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13.12.2017

Luciana Castellina - Die Entdeckung der Welt
Helga Egetenmeier

1929 in das faschistische Italien hineingeboren, hat sich die Mitbegr├╝nderin der Zeitung "il manifesto" trotz oder wegen ihrer gro├čb├╝rgerlichen Herkunft fr├╝h politisiert und trat 1947 der Kommunistischen Partei bei. In ihrem Buch, basierend auf ihrem von 1943 bis 1948 gef├╝hrten Tagebuch, blickt...



... die heute 87 J├Ąhrige Politikerin und Journalistin auf ihre Entwicklung zur├╝ck, die sie zu der k├Ąmpferischen Politikerin werden lie├č, die sie bis jetzt ist.

Die zwei Jahrzehnte des italienischen Faschismus pr├Ągen die Kindheit und Jugend der 1929 in Rom geborenen Luciana Castellina. Mussolini, mit dessen Tochter Anna Maria sie die Grundschule besucht, errichtet im Januar 1925 eine faschistische Einparteiendiktatur. Als die Alliierten im Juli 1943 auf Sizilien landen, ben├Âtigen sie bis weit in den Herbst, um nach Rom vorzur├╝cken. Eine lange Zeit f├╝r die damals 14-J├Ąhrige, die in der Hauptstadt auf das Ende des Krieges wartet.

Als Kind erlebt die Autorin, wie sich viele Menschen, auch aus ihrer eigenen Familie, verstecken m├╝ssen. Doch vom Widerstand gegen den Faschismus ahnt sie nur wenig. Ihr scheint es, als ob dieser weder in ihrem Stadtteil, noch in ihrem Umfeld eine Rolle spielt, wie sie in ihrem Tagebuch vermerkt. Mit ihren 14 Jahren ist sie in einem Alter der gro├čen Fragen an das Leben und ihre Umgebung: "als nichts selbstverst├Ąndlich und die Welt noch zu entdecken war."

Entlang ihres in den Jahren 1943 bis 1948 gef├╝hrten Tagebuchs, l├Ąsst sie die Ehrlichkeit ihrer Notizen f├╝r sich sprechen. Zur├╝ckhaltend und mehr einordnend als erkl├Ąrend, reflektiert sie ihre damaligen Gef├╝hle und Erfahrungen. F├╝r ihre Enkelkinder, die sie zu diesem Buch anregten, wie auch f├╝r sich und ihre Leser_innen, will sie ergr├╝nden, was sie auf ihren weiteren k├Ąmpferischen Lebensweg f├╝hrte.

In ihrer Erinnerungsarbeit folgt sie ihrem jungen Ich und dessen Wahrnehmungen in der damaligen Welt. Die Eintr├Ąge, die zuerst die Unbeschwertheit des Kindes zeigen, dem die Einordnung des Geschehens noch fehlt, ver├Ąndern sich allm├Ąhlich in Notizenform einer selbstbewussten Jugendlichen, die mit den pubertierenden Gleichaltrigen wenig anfangen kann. "Meine Altersgef├Ąhrten sind scheinbar durch andere Dinge abgelenkt, durch die Universit├Ąt, ihre Liebschaften. Ihre Welt ist nicht mehr die meine."

Sie, die eigentlich Malerin werden wollte, ergreift als junge Frau die M├Âglichkeit zu reisen und lernt dadurch viel ├╝ber Politik und Kultur, Arbeit und Armut. Als sie sich zu einer Freiwilligenbrigade f├╝r den Ausbau einer Bahnstrecke in Titos kommunistischem Jugoslawien meldet, wird sie erstmals, und f├╝r sie ├╝berraschend auf ihre Geschlechtsidentit├Ąt verwiesen. Die r├Âmisch-katholisch gepr├Ągten m├Ąnnlichen Kommunisten wehren sich entsetzt dagegen, dass M├Ąnner und Frauen im gleichen Schlafsaal untergebracht werden.

Ihre Neugier und ihr Wagemut halfen ihr in dieser historisch-bedeutsamen Situation, sich an Orte zu begeben, die sonst f├╝r junge Frauen aus ihrer Gesellschaftsschicht Tabu waren. Diese M├Âglichkeiten, sich nicht in einer b├╝rgerlichen Zufriedenheit einzurichten, sieht sie f├╝r ihre Enkelkinder nicht. "Sie sind gefangen im leblosen K├Ąfig ihrer Schicht, dazu verurteilt, nur ihresgleichen zu treffen, die einzigen, mit denen sie in ihren Wohnvierteln und in ihren Schulen in Kontakt treten k├Ânnen."

Das Buch, das kurz nach ihrem Eintritt in die Kommunistische Partei Italiens im Oktober 1947 endet, erscheint in dem auf politische Literatur spezialisierten Laika-Verlag. Gegr├╝ndet 2010 mit dem Projekt "Bibliothek des Widerstandes", das die Erinnerungen an linke, politische Geschichte wach halten will. Das 2011 mit dem "Femme exil├ęe, femme engag├ęe" ausgezeichnete Buch "Wenn die anderen verschwinden sind wir nichts" von Gladys Ambort erschien ebenfalls im Laika-Verlag.

AVIVA-Tipp: Leidenschaftlich und mit der Weisheit des Alters geschrieben, ergr├╝ndet Luciana Castellina ihre Entwicklung vom b├╝rgerlichen Kind zur kritischen Kommunistin. Neugierig reflektiert sie, dicht wie auch leicht formuliert, die ersten 18 Jahre ihres Lebens. In ihren Erinnerungen verbindet sie dabei ihre pers├Ânliche Geschichte mit den historischen und kulturellen Ereignissen des faschistischen Italien und der kurzen Zeit danach, in der sich dessen politische Landschaft, wie auch ihr eigener Weg formten.

Zur Autorin: Luciana Castellina, Journalistin, Schriftstellerin und Politikerin, geboren am 9. August 1929 in Rom, trat 1947 in die Kommunistische Partei Italiens ein. Als Mitbegr├╝nderin der Zeitung il manifesto, 1969, u.a. mit Rossana Rossanda, wurde sie aus der KPI ausgeschlossen. Sie gr├╝ndete die Partito die Unit├í Proletaria per il Comunismo mit und war von 1976 bis 1983 Abgeordnete im italienischen Parlament, wie auch von 1979 bis 1999 Abgeordnete im Europ├Ąischen Parlament. Mit ihrem Mann, dem Politiker Alfredo Reichlin hatte sie zwei Kinder. "Die Entdeckung der Welt" war 2011 f├╝r den italienischen Literaturpreis Strega nominiert. Zuletzt ver├Âffentlichte sie 2014 zusammen mit Milena Agus "Guardati dalla mia fame" ("H├╝te Dich vor meinem Hunger").
Quelle: Verlagsinfo: www.laika-verlag.de

Zur ├ťbersetzerin: Christiane Barckhausen-Canale:, 1942 in Berlin als Tochter der Schriftstellerin Elfriede Br├╝ning und des Schriftstellers Joachim Barckhausen geboren, ist Schriftstellerin, ├ťbersetzerin, sowie Modotti-Forscherin und erhielt 1989 den Literaturpreis des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands. Anfang der 90er Jahre gr├╝ndete sie zusammen mit einigen Freundinnen das Interkulturelle Frauenzentrum S.U.S.I. in Berlin.

Luciana Castellina
Die Entdeckung der Welt

Originaltitel: La scoperta del mondo
├ťbersetzerin: Christiane Barckhausen-Canale
Herausgabe der deutschen Ausgabe: Gabriella Angheleddu
Mit einem Vorwort von Lucrezia Reichlin
Laika Verlag, erschienen im Mai 2016
Taschenbuch, illustriert und kartoniert mit Einschlag, 216 Seiten
ISBN-13: 978-3-944233-64-2
21 Euro
www.laika-verlag.de

Weitere Infos unter:
Daniele Segre, italienischer Filmemacher, drehte 2012 den Dokumentarfilm "Luciana Castellina, Comunista".

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