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19.10.2017

Inge Deutschkron - Mazal tov zum 94. Geburtstag!
Yvonne de Andrés

Am 23. August 2016 feiert die Schriftstellerin ("Ich trug den gelben Stern") Geburtstag. In Büchern, Reden und Engagement zeigt sie, wie wichtig es auch heute noch ist, sich gegen Entrechtung, Diskriminierung und für Menschlichkeit hinzusetzten. Diese Haltung gegenüber den Nazis prägt sie bis heute



Inge Deutschkron ist für mich eine der Personen, vor deren Lebenshaltung ich große Hochachtung habe. Begegnet bin ich ihr zuerst in ihren Büchern. Anfang der 80er Jahre drückte mir ein guter Freund ihr Buch "Ich trug den gelben Stern" in die Hand und meinte, dieses müsste ich unbedingt lesen. In diesem Buch schreibt Inge Deutschkron über ihre Erfahrungen von Entrechtung, Verfolgung, Deportation und Tod, Illegalität sowie Identitätsverlust und zugleich über stille menschliche Hilfsbereitschaft.

In ihrer Rede am Tag der Befreiung des KZ Auschwitz 2013 vor dem Deutschen Bundestag trug Frau Deutschkron ihre Erinnerungen vor: "Mein Kind, Du bist Jüdin." Meine Mutter setzte sich zu mir, wie so oft, wenn sie mir etwas Wichtiges mitteilen wollte. Es war wenige Tage nachdem die NSDAP die Macht in Deutschland übernommen hatte. "Du gehörst nun zu einer Minderheit", sagte sie mit fester Stimme. "Du musst den andern in Deiner Klasse zeigen, dass Du deshalb nicht geringer bist als sie." Sie wisse natürlich, dass ich das auch tun würde. Energischer werdend fügte sie hinzu: "Lass Dir nichts gefallen, wenn Dich jemand angreifen will. Wehr Dich!" Ein Satz, der mein ganzes Leben bestimmen sollte..."

Sie war in Berlin aufgewachsen, für ihre sozialdemokratischen Eltern war Religion nicht so wichtig und so musste sie erfahren, was es heißt, ein jüdisches Kind zu sein. "Doch, was war das, eine Jüdin? Ich fragte nicht danach... Irgendwie schien mir dies ein schwieriges Thema zu sein. Möglicherweise hatte es etwas mit Religion zu tun. Ein Fach, das in meiner Schule nicht gelehrt worden war und zu Hause keine Rolle spielte. Ich weiß auch heute nicht mehr, ob meine Mutter ihre Feststellung näher erläutert hatte. Ich weiß nur noch, dass ich sie nicht verstand."

Anders als bei der Religion war ihr ganz klar, für was die Nazis standen. Die anfangs schleichende Entrechtung bedeutete, dass Inge Deutschkron nicht mit Gleichaltrigen spielen konnte, vom Schwimmen- und Sportunterricht ausgeschlossen wurde, mehrmals die Schule zu wechseln hatte, der Vater, Oberstudienrat Dr. Martin Deutschkron, aus dem Schuldienst entlassen wurde. Dieses Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums bestimmte die Entlassung all jener aus dem Staatsdienst, deren "politische Betätigung nicht die Gewähr dafür bietet, dass sie jederzeit rückhaltlos für den Nationalstaat eintreten würden". Sie beschreibt sehr genau die Empörung ihres Vaters nach dem Erhalt des Entlassungsbriefes aus dem Schuldienst in ihrer Rede im Bundestag: ´"Ich, der ich als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teilgenommen habe, dürfte wohl damit meine positive Einstellung zum Nationalstaat bewiesen haben"´, antwortete mein Vater auf diesen Brief. Seine Empörung sprach deutlich aus seinen Worten. Einer Antwort seitens des Ministeriums wurde der Oberstudienrat Dr. Martin Deutschkron nicht mehr gewürdigt. Das Gesetz wurde erlassen und ausgeführt. Viele ehemalige Beamte und Angestellte führte dieses Gesetz in die Arbeitslosigkeit. Auch unser Budget musste drastisch gekürzt werden."

Die Familie Deutschkron musste in ein anderes Stadtviertel umzuziehen. Die Angst vor einer Verhaftung nahm immer mehr zu. Die Eltern, die politisch aktiv waren, ließen Inge Deutschkron dann häufig abends mit der Haushälterin alleine. "Oft konnte ich des Abends nicht einschlafen und horchte auf Tritte im Treppenhaus. Waren es die von Stiefeln, bekam ich Angst, es könnten die von SA-Männern sein, die kämen, um meinen Vater zu verhaften. Verhaftung – das Wort war mir bald nicht mehr fremd. Häufig wurden Menschen verhaftet, die aus ihrer gegnerischen Haltung zur ´neuen Ordnung´ keinen Hehl gemacht hatten. Dann wurden sie in Folterkellern der SA, irgendwo in Berlin, gequält."

Den Deutschkrons war klar, dass es sich um eine planmäßige Diskriminierung handelte, an deren Ende die totale Menschenverachtung und Mord standen.
Dr. Martin Deutschkron konnte 1939 mit Hilfe seiner Kusine noch nach England emigrieren. Da für die Einreise nach England viel Geld hinterlegt werden musste und dies nicht für alle reichte, emigrierte der gefährdete Vater als erster nach London. Ab 1941 mussten die Juden den gelben Stern tragen, die ersten Deportationen begannen. Der Kriegsbeginn 1941 verhinderte für Mutter und Tochter die Emigration.

Zwei Jahre lang hat Inge Deutschkron in der Blindenwerkstatt Otto Weidt (heute Museum und eine Gedenkstätte für alle jene mutigen Menschen, die anderen, Juden zumeist, in der NS-Zeit geholfen haben zu überleben. Man nennt sie "Stille Helden") gearbeitet und hier als verfolgte Jüdin Hilfe und Unterstützung erfahren.

"Wie auch andere Juden hatte ich gelegentlich erfreuliche Erlebnisse. Ich erinnere mich, wie Unbekannte in der U-Bahn oder auf der Straße, meist im dichten Gewühl der Großstadt, ganz nah an mich herantraten und mir etwas in die Manteltasche steckten, während sie in eine andere Richtung guckten. Mal war es ein Apfel, mal eine Fleischmarke, Dinge, die Juden offiziell nicht erhielten. Wie so vieles, was unsere Hungerrationen hätte aufbessern können. Doch es gab auch andere, solche, die mich mit Hass ansahen oder hässliche Grimassen vor mir schnitten, um ihrem Abscheu für die Jüdin Ausdruck zu geben."

Als die Situation immer gefährlicher wurde nahmen sie die Namen Ellen und Inge Richter an und tauchten unter. Ab dem 15. Januar 1943 übernahmen nichtjüdische Freund_innen und Helfer_innen das Risiko, Inge und ihre Mutter vor den Deportationen zu verstecken. Es war ein Leben voller Gefahren, ohne Lebensmittelkarten, immer begleitet von der Angst, entdeckt, erkannt und verraten zu werden. Bis zur Befreiung am 8. Mai 1945 waren die Beiden fast ständig auf der Flucht.

Kritisch erinnert Inge Deutschkron an die Haltung der Jüdischen Gemeinde, die sie nicht teilt: "Tragt ihn mit Stolz, den gelben Stern." Mit diesen Worten versuchten Funktionäre der Jüdischen Gemeinde ihre Mitglieder zu ermutigen, als wir im September 1941 gezwungen wurden, diesen gelben Lappen am äußersten Kleidungsstück in Herzhöhe zu befestigen. "Fest angenäht", so stand es im Gesetz, das für Kinder ab sechs Jahren galt. "Mit Stolz? Die Mehrheit der Deutschen, denen ich in den Straßen Berlins begegnete, guckte weg, wenn sie diesen "Stern" an mir bemerkte oder guckte durch mich, die Gezeichnete, durch oder drehte sich weg." Diese Anweisung sind Mutter und Tochter Deutschkron nur anfänglich gefolgt bis zu ihrem Abtauchen im Untergrund.

Inge Deutschkron beschreibt die damalige Situation so: "Dann waren sie alle weg – meine Familie, meine Freunde, die blinden jüdischen Bürstenzieher von Otto Weidt, die jüdischen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, ihre Orden noch am Revers ihres Mantels. Wir hatten keinen Schrei gehört, sahen kein Aufbegehren, blickten ihnen nach, wie sie gehorsam ihren letzten Weg antraten.

Des Nachts sah ich sie wieder vor mir, hörte nicht auf, an sie zu denken: wo waren sie jetzt? Was tat man ihnen an? Ich begann mich schuldig zu fühlen. Mit welchem Recht, so fragte ich mich, verstecke ich mich, drückte ich mich vor einem Schicksal, das auch das Meine hätte sein müssen? Dieses Gefühl von Schuld verfolgte mich, es ließ mich nie wieder los."


Die deutsch-israelische Journalistin und Autorin Inge Deutschkron wurde am 23. August 1922 in Finsterwalde geboren. Die Familie zog 1927 nach Berlin. Inge Deutschkron erfuhr 1933 von ihrer Mutter, sie sei Jüdin. Der sozialdemokratische Vater Dr. Martin Deutschkron wird im April 1933 wegen "politischer Unzuverlässigkeit" nach dem "Gesetz für die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" aus dem Schuldienst entlassen und emigriert 1939 nach England. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 war Inge Deutschkron und ihrer Mutter Ella die Flucht nicht mehr möglich. Von 1941 bis 1943 arbeitete Deutschkron in der Blindenwerkstatt Otto Weidt in Berlin-Mitte und wurde dort vor der Deportation bewahrt. Ab Januar 1943 lebte sie illegal in Berlin und versteckte sich mit ihrer Mutter bei nichtjüdischen Freund_innen, um dem Holocaust zu entgehen. Beide überlebten.

Von 1945/46 arbeitete Inge Deutschkron als Sekretärin in der Zentralverwaltung für Volksbildung für die sowjetisch besetzte Zone bevor ihr Vater Inge und ihre Mutter 1946 nach England holen konnte. Sie studierte vier Jahre Fremdsprachen und arbeitete danach als Sekretärin im Londoner Büro der Sozialistischen Internationale. 1956 ließ sie sich in Bonn nieder, arbeitete zunächst als freie Journalistin und wurde 1958 Deutschland-Korrespondentin der israelischen Zeitung Maariw (hebräisch: מעריב‎). 1963 nahm sie als Beobachterin für Maariw am Frankfurter Auschwitz-Prozess teil. 1966 erhielt sie die israelische Staatsbürgerschaft.

Als Reaktion auf den offenen und verdeckten Antisemitismus in der deutschen Politik und die antiisraelische Haltung der 1968er-Bewegung zog sie 1972 nach Tel Aviv. Von 1972 bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1987 war sie in der Redaktion der vorher von ihr in Bonn vertretenen Zeitung in Tel-Aviv tätig. Sie widmete sich besonders der internationalen und der Nahost-Politik. Ihre Autobiografie "Ich trug den gelben Stern" 1978 machte sie berühmt. Eine Auswahl ihrer Bücher und Publikationen: "Israel und die Deutschen: Das schwierige Verhältnis", 1983 und 2000, "Mein Leben nach dem Überleben", 2000, "Offene Antworten: Meine Begegnungen mit einer neuen Generation", 2004, "Wir entkamen. Berliner Juden im Untergrund" 2007.

Als das Grips-Theater 1988 das Theaterstück "Ab heute heißt Du Sara" – nach ihrem Buch "Ich trug den gelben Stern" einprobte, kam Inge Deutschkron nach Berlin zurück, wo sie seit 2001 wieder lebt. Oft habe ich sie in dieser Zeit in Berlin erlebt. Bei Lesungen, Diskussionen oder im Eingangsbereich der Blindenwerkstatt Otto Weidt hat sie mit viel Engagement über ihre Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus geschrieben und gesprochen. Sie ist mir ein Vorbild in ihrer politischen Klarheit und ihrer Haltung. Der von ihr initiierte Förderverein "Blindes Vertrauen e.V." hält die Erinnerung an Otto Weidt wach, der in der Zeit des Nationalsozialismus jüdischen Menschen zur Seite stand und an die "Stillen Helden", die mit Zivilcourage und viel Mut unter großem persönlichen Risiko vielen Juden das Überleben ermöglicht haben.

Die AVIVA-Berlin Redaktion wünscht Inge Deutschkron alles Gute zum 94. Geburtstag.


Mehr zu Inge Deutschkron unter:

Inge Deutschkron, Rede zum Tag der Befreiung von Auschwitz im Deutschen Bundestag, 2013:
www.bundestag.de

Inge Deutschkron Stiftung:
www.inge-deutschkron-stiftung.de

Das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt erzählt die Geschichte der Blindenwerkstatt Otto Weidt. Hier beschäftigte der Kleinfabrikant Otto Weidt während des Zweiten Weltkrieges hauptsächlich blinde und gehörlose Juden.
www.museum-blindenwerkstatt.de

Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt
www.blindes-vertrauen.de

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Zu Ehren der mutigen Berlinerin wurde am 9. November 2005 in Wilmersdorf eine Gedächtnistafel eingeweiht, die an die Rettung von Inge Deutschkron und ihrer Mutter vor der Deportation erinnert.

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