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24.10.2017

Christiane Grefe - Global Gardening. Bioökonomie - neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft? Kathrin Hartmann - Aus kontrolliertem Raubbau. Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren
Helga Egetenmeier

Glyphosat und Palmöl, TTIP und gentechnisch veränderte Lebensmittel, diese Begriffe wirken polarisierend, doch kaum jemand weiß, was genau dahinter steckt. Die beiden Autorinnen füllen diese Begriffe...



...auf verständliche Weise und untersuchen dabei mit detailgenauen Recherchen, wer durch die Entwicklungen in der Bioökonomie zu den Gewinnern und Verlierern gehört.

Christiane Grefe - Global Gardening. Bioökonomie - neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft?

In der vielschichtigen Auseinandersetzung mit dem weiten Feld der Bioökonomie zeigt sich die langjährige Beschäftigung der ZEIT-Redakteurin und Autorin Christiane Grefe mit ökologischen und sozialen Themen. Sie diskutiert nicht nur die Ängste und Hoffnungen, die in die Bioökonomie projiziert werden, sondern erklärt anschaulich die interessengeleiteten Hintergründe von der Vergabe von Forschungsgeldern bis zu der gewinnorientierten Sicherung von Ressourcen durch global agierende Konzerne in Entwicklungsländern.

Bei ihren Recherchen stellte sie fest, dass sich die Definition von Bioökonomie in den letzten dreißig Jahren stark gewandelt hat. Stand sie ursprünglich für die Suche nach sozial verträglicher Selbstbegrenzung zwischen Naturgesetzen und ökonomischen Entscheidungen, geht es heute um die "wirtschaftliche Nutzung biologischer Erkenntnisse mit dem Ziel, fossile Ressourcen zu ersetzen."

Fortschrittsgläubigkeit versus Rückständigkeit sind zwei Begriffe, die in der Bioökonomie-Debatte oft unsachlich genutzt werden, um den schwierigen inhaltlichen Auseinandersetzungen zu entgehen. Hervorzuheben für dieses Buch sind deshalb die vier Streitgespräche von ExpertInnen, die die Autorin nach einer Einführung in deren Themenbereich eingefügt hat. Die dabei diskutierten gegensätzlichen Positionen zeigen jedoch auch, wie groß die Differenzen um die Vorstellung "Wie wollen wir leben?" sind.

Ins ökonomische Detail geht Grefe bei den Genveränderungen an Pflanzensamen, die dadurch patentierbar und als Ware handelbar werden. Die Saatgutkonzerne begründen dies durch zunehmenden Nahrungsmangel aufgrund der fortschreitenden Überbevölkerung und dem Klimawandel. Hier stellt die Autorin dar, wie aggressive Akteure kapitalorientierter Firmen sich in sozialpolitische Themen einmischen und durch massive Lobbyarbeit Gesetze beeinflussen. Deshalb setzt Grefe ihr Vertrauen in die ExpertInnen, die in den ärmsten Regionen der Welt arbeiten und der Bioökonomie mit großer Skepsis begegnen.

AVIVA-Tipp: Einen gut lesbaren Einblick in ein komplexes Thema liefert dieses Buch, das zudem dazu animiert, einen relevanten Teile des menschlichen Lebens, die Nahrung, nicht den Verflechtungen zwischen Wirtschaftsbossen und PolitikerInnen zu überlassen. Für die Autorin sind die Würfel noch nicht zu Ungunsten der kommenden Generationen gefallen und sie zeigt durch die gut eingeleiteten und detailreichen Streitgespräche einen wichtigen Weg in die Auseinandersetzung und die Bioökonomie.

Zur Autorin: Christiane Grefe, geboren 1957 in Lüdenscheid, studierte an der Deutschen Journalistenschule Politikwissenschaft, Kommunikationswissenschaft und Amerikanistik in München. Sie war freie Journalistin bei Natur, Geo Wissen und beim Magazin der Süddeutschen Zeitung und arbeitet seit 1999 als Reporterin für die ZEIT. Den Schwerpunkt ihrer Arbeit bilden ökologische und soziale Themen. Zuletzt erschien ihr gemeinsam mit Harald Schumann verfasstes Buch "Der globale Countdown", für das sie 2009 den Preis "Das politische Buch" der Friedrich-Ebert-Stiftung erhielten.
(Quelle: Verlagsinfo)



Christiane Grefe
Global Gardening
Bioökonomie - neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft?

Verlag Antje Kunstmann, erschienen Februar 2016
Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag, 320 Seiten
ISBN-13:978-3956140600
22,95 Euro
www.kunstmann.de

Kathrin Hartmann: Aus kontrolliertem Anbau. Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren.

Kathrin Hartmann ging für ihre Recherchen zu den AkteurInnen und BäuerInnen in Asien, deren Leben die Palmölproduktion und Shrimps-Aquakultur entscheidend veränderte. Diese von Vertreibung und Ausbeutung Betroffenen, haben sich in kleinen NGOs zusammengeschlossen, um für ihre Rechte gegen globale Konzerne und die eigene Regierung eintreten können. Sehr genau betrachtet Hartmann diesen Kampf der Einheimischen um ihr kleines Stück Land, das ihnen mit Versprechungen und Drohungen weggenommen wurde und wird. Besonders ärgerlich findet sie es, dass Palmöl ein Biosiegel für nachhaltigen Anbau erhält, obwohl es bereits mehrere Tote auf Seiten der protestierenden Bevölkerung gab.

Gut recherchiert zeigt sie die stabilen Verflechtungen weltweit agierender Konzerne, wie Unilever, dem größten Konsumgüterkonzern der Welt, mit lokalen Firmen und Geldgebern, wie der Weltbank, sowie gewinnorientierten Zertifizierungsstellen, wie dem TÜV Rheinland. Ebenso gute Verbindungen besitzt die selbstlos wirkende Bill&Melinda Gates Foundation, die neben ihren gewinnorientierten Interessen auch ihre eigenen Forschungsziele verfolgt.

Im Gegensatz zu Grefe nimmt Hartmann keine Haltung als Vermittlerin ein. Sie stellt sich auf die Seite der vertriebenen KleinbäuerInnen, die nun als Billiglohnkräfte ausgebeutet werden, oder auf ihren Feldern gentechnisch veränderte Lebensmittel anbauen, das "trojanische Pferd der Saatgutkonzerne", wie sie es nennt. Keiner dieser Global Player brauche sich davor fürchten, dass das Außenhandelsabkommen TTIP nicht zustande kommt, da der antidemokratische Industrie-Lobbyismus weiter seinen Weg finden wird, seine Interessen durchzusetzen.

AVIVA-Tipp: Für Hartmann haben westliche Konsumbedürfnisse einen großen Anteil an der Zerstörung der Lebensgrundlage vieler Menschen in den Entwicklungsländern und der wenigen, dort noch intakten Natur. Dazu zählt auch der Anbau gentechnisch veränderter Lebensmittel durch Organisationen und Stiftungen, die vorgeben, im Namen der Menschheit zu wirken. Bei diesen mächtigen GegnerInnen sieht die Autorin Veränderungsmöglichkeiten nur im Widerstand durch Basisorganisationen, wofür sie einige Beispiele anbringt, deren Kämpfe auch kleine Lichtblicke zulassen.

Zur Autorin: Kathrin Hartmann geboren 1972 in Ulm, studierte Kunstgeschichte, Philosophie und Skandinavistik in Frankfurt/Main und arbeitete nach einem Volontariat bei der Frankfurter Rundschau dort als Redakteurin für Nachrichten und Politik. Von 2006 bis 2009 war sie bei Neon als Redakteurin, heute lebt und arbeitet sie in München. Mit "Ende der Märchenstunde" erschien 2009 ihr erstes Buch über die Vereinnahmung der Lifestyle-Ökos durch die Industrie, 2012 folgte mit "Wir müssen leider draußen bleiben" ihr zweites Buch über die neue Armut.
(Quelle: Verlagsinfo)
Blog von Kathrin Hartmann: www.ende-der-maerchenstunde.de



Kathrin Hartmann
Aus kontrolliertem Raubbau
Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren

Blessing Verlag, erschienen August 2015
Paperback, Klappenbroschur, 448 Seiten
ISBN-13: 978-3-89667-532-3
18,99 Euro
www.randomhouse.de

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Weitere Infos unter:

Die LandarbeiterInnenbewegung für Nahrungssouveränität und Sozialen Wandel in Bangladesch ist ein Zusammenschluss der Bangladesh Krishok Federation und der Frauenorganisation Bangladesh Kishani Sabha mit rund zwei Millionen Mitgliedern, die sich auch für Geschlechtergerechtigkeit einsetzt.

Webseite des Bioökonomierats, der als unabhängiges Beratungsgremium der Bundesregierung über seine Arbeit informiert.