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16.12.2017

Margaret Bourke-White. Fotografien 1930-1945. Ausstellung im Martin-Gropius-Bau noch bis 14. April 2013
Sharon Adler

Sie war in vielem die Erste: Die Pionierin des Fotojournalismus sah sich als "Auge ihrer Zeit". Sie war die erste Frau, die im 2. Weltkrieg auf amerikanischer Seite mitfliegen und -schwimmen ...



... durfte, die erste Frau, die Fotos von Stahlwerken, Generatoren, Maschinen und Material machte und als Industriefotografin Erfolg hatte. Die erste westliche Fotografin, der es im Jahr 1941 erlaubt war, in der Sowjetunion zu fotografieren. Darunter Stalin, seine Mutter und Großtante, aber auch russische SchülerInnen, ArbeiterInnen, Bäuerinnen, stillende Mütter. Sie war, aber auch das nur unter anderem, die erste Frau, die in das Fotografenteam der US-Amerikanischen Zeitschriften Fortune und Life aufgenommen wurde. Ihr Foto des befreiten KZs Buchenwald wurde weltweit abgedruckt.

Es ist schlieĂźlich auch ihr Foto, das als Titelbild auf der allerersten Ausgabe der Illustrierten Life am 23. November 1936 abgebildet wird.
Ein Foto, das die Fort-Peck-Talsperre zeigt, das sie während einer Reportage für Life über die im Rahmen des sogenannten "New Deal" entstehenden Projekte am Columbia River aufgenommen hat. Das Foto steht exemplarisch für Bourke-White, die sich nicht nur für das Bild, sondern auch für das Wort interessierte. Vor allem anderen hat sie sich als politische Fotografin verstanden. Stets betonte sie das "unstillbare Verlangen, zur Stelle zu sein, in vorderster Reihe zu stehen und immer dabei zu sein."

Die Weichen dafür wurden der am 14. Juni 1904 in der New Yorker Bronx als Tochter eines Ingenieurs und Erfinders polnisch-jüdischer Herkunft und einer irisch-protestantischen Mutter geborenen Margaret Bourke-White in ihrem Elternhaus gelegt. Der Vater Joseph White vertrat vehement seinen Glaubenssatz gleicher Bildungschancen für Männer und Frauen, und ihre Mutter Minnie Bourke vermittelte ihr die Werte einer beharrlichen Selbstverwirklichung.

Margaret, die ursprünglich einen naturwissenschaftlichen Zweig einschlug, entschied sich nach kurzer Zeit, Fotografie zu studieren. Warum? Ihre Idee war es zunächst, auf Safaris gehen zu können, um Tiere zu fotografieren. Auf diese Weise wollte sie ihr Spezialgebiet, die Biologie, in ihr Lebensziel integrieren. Zunächst aber faszinierten sie die Stahlkonstruktionen Clevelands und ihre beginnende Tätigkeit als Industriefotografin eröffneten ihr neue Türen und Möglichkeiten.

Margaret Bourke-White, die zweimal jeweils für kurze Zeit (von 1924-1926 mit dem Ingenieur Everett Chapman, und von 1939-1942 mit dem Schriftsteller Erskine Caldwell) verheiratet war, galt in der männlich dominierten Welt der Fotografen Amerikas als die Fotografin. Ihr Portrait in Fliegermontur während eines Bombereinsatzes, die Kamera lässig und lächelnd in der Hand, war bei den Soldaten allseits bekannt. Margaret Bourke-White ließ sich von verschlossenen Türen nicht abschrecken, im Gegenteil. Sie kämpfte für ihre Story, ihr Foto, ihre Karriere, sah sich der Wahrheit verpflichtet und wollte sie der Welt mitteilen.

Die Ausstellung präsentiert das Werk der Fotografin mit 155 Aufnahmen, Briefen und Zeitschriften. Den Schwerpunkt bilden ihre Arbeiten, die in den 1930er und 40er-Jahren in der UDSSR, der Tschechoslowakei, Deutschland, England und Italien entstanden sind. Zudem werden die für Bourke-White charakteristischen Fotografien gezeigt, wie jene, die sie im Auftrag von Eastern Airlines und der Chrysler Corporation aufnahm. Im Dokumentationsteil sind einige ihrer Wort-Bild-Strecken der Fotomagazine Fortune und Life zu sehen sowie Auszüge ihrer Briefwechsel mit Persönlichkeiten aus Politik und Kultur, wie Winston Churchill, Ansel Adams (er redete sie in seine Briefen mit "Dear Genius" an, Alfred Eisenstaedt (der sie "Chere petite Maggie" nannte) und Georgia O´Keeffe.

Ihre Arbeiten zeugen von diesem ihren "unstillbaren Wunsch dabei zu sein, wenn Geschichte geschrieben wird", wie sie es selbst formulierte. Bourke-White war es ein Anliegen, das "Auge der Zeit" sein. FĂĽr das Life-Magazin, bald nach seiner GrĂĽndung eines der bekanntesten und ambitioniertesten Magazine fĂĽr Fotojournalismus, erkundete sie mit ihrer Kamera die ganze Welt.

Ihre Karriere begann 1927 in Cleveland. Dort fotografierte sie die Stahlgießereien der Stadt. Sie reiste nach Russland, als der erste Fünfjahresplan umgesetzt wurde, sie dokumentierte die Dürrekatastrophen und die Zeit der Depression 1934 in den USA, die deutsche Invasion der Nazis in Russland im Jahr 1941 und das Bombardement der Alliierten auf Deutschland. Als Auftragsarbeit für die Zeitschrift Life hielt sie im Sommer 1945 die zerstörten deutschen Städte fest. Ihr dokumentarischer Blick zeigt jedes Detail menschlichen Lebens, Überlebens und Leidens. Sie fotografierte einsame, verzweifelte Menschen am zerstörten Anhalter Bahnhof in Berlin ebenso wie Unmengen von Soldaten, die einen Zug besteigen wollen.

Bourke-White war bei der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald und des Zwangsarbeitslagers Leipzig-Thekla vor Ort. Ihr Foto "Die lebenden Toten von Buchenwald" ging um die ganze Welt.
Was sie bei den übereinandergestapelten Skeletten empfunden hat, lässt sich wohl am ehesten in ihrer Autobiographie herauslesen – ihre Schwarz-Weiß-Fotografien jedenfalls machen keinen Unterschied zwischen jubelnden Nazis und getöteten Juden. Im die Ausstellung begleitenden Katalog finden sich fünf Seiten mit Aufnahmen aus Buchenwald. Sie zeigen noch immer in KZ-Kleidung Befreite und wohlgenährte BürgerInnen Weimars, die auf Anordnung des US-Generals S. Patton das befreite Konzentrationslager besuchen und die Leichen bestatten mussten...

Im Jahr 1946 erschien Bourke-Whites Buch "Deutschland, April 1945", worin sie ihre Eindrücke in den letzten Kriegstagen schildert. Der US-Chefankläger verwendet das Werk mit dem Originaltitel "Dear Fatherland, Rest Quietly" in den Nürnberger Prozessen als Beweismaterial. Im Zug ihrer Deutschlandreise veröffentlicht Life drei ihrer Reportagen "Forgotten Front: Italy", "Suicides", und "The Krupp Family."

Später dokumentierte die Weitgereiste unter anderem die Teilung Indiens, die Grausamkeiten des Apartheid-Regimes in Südafrika und den Koreakrieg. Die Erkenntnisse ihrer Reisen nach Indien veröffentlichte sie unter dem Titel "Interview with India" (1950). Eines ihrer berühmtesten Bilder aus dieser Zeit ist "Gandhi", den sie verehrt und auf dem dieser mit einem Spinnrad zu sehen ist.

Ihre Bilder waren häufig auf den Titelseiten der Magazine Fortune und Life zu sehen, für die sie jahrelang arbeitete. Doch war sie nicht nur engagierte Kriegsberichterstatterin, sondern stand manchmal selbst als Protagonistin in den Schlagzeilen, als etwa das Magazin Life am 22. Januar 1943 ihren Bericht über den Luftangriff auf den Flugplatz El Aouina in Tunis – den wichtigsten Luftwaffenstützpunkt der Deutschen für den Nachschub von Truppen aus Sizilien – unter dem Titel "Life´s Bourke-White goes Bombing" veröffentlichte.

Ihre Bilder stehen für den Zeitgeist, Stimmungen und Strömungen einer ganzen Epoche.

Ab 1953 litt Bourke-White unter ersten Symptomen der Parkinson-Krankheit, die sie jedoch lange ignorierte – sie war ein Workaholic. Nach der offiziellen Diagnose konnte sie nicht mehr als Fotografin arbeiten, so hat sie ab 1957 keine Aufträge mehr von Life annehmen können und widmete sich nun sechs Jahre lang dem Schreiben ihrer Autobiographie "Portrait of Myself" ("Licht und Schatten: Mein Leben und meine Bilder", die 1963 veröffentlicht wurde. Im selben Jahr erhielt sie den Achievement Award der Zeitschrift US Camera.

Margaret Bourke-White starb am 27. August 1971 in Stamford, Connectictut im Alter von 67 Jahren.

"I have always thought that if I could turn back the pages of history and photograph one man, my choice would be Moses."

AVIVA-Tipp: Die Ausstellung der großartigen, gestochen scharfen und unbestechlichen Aufnahmen dieser mutigen Frau berührt, bewegt, informiert und darf keinesfalls verpasst werden. Deren Entwicklung von der Studentin der Biologie zur Architektur- und Industriefotografin bis hin zur Kriegsberichterstatterin wird in den Räumen des Martin Gropius Bus authentisch erfahrbar gemacht. Margaret Bourke-White war Zeitzeugin, Dokumentarin, Künstlerin und Handwerkerin in einer Person, die sich selbst häufig in Gefahr gebracht hat – um der Welt den Spiegel vorzuhalten.

Veranstaltungsort: Martin-Gropius-Bau
Niederkirchnerstr. 7
10963 Berlin
S-Bahn: Anhalter Bahnhof/Potsdamer Platz, U-Bahn: Potsdamer Platz

Eintritt:
5 Euro / ermäßigt 3 Euro
Eintritt bis 16 Jahre frei
Kombi-Ticket:
Michael Schmidt / Margaret Bourke-White
9 Euro / ermäßigt 5 Euro
Gruppen ab 5 Personen
Regulär: 3 Euro p. P.
Ermäßigt: 2 Euro p.P.

Ă–ffnungszeiten:
Mittwoch bis Montag 10 - 19 Uhr, Di geschlossen

Weitere Informationen finden Sie unter:

Martin-Gropius-Bau

Veranstalter:
Berliner Festspiele. Eine Ausstellung von La Fábrica Madrid in Zusammenarbeit mit dem Martin-Gropius-Bau, dem Preus-Museum Norwegen und dem Fotomuseum Den Haag.

Kuratorin: Oliva MarĂ­a Rubio

Partner:
Wall AG, visit Berlin, Lufthansa
Medienpartner:
Tagesspiegel, zitty, G/ Geschichte, fotoforum, AVIVA-Berlin, CITY iLIKE, RBB inforadio

Katalog
"Margaret Bourke-White. Moments in History"

La Fábrica, Madrid, (Englische Ausgabe)
Museumsausgabe 30 Euro
Buchhandelsausgabe 65,99 Euro
(ISBN 978 - 8 - 4153 - 0396 - 1)

Mehr Infos zu Margaret Bourke-White unter:

Eine Dokumentation ĂĽber Margaret Bourke-White von Lani Geistwalker auf www.youtube.com

Die Rezension von Elsa Dorfman (Photography Reviews) Margaret Bourke-White: A Biography von Vicki Goldberg

(Quelle: Martin-Gropius-Bau, AVIVA)