die abgedunkelten Räume voller glitzerndem, morbidem Plunder aus Theaterrequisiten und Friedhöfen waren für sie immer das verbotene Terrain ihrer vergötterten, fernen Mutter. Dort mit ihr zu kichern, zu flüstern und in den glänzenden Stoffen zu wühlen ist der endlich wahr gewordene Traum eines ignorierten und zutiefst vernachlässigten Kindes. Als Hannah ihr vorschlägt, sich mit den Kostümen zu verkleiden und für sie zu posieren, ist Violetta im siebten Himmel.

Die entstandenen Fotos von Violetta sind zweifellos äußerst ästhetisch, aber ihre überdeutliche Inszenierung eines Kindes als Sexobjekt auch ebenso schockierend wie unmissverständlich. Doch Hannahs Rechnung der kalkulierten Provokation geht auf - es ist eine Zeit, in der mensch die Legalisierung von Pädokriminalität tatsächlich öffentlich ernsthaft debattiert. Hannah wird über Nacht zum graziös-makaberen Star der künstlerischen Avantgarde.

"I`m not a f**king Princess" ist die präzise und äußerst schwerverdauliche Auseinandersetzung eines Opfers von sexueller Ausbeutung mit der Täterin. Um den Zeitgeschmack zu bedienen und den Voyeurismus der KäuferInnen zu befriedigen, werden die Fotosessions schnell freizügiger. Sich inmitten barock-morbider Settings in wollüstigen Posen zu räkeln bringt Violetta zwar endlich Hannahs Anerkennung ein, beginnt sich aber bald in ihrem deutlich sexualisierten Verhalten niederzuschlagen, welches ihre LehrerInnen verstört und sie von ihren MitschülerInnen isoliert. Violetta beginnt, sich von Innen heraus mit aller Kraft gegen die Vereinnahmung ihres Körpers zu sträuben...

Zur Regisseurin: Eva Ionesco, geboren 1965 in Paris, hat mit "My Little Princess" (so der Filmtitel im Original) eine Autobiografie ihrer eigenen Jugendjahre gedreht. Nachdem sie 1976 als jüngstes Nacktmodell in der Geschichte des "Playboy" zu sehen war, brachte 1977 ein Aktfoto von ihr auf dem Titelbild des "SPIEGEL" der Zeitschrift die erste Rüge ein, die der Deutsche Presserat jemals aufgrund von Sexismus aussprach. Sie besuchte die Schauspielschule des Théâtre des Amandiers in Nanterre und wirkte in einer Reihe französischer Spielfilme und Fernsehserien mit, ehe sie ab 2000 auch als Fotografin an die Öffentlichkeit trat.

AVIVA-Fazit: "I`m not a f**king Princess" versucht eine naturalistisch-nüchterne Schilderung eines Missbrauchs, aber dies gelingt dem Film nicht zufriedenstellend. Trotz beeindruckender Leistungen der DarstellerInnen bleiben die Figuren – bis auf Violetta – deutlich definierte TrägerInnen von Sympathien und Abneigungen: die sich selbst als Diva inszenierende, gewissenlose Mutter, die herzensgute, aber naive Urgroßmutter, die lüstern lächelnden Mäzenen der Pariser Kunstwelt. Violetta durchläuft eine qualvoll anzusehende Reihe von Entwicklungsstadien vom neugierigen Kind über faszinierte Experimente mit der eigenen Wirkung und erschrockener Rebellion, bis hin zu einer tief geschädigten und hasserfüllten Jugendlichen. Der Versuch, eine Beobachtung ohne moralische Bewertungen anzustellen, mag als selbsttherapeutische Erinnerungsreise der Regisseurin funktionieren, aber gerade in der heutigen Zeit von Jugendwahn und kindlichen Fashionmodels hätte frau sich eine deutlichere Positionierung gewünscht.

I`m not a f**king Princess. Ab 27. April 2012 auf DVD
Originaltitel: My Little Princess
Frankreich, 2011
Verleih: X Verleih
Drehbuch und Regie: Eva Ionesco
Produzent: François Marquis
DarstellerInnen: Isabelle Huppert, Anamaria Vartolomei, Georgetta Leahu, Denis Lavant, Jethro Cave, Antoine Dupuis
Kamera: Jeanne Lapoirie
Schnitt: Laurence Briaud
Musik: Bertrand Burgalat
Kostüme: Catherine Baba
Laufzeit: 103 Min.
Bildformat: 2.35:1 (16x9)
Tonformat/Sprache: Dolby Digital: Deutsch (5.1), Französisch (5.1) mit dt. Untertiteln
Untertitel: Deutsch für Gehörlose
Specials: Trailer

Weitere Informationen finden Sie auf der Website des Films unter:

www.notaprincess.de

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