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23.10.2017

Sarah Moon - Now and Then
Sharon Adler

Sie ist eine der größten Fotografinnen unserer Zeit, hat Fotografie und auf den Blick darauf geprägt wie keine Andere. Mutig und furchtlos hat die dem Genre Portrait,- Still-, und Modefotografie ihren eigenen unverwechselbaren Stempel aufgedrückt. Der unprätentiös wirkende Bildband ...



... ehrt die Fotografien und Sequenzen der Filme Sarah Moons in aufwendigen Drucken und lässt die Künstlerin in Interviews mit den Autor_innen selbst zu Wort kommen. Ein Juwel.


Ihre Arbeiten werden mit Attributen wie "märchenhaft", "surrealistisch" oder "rätselhaft" bezeichnet, ihre Identität blieb hinter den monochrom-verschwommenen Fotografien ebenso verborgen wie die Gesichter und Körper ihrer Models. Und obwohl die Arbeiten Sarah Moons längst Eingang gefunden haben in die großen Museen und Galerien dieser Welt, bleibt doch die Biographie dieser Ausnahme-Fotografin und Künstlerin unkommentiert, obwohl doch gerade Herkunft und biographische Daten Aufschluss geben könnten auf das Werk von Sarah Moon.

Es braucht keinen detektivischen Spürsinn, um aus den vielfach gleich zitierten biographischen Daten etwas herzuleiten: "Sarah Moon, geboren 1941, wuchs in England und Frankreich auf", doch kaum jemand hinterfragt eben diese sensiblen Daten. "1941 geboren, wuchs in England und Frankreich auf". Warum? Und warum findet sich dazu kaum ein Hinweis in aktuellen Rezeptionen oder Rezensionen ihres Oeuvres, ihrer Person?

Sie jedoch allein auf ihre jüdische Herkunft, auf die dramatischen Umstände ihrer ersten Lebensjahre zu reduzieren, wäre ebenso ein Fehler, wie der Versuch, ihre Aufnahmen zu interpretieren oder einem bestimmten Genre zuordnen zu wollen.
Die Antwort liefert möglicherweise die Künstlerin selbst:
"Wenn das so ist, wenn sich die jüdische Tradition so sehr in meinen Arbeiten niederschlägt", so Sarah Moon, "würde mich das freuen."

Denn Sarah Moon, eigentlich Marielle Warin, wurde am 17. November 1941 in Vichy (Allier) auf der Flucht geboren, als ihre jüdische Mutter vor den Deutschen zu ihrem Mann flüchtete, der als Soldat an der italienisch-französischen Grenze stationiert war. Die Flucht gelang und die Eltern konnten sie in die Schweiz zum Großvater verbringen, wo sie den Krieg überlebte. Nach dem Krieg lebte sie zunächst in Frankreich, bis sie als Zehnjährige ein Jahr in England verbrachte. Als 19 jährige begann sie unter dem Künstlerinnennamen Marielle Hadengue in Paris und in London als Mannequin und Fotomodel zu arbeiten, was sie bis 1966 tat, bis sie 1968 anfing, unter dem Pseudonym Sarah Moon selber zu fotografieren. Auf ihre ersten Kampagnenbilder für Cacharel folgten Modestrecken für Magazine und Werbefotos, unter anderem für Dior, Chanel, Comme des Garçons und Christian Lacroix.
Inspiriert wurde sie dabei vor allem Issey Miyake und seiner reduzierten Auffassung von Mode und Design.

Sarah Moon ist aber weit mehr als eine Modefotografin. Sie drehte Kurz- und Dokumentarfilme (unter anderem über ihren engen Freund Henri Cartier-Bresson und Lillian Bassman) sowie den Spielfilm Mississipi One. So entwickelte sie über die Jahrzehnte ein eigenes künstlerisches, fotografisches und filmisches Werk auch frei von Auftragsarbeiten. Als erste Frau überhaupt fotografierte Sarah Moon für den Pirelli-Kalender. Zu ihren jüngsten Arbeiten zählen Bilder und ein Kurzfilm für Dior homme. Ihre größtenteils in unscharfem Schwarz-Weiß oder blassen, monochromen Farben gehaltenen Aufnahmen – Sarah Moon arbeitet oft mit Polaroid-Film oder mit Doppelbelichtungen – entführen die Betrachter_innen in ein Land der Träume, Mythen, und in das Unbewusste, sie wirken wie zufällig, improvisiert. Unschärfe als Stilmittel – ob inszeniert oder nicht - wurde zu Sarah Moons fotografischem Fußabdruck. Ihre Modeaufnahmen und ihre Mädchen- und Frauenporträts erzählen Geschichten jenseits jeglicher Banalität und folgen keinem Diktat. Sie stehen, auch wenn es pathetisch klingt, für die Ewigkeit, wirken wie aus der Zeit gefallen und sind damit zeitlos.

Sarah Moon verunsichert den Bildbetrachter. Sie wirft ihn aus dem Raum der geordneten Identität heraus in die Zeit des Zwiespalts und der chaotischen Differenz. Der Inhalt jedes einzelnen Bildes ist unsicher. Zeit und Raum verschwimmen.
Bildstruktur und Komposition sind mehrdeutig, unregelmäßig und ausschnitthaft.
Die Bildschärfe ist oft zurückgenommen,
Details, Oberflächen und Farbwerte werden verändert
ein Grauschleier hinzugefügt. Die von der Künstlerin bearbeiteten Aufnahmen spiegeln so die malerische und grafische Imagination und lassen die Bilder wie eine aufscheinende oder verblassende Erinnerung wirken"

(die Kurator_innen der Ausstellung Ingo Taubhorn und Brigitte Woischnik.)

Sarah Moon liebt das Spiel mit der Illusion und überlässt es daher auch der Phantasie der Betrachterin, ihre persönliche Interpretation um die Bedeutung zu entschlüsseln.
Ihre Arbeiten wurden in Museen und Galerien rund um die Welt gezeigt, darunter im Center of Photography, New York, im Maison européene de la photographie, Paris, dem Kyoto Museum of Contemporary Art und dem Londoner Royal College of Art. Die Werkschau " NOW AND THEN" im Haus der Photographie der Deichtorhallen Hamburg (27. November 2015 – 21. Februar 2016) war die bisher umfangreichste Ausstellung von Sarah Moon.
Das gleichnamige Buch erschien im renommierten Kehrer Verlag, es hat einen festen Kartoneinband mit Leinenrücken und Prägung und wird von einem Beiheft mit Texten und Installationsansichten der Hamburger Ausstellung begleitet.

AVIVA-Tipp: Wer die Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen mit seinen 350 Fotografien und fünf Schwarz-weiß gedrehten Filmen verpasst hat oder sich weiter mit dem Werk von beschäftigen möchte, sei der wunderschön gestaltete Bildband allerwärmstens empfohlen. Durch seine reduzierte Aufmachung steht vor allem das kunstvolle Layout und der edle Druck für sich und rückt die Arbeiten von Sarah Moon in den Fokus. Beim Blättern entsteht der Eindruck, Handabzüge in Barytpapier in Händen zu halten. Einfach nur schön.

Sarah Moon
Now and Then

Herausgeber_innen: Brigitte Woischnik, Ingo Taubhorn
Autor_innen: Barbara Vinken, Duane Michaels, Ilona Suschitzky, Ingo Taubhorn, José Chidlovsky, Magali Jauffret, Peter V. Brinkemper
DEUTSCH: 978-3-86828-676-2
ENGLISCH: 978-3-86828-656-4
Gestaltet von Detlev Pusch
Festeinband, 20 x 22,5 cm, 160 Seiten und 8 Seiten Begleitheft zur Ausstellung
133 Farb- und S/W-Abb.
Euro 45,00
Kehrer Verlag, erschienen Herbst 2015
www.artbooksheidelberg.de

Mehr Infos zu Sarah Moon unter:

www.facebook.com

"NE DITES PAS A MA MERE"

www.imdb.com

www.laplateforme.be


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