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23.10.2017

Lucia Moholy, Die englischen Jahre. 5. Oktober bis 27. Februar 2017 im Bauhaus-Archiv
Yvonne de Andrés

Das Leben nach dem Bauhaus. Lucia Moholy gehörte zu den namhaftesten Fotografinnen des frühen 20. Jahrhunderts und doch ist ihr fotografisches Werk im Exil in London weitgehend unbekannt. Erstmalig werden ihre Arbeiten aus den 1930er bis 1950er Jahren umfassend vorgestellt.



"Lucia Moholy lebte fünf Jahre am Bauhaus und hat mit ihren dort entstandenen sachlichen Fotografien das Bild vom Bauhaus bis in die Gegenwart entscheidend geprägt. Sie ist durch diese Arbeit berühmt geworden. Nun möchten wir den Blick auf ihr Leben und Schaffen nach dem Bauhaus lenken, das nur wenige Experten kennen.", erklärt Dr. Annemarie Jaeggi, Direktorin des Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung mit Fotografien der Künstlerin.

Lucia Moholy gelang es im August 1933 über Prag, Wien, Paris nach London zu fliehen. Nicht ihre jüdischen Wurzeln, sie verstand sich als Atheistin, sondern ihre Verachtung für das NS-Regime und die Verhaftung ihrer großen Liebe, des KPD-Reichstagsabgeordneten Theodor Neubauer, veranlassten sie, Deutschland zu verlassen. Ihr "wertvollster Besitz", ihre knapp 600 Negative umfassendes Archiv, blieb zurück in Berlin. Über Umwege gelangte ihr Archiv in die Obhut von Walter Gropius, der den Besitz des Bestandes jahrelang leugnete.

Von 1934 bis 1958 lebte Lucia Moholy in London. Nach dem Erhalt der Aufenthaltsgenehmigung schlug sie sich mittellos als Porträtfotografin und Autorin durch. Ihren Lebensunterhalt verdient sie mit Auftragsarbeiten für diverse Verlage. Diese beauftragten sie meist damit, Illustrationen für Bildbände zu erstellen. Ihre Fotografien für diese Bände sind nicht nur sachlich, sie wirken auch malerisch und manchmal sogar romantisch, ganz anders ihre Personenportraits.

Die nun im Bauhaus-Archiv ausgestellten Porträtaufnahmen Moholys stammen aus den Jahren 1935 und 1938 und waren zum großen Teil Auftragsarbeiten von bekannten Persönlichkeiten, ihrer Familie und FreundInnen. Diese Arbeiten entsprechen meist der Konvention des klassischen Portraits. Die Kuratorin der Bauhaus-Archiv-Ausstellung, Sibylle Hoiman, erläutert: "Auf der anderen Seite konnte Lucia Moholy zuweilen auch auf Darstellungsweisen zurückgreifen, die sie bereits zu Dessauer Zeiten erprobt hatte: etwa das harte, scharfkantige Profil und starke Kontrastbildungen durch gegeneinander gesetzte Schwarz- und Weißflächen, die das Gesicht in zwei Hälften zu teilen scheinen. Auch die Positionierung des Porträtierten im Bild sowie die Körperhaltung und die Neigung des Kopfs zählen zu den Mitteln der Bildkomposition, die auf ihre Arbeiten in den 1920er-Jahren verweisen."

Die Ausnahmen bilden die sehr realistischen und nicht verschönernden Portraits von Emma Countess of Oxford and Asquith (1935) und das von "Charlady" (Mrs Palmer), ihrer Putzfrau (1936).

Während ihrer Zeit in London übernahm Lucia Moholy auch Vorträge an der London School of Printing and Graphic Arts sowie an der Central School of Arts and Crafts. Sie sprach dort über das Bauhaus und die Geschichte der Fotografie.

Der Mittelpunkt der neuen Ausstellung im Bauhaus-Archiv steht die vielbeachtete Veröffentlichung des Standardwerks zur Fotogeschichte von Lucia Moholy: "A hundred years of photograpy 1893 – 1939". In dem kabinettartigen Ausstellungsraum werden sowohl die ausgesuchten, als auch verworfene Bilder, ihre Zettelkästen und ihre Korrespondenz für diese Geschichte der Fotografie gezeigt. Anhand von Manuskripten und Typoskripten kann nachvollzogen werden, dass die Künstlerin sich bereits seit 1929, das Jahr ihrer Teilnahme an der Stuttgarter Werkbund-Ausstellung "Film und Foto", mit der Idee eines Foto-Buches trug.
Es sollte eine fundierte Kulturgeschichte sein, in der sozialkulturelle, politische, ästhetische, technische und ökonomische Entwicklungen abgebildet werden sollten.

Der Penguin Verlag erteilte Moholy anlässlich des Jubiläums "100 Jahre Fotografie" den Auftrag für das Buch. Es erschien in der neuen Reihe "Pelican Specials" im Format ca. 18x11 cm, mit einem Umfang von 182 Seiten und 35 Abbildungen auf glattgestrichenem Papier als Bildteil im der Mitte des Buches. Die Auflage lag bei 40.000 Exemplaren und kostete sechs Pence. Die Auflage war sehr schnell vergriffen. Dazu Sibylle Hoiman: "Die Fotografie als Massenware, zu der sie 1939 zweifelsohne bereits zählte, korrespondierte mit dem Medium, das sich ihrer annahm, dem Taschenbuch".



Moholy arbeitete ab 1940 an der Verfilmung wissenschaftlicher Dokumentationen im Auftrag der University of Cambridge. Im Bombenhagel in London verlor sie noch einmal ihre ganze Habe. Sie stellte einen Ausreise-Antrag in die USA. Doch auch die Unterstützung von Johannes Itten und anderen half nicht, sie wurde abgelehnt. 1942 übernahm sie die Leitung des kulturgeschichtlich wie militärisch-nachrichtendienstlich bedeutsamen Aslib-Mikrofilm-Service (Aslib = Association of Special Libraries and Information Bureaux). 1946 ernannte sie die UNESCO, inzwischen war sie britische Staatsbürgerin und 52 Jahre alt geworden, zur Verfilmungsbeauftragten für die Länder des Mittleren und Nahen Ostens. Die Fotos die auf diesen Reisen entstanden, waren keine Auftragsarbeiten. Sie folgten auch keinem künstlerischen Kanon. Sie waren eher Momentaufnahmen, die das Interesse der Künstlerin für andere Kulturen wiederspiegeln.

Walter Gropius, der den Besitz ihres Archivs immer noch leugnete, verkaufte Abzüge der Fotos aus Moholys Archiv, ohne den Namen der Urheberin zu nennen. Lucia Moholy, die sich im Bereich Urheberrecht beruflich stark engagierte, ließ den Skandal 1954 auffliegen. Es kam zum Rechtsstreit. 1957 erhielt sie zwar einen kleinen Teil der Negative zurück, doch finanziell und emotional überwand sie den Verlust nicht.

Lucia Moholy, geborene Lucie Schulz (1894–1989) gilt als eine der wichtigen Fotografinnen des 20. Jahrhunderts. Sie wuchs im Prager Vorort Karolinenthal auf. 1912 erwarb sie die Lehramtsbefähigung für Deutsch und Englisch. In Prag studierte sie Philosophie, Philologie und Kunstgeschichte. Bereits 1915 bekundete sie in einem Tagebucheintrag "ein Interesse für die Photographie", das sie dann ihr Leben lang begleitete: "ich bin eine passive Künstlerin, ich kann Eindrücke aufnehmen und wäre sicherlich befähigt, alle von der schönsten Seite aufzunehmen…" Zwischen 1915 – 1918 arbeitet sie als Redakteurin und Lektorin bei verschiedenen Verlagen u. a. bei Hyperion und Kurt Wolff in Berlin. Die Sommer der Jahre 1918 und 1919 verbrachte sie auf dem Barkenhoff von Heinrich Vogeler in Worpswede. Hier veröffentlichte sie unter dem Pseudonym "Ulrich Steffen" expressionistische Literatur und machte ihre ersten Fotoversuche. 1920 bis 1923 war sie als Lektorin des Rowohlt Verlags in Berlin angestellt.1921 folgte die Heirat mit László Moholy-Nagy. Beide widmeten sich gemeinsam der experimentellen Fotografie. Mit ihrem Mann arbeitete sie von 1923 bis 1928 am Bauhaus in Weimar und Dessau.1923/24 absolvierte sie ein Fotografie-Praktikum und nahm Fotografie-Unterricht in Leipzig. Am Bauhaus, der von Walter Gropius gegründeten Kunstschule, schuf sie richtungsweisende sachliche Porträts von SchülerInnen und LehrerInnen sowie Architektur- und Produktaufnahmen, die der Neuen Sachlichkeit zugeordnet werden. Ihre Fotografien prägten und prägen das Image der Kunstschule bis heute nachhaltig.



1928 verließen László Moholy-Nagy und Lucia Moholy gemeinsam das Bauhaus und ließen sich in Berlin nieder. Sie unterrichtete von 1929 bis 1931 an Johannes Ittens privater Kunstschule Fotografie. Nach der Trennung und Scheidung des Ehepaars lebte sie mit dem KPD-Reichstagsabgeordneten Theodor Neubauer zusammen. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten, die Verhaftung von Theodor Neubauer und die Verfolgung jüdischen BürgerInnen ließen Lucia Moholy die Entscheidung treffen, über Paris nach London zu emigrieren. Sie war als Fotografin und Dozentin für Fotografie tätig und hat ab 1940 an wissenschaftlichen Dokumentationen gearbeitet. Nach dem Krieg war sie in Prag und bis 1957 in Nationalbibliotheken des Nahen und Mittleren Ostens im Auftrag der UNO tätig. 1959 Übersiedlung nach Zollikon/ Zürich und Wiederaufbau ihres eigenen Archivs von Bauhaus-Fotografien . Sie besaß jedoch keine eigene Dunkelkammer mehr. Sie startete eine rege Ausstellung- und Publikationstätigkeit zur Fotografie des Bauhauses. Am 17. Mai 1959 starb Lucia Moholy in Zürich.

AVIVA-Tipp: Die Ausstellung, die im Rahmen des EMOP Berlin – European Month of Photography (1.10.-31.10.2016) gezeigt wird, ergänzt mit weitestgehend unbekannten Fotografien unser Bild des Werkes von Lucia Moholy. Sehr sehenswert! Sämtliche Fotos stammen aus dem Nachlass der Künstlerin, der sich seit 1992 im Bauhaus-Archiv befindet. Anlässlich dieser Ausstellung ist ihr Standardwerk " A Hundred Years of Photography 1839-1939" in einer zweisprachigen Ausgabe Englisch/ Deutsch wieder aufgelegt worden.

Lucia Moholy, die englischen Jahre
5. Oktober bis 27. Februar 2017
Veranstaltungsort:
Bauhaus-Archiv
Klingelhöferstraße14
10785 Berlin
Öffnungszeiten:
MI bis MO 10:00–17:00, DI geschlossen
Eintritt:
MI – FR 7 Euro/ ermäßigt 4 Euro
SA –SO 8 Euro/ ermäßigt 5 Euro

Weitere Infos und das Programm finden Sie unter:

www.bauhaus.de

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Text + Fotos: Yvonne de Andrés