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17.12.2017

Lynn Hershman Leeson - Civic Radar
Hannah Hanemann

Die jüdisch-amerikanische Künstlerin und Filmemacherin Lynn Hershman Leeson ("!Women Art Revolution!") gilt als eine der ersten und einflussreichsten, der wegweisendsten und radikalsten Persönlichkeiten im Bereich der Medienkunst in der Feminist Art Movement. Mit " Civic Radar" ist ...



... eine umfassende Monografie ihrer Arbeit erschienen – sie umfasst Fotografien aus fünf Jahrzehnten, sowie Zeichnungen, Texte, Interviews und Aufnahmen neuerer Installationen.

Die fast vierhundert Seiten dicke Monografie ehrt das bisherige Gesamtwerk Lynn Hershman Leesons, das 2015 und 2016 als Retrospektive in verschiedenen Häusern unter dem Namen "Civic Radar" ausgestellt worden ist, unter anderem im "Zentrum für Kunst und Medien" in Karlsruhe und in den "Deichtorhallen Hamburg".
Die Fülle an unterschiedlichsten Projekten und Aufnahmen ist chronologisch geordnet und in Themenblöcke unterteilt. Jedem dieser Blöcke geht eine kurze Beschreibung zur Thematik und Intention der Künstlerin voraus.
Ihre Werke kreisen um die Frage nach Identität, der Rolle der Frauen in der Gesellschaft, Leben im Zeitalter von Massenmedien, Maschinen und Gentechnologie, sowie Kontrolle und Überwachung und um die Beziehung zwischen realen und virtuellen Welten.
Der Band enthält außerdem Texte von Andreas Beitin, Pamela Lee, Peggy Phelan, Ruby Rich, Jeffrey Schnapp, Kyle Stephan, Kristine Stiles, Tilda Swinton und Herausgeber Peter Weibel, die sich mit der Analyse einzelner Aspekte in Hershman Leesons Werk beschäftigen.

An-und ablegbare Identitäten

Große Bekanntheit erlangte Lynn Hershman Leeson in den Siebziger Jahren mit der Erschaffung eines fiktiven Alter Egos, "Roberta Breitmore". Über mehrere Jahre vollzog sie Tätigkeiten in Kostüm und Wesen dieses Charakters und dokumentierte ihre Erfahrungen in Zeichnungen, Fotos und Artefakten. Als "Roberta" ging sie zur Psychotherapie, datete per Zeitungsannonce, oder suchte MitbewohnerInnen. Durch "Roberta Breitmore" reflektierte Hershman Leeson die Umstände der Gesellschaft in der sie lebte, sowie auch ihre Rolle als Frau. "Roberta" war eine der ersten interaktiven Kunstperformances, auch wenn die meisten Leute, mit denen sie interagierte, nicht wussten, dass es sich bei ihr um eine Kunstfigur handelte.
Diesen Ansatz verfolgte Leeson in den Achtziger Jahren weiter, als sie eine interaktive Video-Disc entwarf, welche der Zuschauerin einen Einblick in das Leben von "Lorna", einem weiteren fiktiven Charakter, ermöglichte. "Lorna" war eine agoraphobische Frau mittleren Alters, die ihre Wohnung aufgrund ihrer Phobie nicht verließ und nur über ihr Telefon und ihren Fernseher Kontakt zur Außenwelt aufrechterhielt. Der Spieler oder die Spielerin konnte sich durch "Lornas" Zimmer bewegen, verschiedene Gegenstände anklicken, welche Video-und Soundsegmente aktivierten, und letztendlich aus drei alternativen Enden für das Spiel wählen.

Düstere und beklemmende Motive

Das Spiel mit Verkleidungen und Maskierungen prägte Hershman Leesons Kunst besonders während ihrer Anfänge in den Sechziger und Siebziger Jahren. Unter den frühen Werken der Künstlerin finden sich unter anderem Fotoaufnahmen von Köpfen aus Wachs mit Perücken, von denen einige als "Selbstportraits" bezeichnet werden. Für die Serie "Suicide Machines", die zwischen 1963 und 1968 entstand, hatte Hershman Leeson Wachspuppen mit Dochten gebastelt, die schmolzen, wenn sie angezündet wurden. Eine Referenz an den Golem? Brennende Münder, der Kopf einer Frau in einer Kiste mit einem Schleier auf dem Kopf, betitelt "Burned Bride", und ein Foto von Füßen, die unter einem weißen Laken hervorlugen, mit dem Titel "Abortion", muten die Betrachterin ausnehmend düster und verstörend an. Insgesamt kreieren Hershman Leesons Werke oft ein dystopische Atmosphäre, da Puppen, Masken und Wachsfiguren auch häufig verwendete Motive in Filmen oder anderen Medien des Horrorgenres sind. Diese Zukunftsszenarien stehen richtungsweisend für das Werk dieser Künstlerin.

Wandelnde Themenspektren und Formate

In den Achtziger Jahren verlagerte sich der Schwerpunkt der Künstlerin von Fragen der Identität hin zur Thematisierung des Individuums in der digitalisierten und technologisierten Welt. Ab Ende der achtziger/ Anfang der neunziger Jahre betätigte Hershman Leeson sich auch als Regisseurin und konnte anderem Tilda Swinton für einige ihre Filme gewinnen. Ihr Film "Teknolust" von 2002 gewann im selben Jahr beim "Hamptons International Film Festival" den Filmpreis in der Kategorie "Science and Technology". Der feministische Dokumentarfilm "!Women Art Revolution!" wurde 2011 vom "Museum of Modern Art" als eine der drei besten Dokumentationen des Jahres gezeigt und gewann 2012 den ersten Preis beim "International Festival of Films on Art" in Montreal.
Lynn Hershman Leesons neueste Werke sind überwiegend multimediale Installationen, die sie in Galerien ausstellt und die den BetrachterInnen oft interaktiv zugänglich sind. Neben ihren früheren Themen steht nun die Gentechnologie im Fokus, ebenso wie Wissenschaft, Technologie und Konsum, sowie die Beziehung zwischen Realität und Virtualität.

Die genannten Beispiele machen nur einen winzigen Teil des riesigen Gesamtwerks der Künstlerin aus, durch welches frau sich anhand von "Civic Radar" arbeiten kann. Es ist sicherlich kein Fotoband, der oberflächlich in kurzer Zeit durchgeblättert werden kann. Die Fülle an Informationen und Eindrücken ist gewaltig und Lynn Hershman Leesons Kunst nicht immer leicht zu verdauen.

AVIVA-Tipp: "Civic Radar" gibt einen gut strukturierten Überblick über die künstlerische Transformation und Vielseitigkeit Lynn Hershman Leesons und lässt sowohl Kennerinnen als auch Neuentdeckerinnen der Medienkünstlerin in fast fünfhundert Abbildungen und informativen Texten auf ihre Kosten kommen.

Zur Künstlerin: Lynn Hershman Leeson, 1941 in Cleveland, Ohio geboren. Innerhalb der vergangenen fünf Jahrzehnte hat die US-jüdisch-amerikanische Künstlerin und Filmemacherin in den Bereichen Fotografie, Video, Film, Performance, Installation und interaktiver sowie netzbasierter Medienkunst Wegweisendes geleistet. Ihre bekannteste Werkreihe ist "Roberta Breitmore" (1973–1978), eine Kunstfigur, verkörpert von ihr selbst und – teilweise simultan – von drei weiteren Frauen. 1997 realisierte sie mit Tilda Swinton und Francesca Faridany in den Hautrollen den Film "Conceiving Ada" über Ada Lovelace 2011 erhielt Lynn Hershman Leeson den "Develop Digital Art Award" des "Digital Art Museum [DAM]", Berlin, für ihr Lebenswerk. Ihr aus 12.000 Stunden Filmmaterial produzierter Film "!Women Art Revolution!", der belegt, wie die feministische Kunstbewegung Kunst und Kultur beeinflusst hat, wurde im gleichen Jahr vom "Museum of Modern Art" als eine der drei besten Dokumentationen des Jahres gezeigt und gewann 2012 den ersten Preis beim "International Festival of Films on Art" in Montreal.
2009 inspirierte ein von Lynn Hershman Leeson in den Siebziger Jahren verfasstes Essay das Elizabeth A. Sackler Center for Feminist Art, Brooklyn Museum zum Titel der Ausstellung "Reflections on the Electric Mirror. New Feminist Video".
Ihre Arbeiten sind Teil von zahlreichen Sammlungen, darunter NY MOMA, SF MOMA, The Tate Modern.
Lynn Hershman Leeson lebt und arbeitet in San Francisco und New York.
Mehr Infos zur Künstlerin finden Sie unter:

www.lynnhershman.com
www.youtube.com
womenartrevolution.com


Lynn Hershman Leeson
Civic Radar

Herausgegeben von Peter Weibel
Hatje Cantz Verlag, erschienen 2016
384 Seiten, 492 Abbildungen, 21,30 x 26,90 cm, gebunden, englisch
45,00 Euro
ISBN 978-3-7757-4102-6
www.hatjecantz.de

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