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12.12.2017

Hila Blum - Der Besuch
Lisa Sophie Kämmer

Es sollte eine Woche der zweisamen Rückbesinnung werden, in der sie einander wieder näher kommen wollten. Doch Nili und Nataniel, einem jungen Ehepaar aus Jerusalem, kündigt sich unerwartet ...



... ein Besuch aus der Vergangenheit an, der alles in Frage stellt.

Nili Schoenfeler ist 38 Jahre alt. Sie ist eine junge, attraktive Frau, die seit einigen Jahren erfolgreich als Übersetzerin und Lektorin in Israel arbeitet. Ihr Leben scheint auf den ersten Blick erfüllt und unbeschwert zu sein. Gemeinsam mit ihrem sechs Jahre älteren Mann, Nataniel, bezieht sie in Jerusalem eine großräumige Dachwohnung, in der die zwei aufgeweckten Töchter, Asia und Dida, zusammen aufwachsen. Auch wenn Dida aus einer früheren Ehe stammt und nicht die leibliche Tochter Nilis ist, bilden die vier ein eingeübtes Patchwork, ein Flickwerk, das harmonisch zusammenzuhalten scheint.

Doch Nili ist rastlos. Sie ist eine Frau in Bewegung, die um ihre Anziehungskraft auf Männer weiß. Sie beginnt, zu bilanzieren und nach Antworten zu suchen. Zunehmend fragt sie sich, worin ihre persönliche Erfüllung liegt, ihr Weg, den sie selbst für sich vorgezeichnet hatte. Ängste, Zweifel und Wünsche wühlen sie auf, treiben sie um und rütteln so schonungslos an dem Bild eines harmonischen Familienlebens, das viel tiefer reicht, als das eigene Glück und dieses doch nicht allein zu umfassen vermag.

In erster Linie ist da ihre Beziehung zu Nataniel. Sequenzen einstiger Leidenschaft und inniger Verliebtheit stehen gegenwärtigem Schweigen und körperlicher Entfremdung gegenüber. Ursachen und Umstände dieser schleichenden Entzauberung eröffnen sich der Leserin dabei in Form von intimen Rückblenden, die den gegenwärtigen Erzählstrang immer wieder durchkreuzen und so in die Tiefen eines verwobenen Beziehungsgeflechts führen.

Doch was ist es gewesen, das die beiden voneinander trennte und Nili schließlich sogar denken lässt, Nataniel könne sie mit einer anderen Frau betrügen? Ist es der schwere Unfall ihrer damals zweijährigen Tochter Asia gewesen, der die beiden aus ihrer bis dahin unbeschwerten Verliebtheit riss, der sie das Schicksal unweigerlich fixieren ließ, wodurch sich Nili und Nataniel zunehmend aus den Augen verloren? Was trug die Familienkonstellation dazu bei? Resultierten aus dem Modell des Patchworks womöglich Probleme, die sich beide anfänglich nicht zugestehen wollten?

Dass sowohl in Nili, als auch in Nathaniel "unverarbeitete Dinge wuchern, wie ein Herbarium wild wachsender Gefühle" wird besonders angesichts eines unerwarteten Besuchs aus Frankreich offensichtlich. Ein französischer Millionär, den beide zu Beginn ihrer Beziehung bei einer Reise nach Paris kennengelernt hatten, kehrt unerwartet in ihr Leben zurück und mit ihm Erinnerungen an eine einst unbeschwerte Zeit. Der Besuch entpuppt sich als elementarer Anstoß für Nilis aufgewühlte Gedanken- und Gefühlswelt, da er mit ihr ein Geheimnis teilt, von dem auch Nataniel nichts weiß.

Zur Autorin: Hila Blum wurde 1969 in Jerusalem geboren. Als Jugendliche lebte sie für zwei Jahre auf Hawaii, von wo aus sie nach Paris und New York ging. Zurück in Israel arbeitete Blum als freie Journalistin. Sie verfasste verschiedene Kolumnen, Buchrezensionen und Porträts. Bevor sie ihr erstes eigenes Buch veröffentlichte, war sie zehn Jahre in der Nähe von Tel-Aviv (Or Yehuda) als Lektorin im renommierten israelischen Verlag Kinneret Zmora-Bitan Dvir tätig. Im Zuge ihrer dortigen Lektoratsarbeiten arbeitete Blum mit vielen bekannten zeitgenössischen AutorInnen zusammen, darunter Etgar Keret oder Amir Gutfreund. Mit ihrem Romandebüt "Der Besuch" gelang ihr 2011 schließlich der Sprung in die israelische Bücher-Beststellerliste.

Zur Übersetzerin: Mirjam Pressler wurde 1940 in Darmstadt geboren. Sie studierte an der Akademie für Bildende Künste in Frankfurt a.M. und in München. Nachdem sie ein Jahr lang in einem Kibbuz in Israel gelebt hatte, kehrte sie 1970 nach Deutschland zurück. In der Folgezeit verfasste sie mehr als 30 Kinder- und Jugendbücher und erhielt hierfür den "Deutschen Jugendliteraturpreis". Neben ihrer Arbeit als Schriftstellerin arbeitete Pressler als Übersetzerin. So verdanken ihr zahlreiche Originaltitel auf Hebräisch, Niederländisch und Englisch ihre Übersetzung, darunter Werke von Uri Orlev ("Lauf, Junge, lauf"), Amos Oz ("Unter Freunden"), Zeruya Shalev ("Späte Familie"), sowie von Lizzie Doron, Nava Semel, Tamar Verete-Zahavi, Mira Magén und Aliza Olmert.

AVIVA-Tipp: Das Romandebüt von Hila Blum ist eine feingliedrige Porträtaufnahme, die das vielschichtige Innenleben einer Familie offenbart. In klaren, ehrlichen Bildern, aus denen eine überaus feinfühlige Beobachtungsgabe der Autorin spricht, präsentieren sich der Leserin so authentische Gefühlswelten, die die Protagonistin Nili und ihre Mitmenschen auszeichnen. Die sich ständig auflösende Geschichte mit ihren retrospektiven Sprüngen erzeugt dabei eine besondere Spannung. Mit einer unverblümten Erzählweise und einer ausgesprochenen Klarsichtigkeit gelingt es Blum dabei, die Leserin immer wieder vor den Kopf zu stoßen, um sie am Ende selbst zum Denken anzuregen. Was bedeutet Familie heute? Und was ihre potentielle Zerbrechlichkeit?

Hila Blum
Der Besuch

Originaltitel: Ha-bikur
Aus dem Hebräischen übersetzt von Mirjam Pressler
Berlin Verlag, erschienen am 11.08.2014 (Erstveröffentlichung 2011)
416 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 978-3-8270-1194-7
22,99 Euro

Weitere Infos unter:

www.berlinverlag.de

www.mirjampressler.de

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Zeruya Shalev - Späte Familie

Mirjam Pressler - Grüße und Küsse an alle - Anne Franks Familiengeschichte in Briefen

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Elisabeth Niejahr, Rocco Thiede - Alles auf Anfang. Die Wahrheit über Patchwork