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12.12.2017

Jutta Limbach - Wahre Hyänen. Pauline Staegemann und ihr Kampf um die politische Macht der Frauen
Yvonne de Andrés

Oft wurde die am 10. September 2016 verstorbene ehemalige Berliner Justizsenatorin und erste Frau an der Spitze des Bundesverfassungsgerichts Jutta Limbach in ihrem Berufsleben nach Vorbildern gefragt. Eines war ihre Urgroßmutter, das ehemalige Dienstmädchen Pauline Staegemann. Deren Devise...



... lautete: "Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt."


Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jutta Limbach, ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, ist am 10. September 2016 im Alter von 82 Jahren in Berlin gestorben.

Ramona Pisal, Präsidentin des djb, dessen Mitglied Jutta Limbach war: "Wir trauern um unser langjähriges Mitglied Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jutta Limbach und erinnern uns ihres Lebenswerkes in großer Dankbarkeit. Sie war eine entschlossene und selbstverständliche Verfechterin der Gleichberechtigung und als erste Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts auch eine besonders starke und gewichtige Stimme.
Anlässlich unserer Veranstaltung gemeinsam mit dem Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) am 27. November 2014 zum Gedenken an die Gründung des Deutschen Juristinnen-Vereins 1914 in Berlin sagte sie zu uns ´Endlich Halbe/Halbe! Frauen haben in der Demokratie ein selbstverständliches Anrecht auf Teilhabe an politischer und wirtschaftlicher Macht. Erst wenn das Ziel erreicht ist, sind wir in Deutschland in guter Verfassung.´ Diese Worte werden uns als Auftrag begleiten."


Das im Juni 2016 erschienene Buch ist eine Spurensuche der Urenkelin, in der sie an ihre Urgroßmutter Pauline Staegemann, geb. Schuck (1838-1909) erinnert, die kam als junges Landmädchen aus dem Oderbruch nach Berlin kam. Sie arbeitete als Dienstmädchen, heiratete, und bekam vier Kinder, darunter die spätere sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Elfriede Ryneck. 1873 gehörte sie zu den Gründerinnen des ersten Berliner Arbeiterfrauen- und Mädchenvereins. Dieser Verein, der heute als erste sozialdemokratisch orientierte Frauenorganisation gilt, wollte soziale Ungerechtigkeiten überwinden. Das war zu einer Zeit, in der politische Betätigung von Frauen verboten war, revolutionär und sehr mutig. Als Witwe wohnte Pauline Staegemann in Friedrichshain. In der Landsberger Allee führte sie ein Geschäft, einen Gemüsekeller, der zum Treffpunkt von Sozialdemokrat_innen wurde. Dazu schreibt Jutta Limbach: "Sie war eine Frau der Tat und nicht der Theorie. Ihr Einsatzort war nicht der Schreibtisch, sondern ein Gemüsekeller in Berlin. Das war ein Treffpunkt und Ort, an dem sich Arbeiterfrauen, Dienstmädchen und Fabrikarbeiterinnen informieren konnten. Zu Zeiten des Sozialistengesetzes trafen sich dort auch gern Sozialdemokraten."

Von 1885 bis 1887 war Pauline Staegemann im Vorstand des "Vereins zur Wahrung der Interessen der Arbeiterinnen" zusammen mit Emma Ihrer und Gertrude Guillaume-Schack. Diesem Verein durften laut Satzung nur "Frauen und Mädchen" angehören, Männer waren von seinen Versammlungen ausgeschlossen. Ziel des Vereins war die Anhebung der Löhne, die gegenseitige Unterstützung bei Lohnstreitigkeiten, Bildungsarbeit durch wissenschaftliche Vorträge und die Einrichtung einer Bibliothek. Hinzu kam die Förderung sozialer Kontakte zwischen den Frauen durch gesellige Zusammenkünfte sowie die Errichtung einer Arbeitsvermittlung.

Pauline Staegemann wurde wegen ihres Engagements oft verfolgt und mehrfach inhaftiert. 1879 wurde sie im berüchtigten Frauengefängnis Barnimstraße interniert. Sie ließ sich davon aber nicht entmutigen oder gar mundtot machen. Eine letzte erfolgreiche Aktion an der sie beteiligt war, war 1885 die an den Reichstag gerichtete Petition, die den Nähgarneinkauf der Mantelnäherinnen betraf. Diese wurden gezwungen, Nähgarn zu überhöhten Preisen einkaufen. Durch den Streik der Konfektionsarbeiterinnen wurde die Politik zum Handeln gezwungen und eine Änderung des § 115 der Gewerbeordnung des Deutschen Reiches erreicht. Die Austeilung von Arbeitsmaterial durch den Unternehmer durfte von da an nur noch zu ortsüblichen und nicht zu überhöhten Preisen erfolgen.

Pauline Staegemann und ihre Mitstreiterinnen legten die Fundamente für eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am gesellschaftlichen und politischen Geschehen. So erlangten Frauen in Deutschland am 30. November 1918 mit der "Verordnung über Wahlen zur Verfassungsgebenden deutschen Nationalversammlung (Reichswahlgesetz)" aktives und passives Wahlrecht.

Ein bewegendes Buch über eine couragierte Frau, verfasst von ihrer ebenfalls engagierten Urenkelin Jutta Limbach, die ihre Urgroßmutter nicht persönlich kennen gelernt hat. Der Anlass, diese Biographie zu verfassen, waren der nach Pauline-Staegemann gestiftete Preis der ASF-Brandenburg und die Straßenumbenennung der am ehemaligen Berliner-Frauengefängnis vorbeiführende Straße in Pauline-Staegemann-Straße.

AVIVA-Tipp: Durch die Veröffentlichung ihrer Biographie dankt Jutta Limbach ihrer Urgroßmutter für ihren politischen Kampf für die Rechte der Frauen. Sie stellt daher keine persönlich-biographische Erinnerung, sondern politische Rückschau über den mutigen politischen Weg der Pauline Staegemann dar. Dabei fließen auch aktuelle Bezüge mit ein. Jutta Limbach schreibt dazu: "Wenn ich glaubte, als ununterbrochen berufstätige, in ambulanter Ehe lebende Mutter von drei Kindern an der Grenze meiner Belastbarkeit entlang zu schrammen, genügte mir ein Rückblick auf diese tatkräftige Frau, um mich ob meines Kleinmuts zu schämen und neuen Antrieb zu gewinnen."

Zur Autorin: Jutta Limbach geboren 1934 als Jutta Rynek und Enkelin der SPD-Reichstagsabgeordneten Elfriede Rynek, arbeitete nach dem Zweiten juristischen Staatsexamen 1962 zunächst als wissenschaftliche Assistentin an der Freien Universität Berlin. Sie wurde dort 1966 promoviert, ihrer Habilitation folgte 1972 die Berufung zur Professorin für Bürgerliches Recht, Handels- und Wirtschaftsrecht und Rechtssoziologie, sie war Professorin an der Freien Universität Berlin und von 1989 bis 1994 Senatorin für Justiz des Landes Berlin.
1994 wurde sie zur Vizepräsidentin des Bundesverfassungsgerichts und Vorsitzenden des Zweiten Senats, kurz danach als erste und bislang einzige Frau zur Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts ernannt. Dieses Amt übte sie von 1994 bis 2002 aus. Von 2002 bis 2008 war sie - wiederum als erste Frau – Präsidentin des Goethe-Instituts InterNationes.
1992 hat sie gemeinsam mit Dr. Christine Bergmann, Sibyll Klotz und Carola v. Braun den Verein "Die überparteiliche Fraueninitiative Berlin - Stadt der Frauen" gegründet. Von 2002 bis 2008 war sie Präsidentin des Goethe-Instituts. Seit 2003 war sie Vorsitzende der "Beratenden Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter, insbesondere aus jüdischem Besitz", auch Limbach-Kommission genannt. Prof. Dr.Jutta Limbach war Mitglied der SPD und in vielen Stiftungen und Vereinen ehrenamtlich aktiv.
Sie trat als Richterin, Wissenschaftlerin und Mitglied des Deutschen Juristinnenbundes e.V. (djb) für soziale Gerechtigkeit und Gleichstellung ein.
1983 trat sie dem djb bei, war u.a. jahrelang in der djb-Kommission Familienrecht aktiv und ehrte den djb bei Bundeskongressen und anderen Veranstaltungen mit ihren stets außerordentlich beeindruckenden Reden.

Ihre Verdienste wurden mit zahlreichen Ehrungen und Auszeichnungen gewürdigt, u.a. auf Vorschlag des djb 2005 mit der Louise Schroeder Medaille des Berliner Abgeordnetenhauses.

Schon lange plädierte sie für die Quote: "Endlich Halbe/Halbe! Frauen haben in der Demokratie ein selbstverständliches Anrecht auf Teilhabe an politischer und wirtschaftlicher Macht. Erst wenn das Ziel erreicht ist, sind wir in Deutschland in guter Verfassung."

Jutta Limbach
Wahre Hyänen. Pauline Staegemann und ihr Kampf um die politische Macht der Frauen

Klappbroschur, 120 Seiten
18,00 Euro [D]
Dietz Verlag, erschienen am 20. Juni 2016
ISBN: 978-3-8012-0480-8
Mehr Infos zum Buch unter: dietz-verlag.de

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