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21.10.2017

Christina von Braun - Versuch über den Schwindel
Ahima Beerlage

Über Religion, Schrift, Bild und Geschlecht schlägt die Kulturwissenschaftlerin und Leiterin des Studiengangs Gender-Studies an der Humboldt-Universität den Bogen von der Entstehung der hebräischen und griechischen Schrift bis in die Gegenwart - Eine Herausforderung...



... für die Autorin, die Rezensentin und die LeserInnen.

Nomen est Omen

Schon im ersten von sieben Kapiteln Versuch über den Schwindel nutzt Christina von Braun den Begriff "Schwindel" in seiner Vielschichtigkeit als "Schlüssel zu den komplexen Querverbindungen zwischen verschiedenen kulturgeschichtlichen Erscheinungen", denen die Kulturtheoretikerin, Autorin und Filmemacherin in ihrer interdisziplinären Arbeit zum Thema "Gender" und "Studien zur jüdischen Kultur" begegnet ist. Der Schwindel als medizinisches Phänomen, das den kurzzeitigen Verlust des Gleichgewichtes ausweist, sowie der Schwindel als unglaubwürdige Geschichte, als Betrug und Trugbild bietet sich nicht nur an, um vorhandene Bilder über jüdische und christliche Religion und damit verbundene Geschlechterbilder kurzzeitig aus dem Gleichgewicht zu bringen. "Da die Geschichte des Schwindels zugleich der Ausgangspunkt und der Endpunkt der abendländischen Subjekt-Philosophie markiert, überrascht es nicht, dass man ihm in jedem Kontext begegnet, wo es um den ´Anderen´ geht: sowohl bei den ´Frauenkrankheiten´ als auch bei den Phantasien über den ´jüdischen Körper´".

Weiblichkeit und Judentum als "das Fremde"

Ein solch gewaltiges Werk – über 600 Seiten erwarten die LeserInnen – in wenigen Worten zu beschreiben, wäre Schwindel in jeder Hinsicht. Deshalb will ich mich hier mehr auf die Wirkung auf mich als Rezensentin beschränken. Christina von Brauns Ausgangsthese, dass die unterschiedliche Entwicklung der jüdischen und der christlichen Kultur in erster Linie auf den unterschiedlichen Schriften beruht, hat mich sofort in den Bann gezogen. Die hebräische Schrift, die keine Vokale kennt, ist immer auch auf die Stimme, auf die Interpretin angewiesen. "Wenn der männliche Körper den Symbolträger der Schriftlichkeit darstellt, so symbolisiert der weibliche Körper die Mündlichkeit, die in den nichtgeschriebenen Zeichen: den Vokalen, enthalten ist." Damit gibt es zwar eine deutliche Unterscheidung der Geschlechterbilder, aber sie sind in ihrer Unterschiedlichkeit auf Augenhöhe. Das griechische Alphabet wiederum, Grundlage der christlichen Glaubensgemeinschaft und Tradition, ist losgelöst von der Notwendigkeit der gesprochenen Sprache und lässt sich universal verbreiten – und tendiert dazu, sich immer weiter vom Körper und der Gemeinschaft zu entfernen und im Abstrakten zu verlieren. Die aus der unterschiedlichen Schriftsprache resultierenden Kulturen entwickeln auch sehr unterschiedliche Körper-Bilder, die sich wiederum in im Laufe der Jahrhunderte immer wieder veränderten.

In der christlichen Kirche des Mittelalters wurde die Frau als Abweichung gewertet ebenso wie auch das Judentum als Fremdkörper gesehen wurde. "So erklärt es sich, daß auf dem Laterankonzil von 1215 nicht nur die Transsubtantionslehre, sondern auch die Bestimmung erlassen wurde, dass der Jude den gelben Fleck zu tragen habe: Der Jude wurde fortan als sichtbarer, d.h. ´realer Anderer´ gekennzeichnet, und lange später sollten die Rassenlehren des 19. Jahrhunderts diese Vorstellung zur biologischen Realität erklären." Und damit habe ich als Leserin nur eine Interpretationslinie aufgegriffen. Es gibt Hauptlinien, Exkurse und Nebenlinien. Nicht allen Thesen kann ich oder will ich folgen. Aber den Thsen Christina con Braun zu folgen ist ein seltenes Erlebnis, derart kühne kulturwissenschaftliche Verknüpfungen zwischen der christlichen und der jüdischen Religion, zwischen Schrift, Geschlecht und Bild herzustellen.

Goldgräberin

Diese vielfältigen Thesen üben eine große Sogwirkung aus. Sie scheinen alles zu erklären und in einen Rahmen zu setzen. Doch schon nach wenigen Seiten hatte ich immer wieder ein Bild vor Augen: Eine Goldgräberin, die viel Sand siebt, um ihre Goldnuggets zu sammeln. Das Buch ist eine Herausforderung. Es folgt nicht immer strengen wissenschaftlichen Regeln, sondern auch Assoziationen, Eingebungen aus einer langen akademischen Karriere und Erkenntnissen aus der interdisziplinären Arbeit im Bereich Christentum und Judentum sowie moderner Gender-Studies. Auch den Blick der Filmemacherin finden die LeserInnen in den starken Bildern, die die Autorin wählt. Doch nicht immer kann frau der Autorin in ihrer schwindelerregenden Assoziationskette folgen. Dann gilt es durchzuhalten, Sand zu sieben, bis die nächste großartige These folgt. Aber es lohnt sich. Verwunderlich ist allerdings, dass die Autorin als Forschende im Bereich Gender eine oftmals die Frauen aussparende Sprache anwendet.

AVIVA-Tipp: Wer Freude daran hat, sich auf ungewöhnliche interdisziplinäre Einsichten und Verbindungen über den Einfluss von hebräischem und griechischem Alphabet im Zusammenhang mit der Entwicklung von Religion, Schrift, Bild und Geschlecht einzulassen, wird diese schwindelerregende Lektüre genießen. Aber es braucht viel Zeit und Muße, sich diesem umfassenden Werk zu stellen – und es braucht einen eigenen Standpunkt und Unabhängigkeit im Denken, denn nicht immer können die Lesenden der Autorin folgen. Eine sehr "erwachsene", fordernde, aber lohnende Reise durch die Kulturgeschichte.

Zur Autorin: Christina von Braun wurde 1944 in Rom geboren und studierte in den USA und Deutschland. Seit 1994 ist sie Professorin für Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Christina von Braun ist Gründerin und Leiterin des Studiengangs Gender-Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin und Sprecherin des Graduiertenkollegs `Geschlecht als Wissenskategorie`. Sie hat zahlreiche Bücher, Aufsätze und Filmdokumentationen zu kulturhistorischen Themen veröffentlicht. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Gender, Medien, Religion und Moderne, Säkularisierung und Geschichte des Antisemitismus.
Mehr zu Christina von Braun unter: www.christinavonbraun.de

Christina von Braun
Versuch über den Schwindel

Taschenbuch, 671 Seiten
Verlag: Psychosozial-Verlag (1. September 2016)
ISBN: 978-3837925678
49,90 Euro
www.psychosozial-verlag.de

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