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18.10.2017

Laurie Penny - Babies machen und andere Stories
Christina Mohr, Sharon Adler

Dass Laurie Penny eine leidenschaftliche Feministin und kluge Sachbuchautorin ist, hat sie in den vergangenen Jahren eindrucksvoll bewiesen. Jetzt will die Britin auch mit ihren "Short Stories" überzeugen...



Zurzeit ist es gang und gäbe, dass KünstlerInnen die Disziplinen wechseln: PopmusikerInnen reüssieren am Theater und in der Modewelt, Bildende KünstlerInnen machen Musik, und gefühlt jede und jeder schreibt Krimis. Warum auch nicht? Genregrenzen sind schließlich von vorgestern, und nicht selten führt der Wechsel von Perspektive und Instrumentarium zu interessanten Ergebnissen.

Für Laurie Penny, die laut eigener Aussage "immer und überall" schreibt, war es scheinbar nur eine Fingerübung, von Sachbuchthemen auf erzählerische Texte umzuschalten. Die 30-jährige Penny wurde vor knapp vier Jahren mit der feministischen Streitschrift "Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus" bekannt, im Nachfolgeband "Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution" verband die Engländerin feministisch-gesellschaftlichen Aktivismus mit privaten Erfahrungen und traf damit den Nerv der Zeit: Laurie Penny ist die derzeit populärste und streitbarste Protagonistin eines modernen Feminismus, der mit überholten Klischees aufräumt und gleichzeitig nach Wegen sucht, mit denen sich möglichst viele Frauen (und auch Männer und Trans*Menschen) identifizieren können. Pennys Gefolgschaft ist inzwischen riesig, ihre Lesungen regelmäßig ausverkauft – kein Wunder, schließlich sind ihre Texte furios, direkt und klug, und haben enormes Identifikationspotenzial.

So überzeugend Pennys Sachtexte sind, so sperrig fallen ihre Kurzgeschichten aus, die jetzt gesammelt im Band "Babies machen" erscheinen. Bis auf wenige Ausnahmen wirken die Short Stories holzschnittartig und konstruiert, was in erster Linie daran liegt, dass Penny im Fiktionalen alle Themen unterbringen will, die ihr in der Realität bzw. als künftig zu erreichende wichtig erscheinen – also eher Versuchsanordnungen als Erzählungen. Zuweilen ist das richtig witzig (mit bitterer Note freilich) wie in "Wikinger-Nacht", wo ein junger männlicher Azubi mit seiner aufgekratzten Chefinnen-Riege durch Stripclubs ziehen und sexuelle Anmaßungen ertragen muss – ekelerregende Wirklichkeit für Frauen heute, immer noch. Die "Wikinger"-Geschichte spielt indes in der Zukunft, wie die meisten anderen Stories auch, handeln von neuen Reproduktionstechniken, Tierrechten, Cyborgs, Self-Enhancement durch synthetische Drogen, dem fragwürdigen Leben von buchstäblichen Underdogs in dystopischen unterirdischen Welten. Und natürlich: Kapitalismus als zerstörerische Macht, die wiederum zerstört werden muss - Science Fiction als Setting für revolutionäre Ideen ist kein ganz neuer Kunstgriff und spätestens seit Donna Haraways "Cyborg Manifesto (das 1983 erschien!) auch im Feminismus präsent. Auch die vorab im Kultur Spiegel veröffentlichte Titelstory "Babys machen" spielt in der (nahen?) Zukunft und verweist eine Spur zu gewollt und absichtsvoll darauf, wie Familienleben in einer feministisch-idealen Zukunft möglicherweise aussehen könnte. Aus der Einleitung: "Annie ist sauer auf ihren Mann Simon, weil dem das Baby im Kindersitz vom Autodach gefallen ist. Zum Glück ist Annie Robotikingenieurin und das Baby nur eine Maschine. Simon hat nun mal einfach kein Händchen für komplizierte Technik..." – aus der reinen Umkehrung von Klischees wird aber nicht zwangsläufig gute Literatur, was (leider) auf fast alle Stories von Laurie Penny zutrifft.

AVIVA-Fazit: Längst nicht so provokant und brillant wie Pennys Sachbücher ist ihr Band "Babies machen" geraten. Der Erfolg wird ihr trotzdem sicher sein, dennoch hofft frau auf neue sachbuchige Veröffentlichungen von Laurie Penny.

Kultfigur Penny und ihre Boykottaufrufe gegen Israel

In den vergangenen Jahren hat AVIVA-Berlin selbstverständlich ausführlich und begeistert zu Laurie Penny und ihren Publikationen berichtet. Im Jahr 2013 haben wir ein Interview mit ihr geführt ("I think feminism is one of the sexiest things out there"), und war nun einigermaßen geschockt von ihrer offenen Unterstützung von Boykottaufrufen gegen Israel ("I´m One Of 1000 UK Artists Boycotting Israel").

Noch fragwürdiger jedoch ist die ausbleibende Kritik an dieser Haltung – Laurie Penny steht damit in der Tradition der britischen Professoren-Vereinigung, die schon seit Jahren systematisch jüdische Professor_innen aus den Unis ausschließt.
Penny, die selbst einen jüdischen Background hat, scheint sich weder ihrer Verantwortung, noch der Tragweite ihrer Statements bewusst zu sein – der Boykott schadet vor allem der arabischen Bevölkerung in Israel, die durch eben diesen Boykott ihrer Arbeitsplätze beraubt werden.

Zur Autorin: Laurie Penny ist eine der wichtigsten Vertreterinnen des jungen Feminismus in Europa. 1986 in London geboren, lebt sie derzeit in England und den USA, nächstes Jahr will sie nach Berlin umsiedeln. Sie hat Englische Literaturwissenschaft in Oxford studiert und schreibt für den New Statesman und für New Inquiry sowie auf Twitter, wo sie inzwischen über 100.000 Follower hat. Zuletzt erschienen bei Edition Nautilus "Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus" (2012) und "Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution" (2015).
Laurie Penny im Netz: laurie-penny.com undwww.penny-red.com (Laurie Penny´s website and blog)

Laurie Penny
Babies machen

(Short Stories
Originaltitel: Making Babies
Aus dem Englischen von Anne Emmert
Edition Nautilus, erschienen März 2016
Gebunden mit Schutzumschlag, 176 Seiten)
ISBN 978-3-96054-000-7
19,90 Euro
www.edition-nautilus.de

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