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11.12.2017

Tori Amos - Unrepentant Geraldines
Christina Mohr

Tori Amos ist zurück – auf ihrem vierzehnten Studioalbum "Unrepentant Geraldines" präsentiert sich die amerikanische Pianistin und Songschreiberin so stark, emotional und leidenschaftlich ...



... wie seit langem nicht mehr.

Die Formulierung "ist zurück" trifft indes nicht ganz den Punkt, denn Tori Amos hatte sich in den vergangenen Jahren keineswegs zurückgezogen, ganz im Gegenteil: 2012 erhielt sie im Rahmen der Echo-Verleihung den Klassik-ohne-Grenzen-Preis für ihr Album "Night of Hunters". Darauf interpretierte Amos klassische Musikstücke neu, bei einigen Stücken ist ihre damals zehnjährige Tochter in der Rolle einer mythischen Göttin zu hören. Überhaupt schien sich Tori Amos in Rollenspielen ein wenig verloren zu haben: auf dem Album "American Doll Posse" von 2007 verkörperte sie fünf verschiedene Frauenfiguren, 2009 erschien die Weihnachtsplatte "Midwinter Graces", in dem Amos unterschiedliche kulturelle Blickwinkel auf das Winterfest aufzeigt.

Tori Amos kann sich auf die bedingungslose Hingabe ihrer weltweiten Fangemeinde zwar in (fast) jeder Inkarnation verlassen, an "Unrepentant Geraldines" werden auch Abtrünnige wieder großen Gefallen finden: Amos kehrt zum Pop zurück – zu ihrer Definition von Pop. Das heißt: Intensive Singer-/Songwriter-Balladen auf ihrem geliebten Bösendorfer-Piano, angereichert mit prächtigem, zeitgenössischem Bandsound. Parallelen zu Kate Bush und den Beatles sind erkennbar und in deren Nachbarschaft gehört Tori Amos sowieso ohne jeden Zweifel. Buchstäblich jeder Song auf "Unrepentant Geraldines" ist ein Höhepunkt, angefangen mit dem bittersüßen "Wedding Day" über das zart angesoulte "16 Shades of Blue", in dem sie schonungslos mit dem eigenen Älterwerden - Amos feierte im vergangenen Jahr ihren 50. Geburtstag - umgeht und gleichzeitig das Hadern anderer Frauen in jedem Lebensalter thematisiert ("… at 33 she fears she´ll lose her job") bis zum fernwehmütigen "America", "Oyster" ist aus der Perspektive eines unbeliebten Mädchens erzählt ("not every girl is a pearl / not every girl is popular"). Wie vor zwanzig Jahren sind Amos´ Songs Dokumente der Befreiung, regelrechte Exorzismen: "I´m gonna free myself from your opinion / I’m gonna heal myself from your religion" zürnt sie im Titelstück, Zeugnis einer wahrhaft reuelosen "Geraldine".

"Unrepentant Geraldines" ist die triumphale Rückkehr zu Amos´ Songwriter-Wurzeln und selbstbewusster Neubeginn einer gereiften Künstlerin zugleich. Die Geister der Vergangenheit sind präsent und werden es auch bleiben, aber Tori Amos hat vor nichts mehr Angst: ihre Kunst hat sie durch die Jahrzehnte getragen und zur unantastbaren Göttin am Klavier gemacht.

AVIVA-Tipp: Wer darüber sinniert, ob wohl "Scarlet´s Walk" von 2002, "Under the Pink" (1994) oder das 1998 erschienene "From The Choirgirl Hotel" Amos´ bestes Album ist, wird dank "Unrepentant Geraldines" neue Überlegungen anstellen müssen.

Tori Amos im Netz: www.toriamos.com

Tori Amos
Unrepentant Geraldines

CD 2014, 14 Tracks, Label Mercury/Universal
VÖ: 9.5.2014

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

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Interview with Tori Amos

"Tori Amos - Midwinter Graces"

"Tori Amos - Abnormally Attracted To Sin"

"Tori Amos – American Doll Posse"

"Tori Amos - Welcome to sunny florida"

"Tori Amos - Tales of a Librarian"