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19.10.2017

Shelley Calton - Concealed. She`s got a Gun
Hannah Hanemann

Die texanische Fotografin, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Vertreterinnen weiblicher Subkulturen in Texas zu portraitieren, hat im Rahmen dieses Fotobandes siebzig Frauen mit ihren Waffen abgelichtet und nach GrĂŒnden gefragt, aus denen Frauen sich bewaffnen.



Statistisch gesehen kommen im Jahr 2016 in den USA auf hundert BĂŒrgerInnen etwa 90 Handfeuerwaffen in Privatbesitz. In den letzten Jahren lĂ€sst sich auch ein Zuwachs an Frauen feststellen, die sich eine Waffe zulegen. In Texas machen Frauen bereits ein Viertel der WaffenscheinbesitzerInnen aus.
Dort sind auch Shelley Caltons Foto entstanden, die sie zwischen 2011 und 2014 aufgenommen hat und die einen intimen Einblick in die Beziehung verschiedenster Frauen zu ihren Waffen geben.
Der Titel des Bandes spielt auf die "concealed handgun licence" an, die es BĂŒrgerInnen in Texas erlaubt, Handfeuerwaffen in der Öffentlichkeit zu tragen, solange sie "concealed", also verborgen sind. Dies trĂ€gt entscheidend zur IntensitĂ€t der Fotos bei, weil frau/man auf ihnen etwas zu sehen bekommt, das sonst versteckt gehalten wird: die Waffe als Utensil im Alltag texanischer Frauen, das ebenso selbstverstĂ€ndlich wie Smartphone oder Lippenstift zum Inventar von Wohnung oder Handtasche gehört.
Auch wenn die Fotos gemĂ€ĂŸ des texanischen Rechts gestellt und nicht aus dem Moment heraus entstanden sind, erlauben sie einen Einblick auf dieses in der Öffentlichkeit unsichtbare PhĂ€nomen und machen deutlich, dass Waffenbesitz und -gebrauch lĂ€ngt nicht mehr nur MĂ€nnersache ist.

Die Waffe als emanzipatorisches Instrument?

Die Faszination der Fotos speist sich aus einem Kontrast: zum einen der Unsicherheit und Furcht vor Übergriffen, wegen der die Frauen sich bewaffnen, zum anderen die Entschlossenheit, sich mit allen Mitteln zur Wehr setzen zu können. FĂŒr manche der Frauen ist ihre Waffe Bestandteil einer Tradition, SentimentalitĂ€t gegenĂŒber den Zeiten, in denen es fĂŒr ihre VĂ€ter und GroßvĂ€ter völlig normal war, eine oder mehrere Waffen im Haus zu haben. FĂŒr die meisten jedoch ist der Waffenbesitz vor allem Mittel zum Zweck, ein Instrument zur Angleichung körperlicher StĂ€rke und MachtverhĂ€ltnisse. Auf den letzten Seiten des Bandes finden sich Zitate der Frauen, in welchen sie ihre BeweggrĂŒnde fĂŒr den Erwerb einer Waffe erklĂ€ren. Die meisten sind Ă€hnlich: Gewalterfahrungen in der Vergangenheit, Angst vor sexuellen Übergriffen, der Wunsch, Heim und Familie im Notfall schĂŒtzen zu können. Auf die Frage, ob sie im Extremfall Gebrauch von ihrer Waffe machen und abdrĂŒcken wĂŒrden, antworteten alle Frauen mit "Ja".
Die SelbstverstĂ€ndlichkeit, mit der eine Handfeuerwaffe zwischen Make Up und Hygieneartikeln, im BĂŒcherregal oder in der Schreibtischschublade aufbewahrt wird, zeigt deren alltĂ€gliche Relevanz fĂŒr die TrĂ€gerin. Gleichzeitig offenbart sie die innere Einstellung, jederzeit auf der Hut und bereit zur Verteidigung sein zu mĂŒssen. FĂŒr diese Frauen wird die Waffe zum Symbol ihrer Emanzipation von der Furcht und der Ausgeliefertheit gegenĂŒber MĂ€nnern.
Denn es sind vor allem MĂ€nner, vor denen die Frauen ihren Aussagen nach Angst haben. FĂŒr einige von ihnen scheint das Tragen einer Waffe einen fairen Ausgleich im Ungleichgewicht der Geschlechter zu schaffen. FĂŒr die meisten Frauen hat es nichts mit einem Streben nach Status oder Macht zu tun, sondern dient vorrangig dem eigenen Selbstschutz. Sie beteuern außerdem, dass ihnen der verantwortungsvolle Umgang mit Waffen wichtig sei und sie diese immer fachgerecht aufbewahren wĂŒrden.

Die mĂ€chtige Illusion grĂ¶ĂŸtmöglicher Sicherheit

Trotzdem bleibt der BetrachterIn ein unwohles GefĂŒhl. Auf einer Aufnahme ist eine Frau zu sehen, die mit ihrem Baby spielt, wĂ€hrend hinter ihr zwischen Kuscheltieren-und Decken ihr Revolver aus ihrer Handtasche ragt, auf einem anderen schmiegt sich ein kleiner Junge an seine Mutter, die eine Pistole in der Hand hĂ€lt.
Allein im Jahr 2015 kam es einem Bericht der Washington Post zufolge in den USA zu mindestens zweihundertfĂŒnfundsechzig SchießunfĂ€llen durch (Klein)Kinder. Statistisch gesehen steigt die Wahrscheinlichkeit, durch eine Handfeuerwaffe zu sterben, bei HandfeuerwaffenbesitzerInnen rapide an, was wohl kaum verwundern dĂŒrfte. GrĂ¶ĂŸere Sicherheit durch Waffenbesitz ist in den meisten FĂ€llen eine Illusion, wenngleich eine sehr mĂ€chtige.

Diese Illusion wird in Caltons Fotos heraufbeschworen, in denen Frauen ihre vermeintliche StÀrke prÀsentieren und gerade dadurch verletzlich wirken.
Es ist auch der Reiz eines Geheimnisses, der aus den Aufnahmen hervorgeht, das Wissen um eine ungeahnte Kraft, von der die Öffentlichkeit nichts weiß, die vermeintliche Schutzlosigkeit nach Außen, die sich jederzeit in einen ĂŒberraschenden Gegenangriff verwandeln kann.

Die Fotografin bezieht in ihrem Fotoband keine eindeutige Stellung zur Diskussion um den Besitz von Schusswaffen, drĂŒckt den portraitierten Frauen jedoch ihren Respekt aus und verwehrt sich gegen die Wahrnehmung selbiger als unsicher, leichtsinnig und paranoid. Stattdessen prangert sie in ihrem Schlusswort die Gegebenheiten in der Gesellschaft an und beschreibt ihre Fotos als Portraits von Frauen, die Selbstschutz in ihre eigenen HĂ€nde nehmen und sich weigern, eine Opferrolle anzunehmen.
Letztendlich bleibt der BetrachterIn selbst ĂŒberlassen, wie sie die Fotos rezipieren will, als Portrait starker Frauen oder als Kritik an einer zunehmenden Waffenmanie in den USA.

AVIVA-Tipp: Shelley Caltons Fotoband "Concealed" bedient besonders nach der US-Amerikanischen PrÀsidentschaftswahl 2016 ein hochaktuelles und kontroverses Thema. Als Einblick in eine verdeckte Subkultur fasziniert und polarisiert Caltons Fotoband durch eindrucksvolle und vielfÀltige Darstellung weiblicher Ausdrucksformen in Texas auch unabhÀngig vom politischen Diskurs.

Zur Fotografin: Shelley Calton , 1959 geboren, lebt und arbeitet in Houston, Texas, wo sie sich der Darstellung weiblicher Ausdrucksformen und Subkulturen verschrieben hat. In ihrem ersten Buch "Hard Knocks" (Kehrer Verlag, 2009) portrĂ€tierte Shelley Calton junge Frauen und ihre Alter Egos beim Roller Derby, einer wiedererweckten Funsportart. Ein Portrait aus ihrem zweiten Buch "Concealed. She`s got a Gun" wurde 2015 fĂŒr den "Taylor Wessing Portrait Prize" in der "National Portrait Gallery", London, ausgewĂ€hlt und fĂŒr die "Royal Photographic SocietyÂŽs International Print Exhibition." Ihre Arbeiten befinden sich der Sammlung des "Museum of Fine Arts, Houston".
Mehr Infos unter: www.shelleycalton.com

Shelley Calton
Concealed. She`s got a Gun

Festeinband, 24 x 26,3 cm, 96 Seiten, 53 Farbabb.
Englisch
Kehrer Verlag, Erschienen 2015
ISBN 978-3-86828-515-4
39,90 Euro
www.artbooksheidelberg.de


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