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24.10.2017

Alice Munro - Liebes Leben. 14 Erzählungen
Philippa Schindler

Mit leisen Tönen und ganz unsentimental führt uns die "Meisterin der Kurzgeschichten" in die Abgründe der menschlichen Existenz. Nun erschien ihr neuester Erzählband. Es sei ihr letzter, sagt Munro.



Im vergangenen Jahr erhielt die kanadische Schriftstellerin Alice Munro die höchste Auszeichnung für Literatur – den Nobelpreis. In der Begründungsrede der schwedischen Akademie hieß es, Munro habe mit ihrem umfassenden erzählerischen Werk die zeitgenössischen Short Stories zur Perfektion gebracht. Im englischsprachigen Raum ist Alice Munro bereits seit vielen Jahren eine Bestseller-Autorin, mehr als 150 Kurzgeschichten hat sie seit ihrer ersten Erzählsammlung "Tanz der seligen Geister" im Jahr 1968 veröffentlicht.

Ein klassischer "Munro"

Ein Mann gibt vor, sein Elternhaus verkauft zu haben, um eine Bekannte daran zu hindern, bei ihm einzuziehen. Eine junge Lehrerin verliebt sich in einen älteren Arzt und ist noch Jahre später von dessen Zurückweisung gekränkt. Eine Mutter entflieht ihrer Ehe, indem sie sich mit einem bekifften Hippie einlässt und macht mit ihm Liebe, während ihre Tochter ertrinkt.
Diese und weitere fiktiven Welten lässt Alice Munro in ihren Kurzgeschichten real werden. Unter dem Originaltitel "Dear Life" erschienen diese bereits 2012 in englischer Sprache, seit wenigen Wochen liegt nun auch ihre deutsche Übersetzung vor. Und obgleich sich im künstlerischen Schaffen der Autorin eine brillante Weiterentwicklung erkennen lässt - "Liebes Leben" ist und bleibt ein klassischer "Munro".

Atmen im Rhythmus der ProtagonistInnen (Leah Hager Cohen)

So sind Alice Munros Geschichten seit jeher in der südöstlichen Provinz Ontario - einem flachen und weitläufigen Landstrich, rund um den Lake Huron – beheimatet. Eben genau dort, wo auch die Schriftstellerin (bis auf eine kurze Unterbrechung) ihr ganzes Leben verbracht hat. Und auch ihre Hauptrollen besetzt Munro schon immer am liebsten mit Frauen: Protagonistinnen, die der Enge ihrer kleinbürgerlichen Existenz zu entkommen versuchen und dabei doch nur auf der Stelle treten. Schonungslos und realitätsnah leuchtet die Schriftstellerin deren Schicksale aus und entwirft auf diese Weise außergewöhnliche Portraits der Charaktere.
Und besonders in diesem Sinne zeugt Munros Prosa von einer enormen Spannbreite. Einerseits ist die Autorin in ihrer geduldigen und niemals richtenden Draufsicht auf die Geschichte sehr weit von ihren Figuren entfernt. Andererseits gelingt es ihr, die inneren Stimmen, ihre Konflikte, Sehnsüchte und Ängste, so fein aufzuzeichnen, dass wir beim Lesen meinen, wir wüssten mehr über die Beweggründe der Figuren, als sie selbst. Nahezu unmerklich entsteht auf diese Weise ein Sog der Verbundenheit, der uns in die Geschichte hineinzieht und uns bis zur letzten Seite in seinem Bann hält. Unweigerlich kommen wir den ProtagonistInnen beim Lesen so nah, dass wir beginnen in ihrem Rhythmus zu atmen.

Die Frage nach dem Woher

Kaum eine Rezension über Alice Munro kommt ohne den Hinweis aus, ihre Schreibmaschine habe früher in der Wäschekammer gestanden. Zwischen Waschmaschine, Trockner und Bügeleisen. Es sei ein Schreiben auf Raten gewesen, sagt sie, immer dann, wenn es der trubelige Alltag mit vier Töchtern eben erlaubt habe. Aus diesem Grund habe sie auch das Genre der Kurzgeschichte gewählt, für einen ganzen Roman habe ihr einfach die Zeit gefehlt. Dennoch: Nicht wäre vermessener, als Alice Munro als "schreibende Hausfrau" (Wolfgang Herles) zu inszenieren. Sie selbst begegnet solchen Darstellungen mit einem Augenzwinkern: Nicht die Kinder, sondern die tratschsüchtigen NachbarInnen haben sie am Schreiben gehindert.

Die Frage nach dem Ursprung dieser hinreißenden und außergewöhnlichen Geschichten stellt sich beim Lesen jedoch zwangsläufig. Wer, um alles in der Welt, ist in der Lage, sich so etwas auszudenken? Wer kann so schreiben? Doch Alice Munro ist eine bescheidene Schriftstellerin, sie gibt darauf nicht viele Antworten. Erst am Ende von "Liebes Leben" lüftet sie den schweren Vorhang ein wenig und gibt Einblicke in "die ersten und letzten – und persönlichsten – Dinge, die ich über mein Leben zu sagen habe." Dies ist das Finale von Alice Munros schriftstellerischem Schaffen. Nichts in dieser Art wird jemals mehr kommen.

AVIVA-Tipp: Aufrichtig und voller Zärtlichkeit lässt Alice Munro ihre Figuren zugrunde gehen. Ihre Kurzgeschichten sind dabei niemals nur auf skandalöse Entblößungen aus, sondern erzählen von vielen möglichen Leben. Genauso könnte es gewesen sein.

Die Autorin: Alice Munro ist 1931 in der kleinen kanadischen Ortschaft Wingham, Ontario geboren. Dort wuchs sie als älteste Tochter eines verarmten Nerzfarmers und einer an Parkinson erkrankenden Mutter auf. Alice Munro entdeckte ihre Leidenschaft für die Schriftstellerei schon mit 20 Jahren, doch erst 1968 gelang ihr der Durchbruch mit ihrem ersten Erzählband. Seitdem wurden ihre Kurzgeschichten mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, 2013 erhielt sie schließlich den Nobelpreis für Literatur. Munro lebt heute in Clinton, nur wenige Kilometer von ihrem Heimatort entfernt.

Die Übersetzerin: Heidi Zerning, geboren 1940 in Berlin, hat das gesamte Werk von Alice Munro übersetzt. Sie arbeitet dabei ganz ohne Internet, nur mit ihren Dutzenden von Lexika. Munros Geschichten liest sie vor der Übersetzung nicht – aus Angst, etwas von der so fesselnden Spannung vorwegzunehmen.

Alice Munro
Liebes Leben. 14 Erzählungen

Originaltitel: Dear Life
Deutsche Erstausgabe
Aus dem Englischen von Heidi Zerning
S. Fischer Verlag, erschienen 5. Dezember 2013
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 368 Seiten
ISBN 978-3-10-048832-9
21,99,- Euro
www.fischerverlage.de

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