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12.12.2017

Ernestine Amy Buller - Finsternis in Deutschland. Was die Deutschen dachten. Interviews einer Engländerin 1934-1938
Ahima Beerlage

Wie kann ein ganzes Volk in die Fänge einer extremistischen Ideologie geraten? Die Engländerin Amy Buller wollte dies in den 1930er Jahren direkt von denen hören, die in Nazi- Deutschland lebten. Sie interviewte Menschen unterschiedlichster Herkunft und ...



... Gesellschaftsschicht und gibt damit Einblick in die Hoffnungen, Nöte, Wünsche und Selbsttäuschungen derjenigen, die in Nazi-Deutschland geblieben sind.

Ernestine Amy Buller wurde 1891 in London als Kind von BaptistInnen geboren. Die Familie siedelte nach Südafrika aus. 1911 kehrte Buller nach England zurück und schrieb sich schon bald am Birbeck-College als Studentin ein, wo sie als eine der wenigen Frauen 1917 ihren Abschluss machte. Während ihres Studiums konvertierte sie zum katholischen Glauben und war schon bald in der christlichen Studentenbewegung SCM (Student Christian Movement) aktiv. Nach dem verheerenden Ersten Weltkrieg entspinnen sich in christlichen StudentInnenkreisen intensive Diskussionen zu Politik, Ethik, Philosophie und Religion, um einen erneuten Kriegsausbruch und dessen unmenschliche Folgen zu verhindern. Bullers besonderes Interesse gilt schon früh Deutschland. Da die durchsetzungsfähige und gläubige Amy Buller bald das Vertrauen der kirchlichen Würdenträger hat, gelingt es ihr, in den 30er Jahren deutsch-britische Studienwochen auf deutschem Boden zu organisieren, um den Friedenswillen auf beiden Seiten zu stärken. Sie nutzt aber auch diese Aufenthalte in Deutschland, sich jenseits des von den Nazis bestimmten Protokolls mit LehrerInnen, Pastoren, Priestern, Offizieren, Grundbesitzern und Frauen zu treffen und in Interviews ihre Gewissenskonflikte, Überzeugungen, Hoffnungen und Illusionen aufzuzeichnen.

Einmalige Einblicke

Es geht ein Riss durch die Geschichte Deutschlands. Es gibt ein Deutschland vor der Shoa und ein Deutschland danach. Aus heutiger Sicht im Bewusstsein dieser Vernichtung jüdischer Menschen, Minderheiten und Andersdenkender klingen alle Erklärungen aus der Generation der Handelnden wie Rechtfertigungen und Relativierungen. Das macht das 1943 zum ersten Mal erschienene Buch zu einer ganz besonderen Quelle. Selten gibt es so unverstellte Einblicke in das Denken der Menschen, die in Nazi-Deutschland aus unterschiedlichen Gründen geblieben sind.

Zwischen Lüge und Loyalität

Berufe und Berufungen, in denen der Schutz und die Erziehung von Menschen im Vordergrund stehen, gerieten am stärksten in Gewissensnot. So will der Lehrer seine SchülerInnen nicht mit dem Irrglauben der Nazis allein lassen und versucht, ihnen subversiv echtes Wissen zu vermitteln. Doch er muss auch bekennen "Der Versuch, sich mit dem Bösen zu arrangieren, wie wir es tun, ist aufreibend und gefährlich. Wenn man sich dieser Gefahr nicht ständig bewusst ist, kann es leicht passieren, dass man sich irgendwann selbst belügt." Teile der katholische Priester und protestantische Pfarrer bleiben bei ihren Gemeinden, um ihnen im Glauben den Rücken zu stärken und in der Seelsorge einen Teil ihrer Gewissenslasten zu nehmen. Dabei bleibt der Konflikt, mit offenen Worten das Regime anzugreifen und verhaftet zu werden oder die Worte zu verschleiern, um ein Minimum an Unterstützung geben zu können. Noch viel tiefer ist der Konflikt für Angehörige der Wehrmacht. Gedemütigt nach dem Ersten Weltkrieg, nehmen sie Hitler zunächst als denjenigen wahr, der dieser Wehrmacht wieder Selbstbewusstsein gegeben hat, und binden sich mit einem Eid an ihn. Doch die Nazilehren, die das Denken der Jugend untergraben, wollen die Offiziere ihren Schutzbefohlenen wieder austreiben. Ihre Illusion: Hitler die eidesstattliche Treue halten zu können und sich dabei aber nicht auf die Irrlehren und seine Verbrechen einlassen zu müssen. Dieser Eid auf den Führer wird viele Wehrmachtsangehörige später zu unmenschlichen Taten bringen oder zumindest zu ihrer Duldung.

Ende der Emanzipation

In einer vom Mutterkult durchzogenen Ideologie ist für die emanzipierten Frauen der 1920er Jahre kein Platz mehr. Eine emanzipierte Frau beschreibt die Haltung im Interview: "Den intelligenten Frauen zeigte die Partei die kühle Schulter. An ihrer Stelle machen nun die dummen, gefühlsseligen, ungebildeten und unzufriedenen die Arbeit einer ganzen Generation zunichte, die alles getan hat, um uns Frauen Türen in Politik und Verwaltung zu öffnen". Das Frauenbild, das die Nazis etabliert haben, wird noch lange in der späteren Bundesrepublik nachwirken. Die Interviewpartnerin gesteht sich aber auch ein, dass sie und alle fortschrittlichen Kräfte in der Erschöpfung nach dem Ersten Weltkrieg verharrt hätten und erst dann aufgewacht seien, als offener Widerstand nicht mehr möglich war.

Zwiespältiges Zeitbild

Amy Buller war keine Intellektuelle im klassischen Sinn. Ihre Interviews hat sie aus persönlichem Impuls geführt, ihr Blick auf die deutsche Gesellschaft ist subjektiv. Doch gerade darin liegt auch die Stärke des Buches. Der journalistische Stil ist einfach gehalten, die Neugier an vielen Stellen fast naiv. Aber dadurch wird das Buch auch leicht lesbar. Ihre Beschreibungen von den blechern lauten Aufmärschen beim Parteitag in Nürnberg, die überwältigenden Inszenierungen der Masse, das unheimliche Talent des privat farblosen Führers, vor Massen zum manipulativen Messias zu mutieren, sind selten eindrücklicher beschrieben. Aber auch ihre Erkenntnisse, wie sehr die Arbeitslosigkeit, die Niederlage im Ersten Weltkrieg und die Wirtschaftskrise dem Rattenfängertum des Naziregimes den Weg bereitet haben, sorgen für wichtige Rückschlüsse für die späteren SiegerInnen. Auffällig bleibt aber auch, dass die Interviewten ebenso wie Buller selbst kaum die Judenverfolgung thematisieren.

AVIVA-Tipp: Wir können dem Journalismus-Professor Kurt Barling dankbar sein, dass er das Buch "Darkness over Germany" nach über 70 Jahren wiederentdeckt hat, ebenso Michael Pfingstl, der es übersetzt hat, und Dr. Elisabeth Sandmann, die es den deutschen LeserInnen zugänglich gemacht hat. Diese Interviews, aufgezeichnet mitten im vom Faschismus beherrschten Deutschland, sind ein fehlendes Puzzlestück, um den Aufstieg und Fall des Nazistaates zu verstehen. Lediglich einige Übersetzungsfehler trüben manchmal das Bild. So wird aus "the terrible attack on the Jews" in der deutschen Fassung das unsägliche Reichskristallnacht. Auch erschreckt es, dass die Interviewten in den Gesprächen weitgehend die Situation ihrer jüdischen MitbürgerInnen ausblenden. Angesichts der jüngsten Tendenzen, sich in Ermangelung religiöser oder politischer Überzeugungen wieder neuen fremdenfeindlichen und faschistoiden RattenfängerInnen anzuschließen, liefert das Buch jedoch differenzierte Einblicke in die Entstehung solcher Strukturen.

Zur Autorin: Ernestine Amy Buller, (1891–1974), studierte Geschichte am Birkbeck College in London. Ab 1912 unternahm sie zahlreiche Reisen nach Deutschland. Sie engagierte sich in der christlichen StudentInnenbewegung und arbeitete mit dem Historiker Allan Bullok zusammen. 1944 wurde sie Leiterin eines Frauencolleges und 1947 vom englischen Königshaus darin unterstützt, ein eigenes College zu gründen. 1949 Eröffnung von Cumberland Lodge, einem Begegnungsort für StudentInnen aus aller Welt. (Quelle: Elisabeth Sandman Verlag GmbH)
Mehr Informationen zur Autorin im Netz:
www.elisabeth-sandmann.de

Ernestine Amy Buller, Kurt Barling (Hg.)
Finsternis in Deutschland
Was die Deutschen dachten. Interviews einer Engländerin 1934-1938

Originaltitel: Darkness over Germany
Aus dem Englischen von Michael Pfingstl
Gebunden mit Schutzumschlag, 352 Seiten, über 25 Abbildungen in S/W
ISBN 978-3-945543-09-2
Elisabeth Sandmann Verlag, erschienen 2016
24,95 Euro
www.elisabeth-sandmann.de

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