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21.04.2018

Lily Brett - Immer noch New York
Claire Horst

Ebenso viel wie √ľber New York erz√§hlt die j√ľdisch-amerikanische Autorin in diesen Kolumnen √ľber sich selbst, √ľber ihre Marotten und die ihrer Bekannten. Der Trend zur Wahrsagerin oder pl√∂tzliche...



... Gel√ľste nach Strudel werden dabei ebenso leichtf√ľ√üig zu Geschichten verarbeitet wie ihre dramatische Familiengeschichte.

Der Mann mit dem Papagei auf dem Kopf, der abweisende und strenge Schuhmacher oder die Obdachlose mit dem "enzyklop√§dische(n) Wissen √ľber amerikanische Filme", Lily Bretts Figuren sind skurril und vielschichtig ‚Äď eben genau wie in der Wirklichkeit. Ihr Blick auf ihre Umgebung ist pr√§zise, aber nie verletzend. Dazu ist ihre Liebe zu der Stadt New York und zu den Menschen, die darin leben, viel zu gro√ü.

Ihre Liebe zum Detail macht diese Geschichten zu etwas Besonderem, die Präzision, mit der sie alltägliche Geschehnisse beobachtet und zu Literatur werden lässt. So widmet sie eine ganze Seite dem Streit zwischen zwei Unbekannten um die Sechzig, die sie auf der Straße sieht.

"Nun sah der Mann aus, als flehte er sie inst√§ndig an. Sie sch√ľttelte sehr entschieden den Kopf. Beide waren inzwischen regennass. Pl√∂tzlich fiel der Mann auf die Knie. Er hob die gefalteten H√§nde und sah zu ihr hoch. Mir war klar, dass er um Vergebung bat. Sie sch√ľttelte wieder den Kopf und ging davon. Er blieb noch etwa eine Minute lang im Regen knien, bevor er aufstand und ihr nachlief."

Komik und leise Melancholie wechseln sich in den kurzen Texten ab. Eine der Kolumnen beginnt mit der Beschreibung einer grundlegenden Einsamkeit: "... Eine Einsamkeit, die so tief in meinem Inneren verwurzelt ist, dass sie sich ausnimmt wie ein Teil meines Kreislaufs oder meines H√∂rverm√∂gens oder meiner Blutgef√§√üe. Es ist kein gutes Gef√ľhl." Die Unm√∂glichkeit, einen Glauben zu finden, der diese Einsamkeit lindern k√∂nnte, erkl√§rt Brett mit der Erfahrung ihrer Eltern, die Auschwitz √ľberlebt haben: "Das ist vergiftetes Erbe meiner Eltern, die jeder f√ľr sich beschlossen haben, Gott zu entsorgen, als sie in der chaotischen und karzinomat√∂sen Welt von Auschwitz eingekerkert waren."

Aber, und das ist das Beeindruckende an den Texten von Brett, von der Beschreibung ihrer zahllosen Toten gelangt sie in nur zwei S√§tzen zu dem Talent ihres fast hundertj√§hrigen Vaters, das Leben zu genie√üen, zu flirten und jeglichen Opferstatus vollkommen von sich zu weisen. Sein Umgang mit seiner Bettl√§gerigkeit nach einem Unfall wird dabei zu einer Metapher f√ľr seinen √úberlebens- und Genusswillen. Denn statt sich von seinen Pflegerinnen f√ľttern und zu √úbungen anhalten zu lassen, brummt er ihnen ein Gymnastikprogramm auf:

"Seine Pflegerinnen mussten sich auf sein Bett legen und die Beine in die Luft heben, zehnmal nacheinander, w√§hrend er im Sessel sa√ü und ihre Haltung und ihre Bewegungen korrigierte. `Dr√ľcken Sie die Knie durch`, rief er in regelm√§√üigen Abst√§nden. Manchmal ging die Begeisterung mit ihm durch, und er schrie seine Anweisungen. `Heben Sie das Bein h√∂her und halten Sie das Knie gut durchgedr√ľckt`, schrie er mit dem Habitus und der Autorit√§t eines gut ausgebildeten und erfahrenen Physiotherapeuten. (...) Als die H√ľfte meines Vaters geheilt war, hatten beide Frauen mehr als zehn Pfund abgenommen."

AVIVA-Tipp: Komische bis banale Reflexionen √ľber Alltagserscheinungen wie Hunde in Pullovern oder Pferde in luxuri√∂sen St√§llen wechseln sich ab mit Betrachtungen zum allt√§glichen Antisemitismus oder dem immer noch grassierenden Sexismus in den Medien. Und dieser Wechsel ist positiv und negativ zugleich. Denn einerseits ist es sehr erfrischend, Bretts assoziativen Gedankeng√§ngen zu folgen. Andererseits wirken einige der Texte auch etwas belanglos. Nicht jede dieser kleinen Geschichten h√§tte unbedingt ver√∂ffentlicht werden m√ľssen. Trotzdem lohnt sich die Lekt√ľre schon aufgrund der Lacher, f√ľr die zumindest ein Teil der Geschichten sorgt.

Zur Autorin: Lily Brett wurde 1946 in Deutschland geboren. Ihre Eltern heirateten im Ghetto von Lodz, wurden im KZ Auschwitz getrennt und fanden einander erst nach zw√∂lf Monaten wieder. 1948 wanderte die Familie nach Brunswick in Australien aus. Mit neunzehn Jahren begann Lily Brett f√ľr eine australische Rockmusik-Zeitschrift zu schreiben. Sie interviewte und portr√§tierte zahlreiche Stars wie Jimi Hendrix oder Mick Jagger. Heute lebt die Autorin in New York. In regelm√§√üigen Kolumnen der Wochenzeitung "DIE ZEIT" hat Lily Brett diese Stadt portr√§tiert. Sie ist mit dem Maler David Rankin verheiratet und hat drei Kinder. (Verlagsinformationen)

Die Autorin im Netz: www.lilybrett.com

Lily Brett
Immer noch New York

Aus dem amerikanischen Englisch von Melanie Walz
Suhrkamp, erschienen im Oktober 2014
Gebunden, 223 Seiten
ISBN: 978-3-518-42467-4
19,95 Euro

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