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20.10.2017

Selma Lagerlöf – Liebe Sophie. Liebe Valborg
Doris Hermanns

Zum 158. Geburtstag am 20. November 2016 und zum 77. Todestag am 16. März 2017. Endlich liegen die Briefe der schwedischen Literaturnobelpreisträgerin Selma Lagerlöf an ihre beiden Geliebten, zwischen denen sie zwanzig Jahre ihres Lebens stand, auf Deutsch vor.



Von Holger Wolandt ist bereits eine Biographie von Selma Lagerlöf erschienen und er hat ihre Erinnerungen im vorigen Jahr herausgegeben. Nun gibt es erstmals auf Deutsch eine von ihm zusammengestellte Auswahl ihrer Briefe an ihre beiden Geliebten, die im schwedischen Original in mehreren Bänden erschienen sind. Es handelt sich also in der deutschen Ausgabe nur um einen relativ geringen Anteil des Briefwechsels der drei Frauen, die über ein halbes Jahrhundert hinweg wöchentlich, manchmal sogar noch häufiger korrespondierten. Zu lesen sind jetzt allerdings nur die Briefe Lagerlöfs. Sicher wären die Reaktionen der jeweiligen Partnerinnen auf manches in den Briefen auch spannend gewesen. Von einer Veröffentlichung ihrer Briefe war die Schriftstellerin bereits zu Lebzeiten ausgegangen – anders als viele andere, die nicht wollten, dass ihre Liebesbeziehungen mit Frauen der Nachwelt bekannt wurden. Es gab allerdings wie üblich eine Sperrfrist von 50 Jahren zum Schutz der Privatsphäre der einzelnen Personen.

Weitgehend bekannt ist, dass Selma Lagerlöf 1909 die erste Frau war, die mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Weniger bekannt ist jedoch, dass ihre Liebe Frauen galt, genauer gesagt gleich zwei Frauen.

Sophie Elkan, eine fünf Jahre ältere Schriftstellerin, lernte Lagerlöf 1894 kennen, sie sollte acht Jahre lang im Mittelpunkt ihres Lebens stehen. Da die beiden nur die Sommermonate und ihre Reisen gemeinsam verbrachten, schrieben sie sich zahllose Briefe, in denen sie viel über sich selber erzählten. So lernen wir Lagerlöf noch einmal anders kennen als in ihren Biographien. Mit Elkan unternahm sie ausgedehnte Reisen, so z.B. nach Italien, Ägypten, Palästina, Syrien und Griechenland. Das unterwegs Erlebte besprachen sie anschließend genauso wie die Konzepte ihrer Bücher, in denen sie dieses verarbeiteten. Beide standen noch am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn, als sie sich kennenlernten. Lagerlöf sollte jedoch schon bald die weitaus bekanntere Autorin werden. Dies führte zu Problemen zwischen den beiden, woraufhin sie die Vereinbarung trafen, dass sie keine Romane mehr gleichzeitig veröffentlichen würden.

Aber nicht nur auf schriftstellerischer Ebene hatte Elkan Anlass zu Eifersucht. 1897 lernte Lagerlöf die drei Jahre jüngere Lehrerin Valborg Olander kennen, eine politisch aktive Frau mit Geschäftssinn und Kunstverständnis, in die sie sich drei Jahre später verliebte. Diese wurde ihre Privatsekretärin und ihr "Fels in der Brandung", sie war diejenige, "die ich liebe und die mir in allen schwierigen Lebenslagen mit Rat und Tat zur Seite steht." Wie sie Olander schrieb, liebte sie seit ihrer ersten Begegnung nur sie und keine andere. Jedoch hatte sie ein schlechtes Gewissen Elkan gegenüber, zu der ihre Liebe erloschen war, was sie ihr aber nicht zu gestehen wagte: "Ich kann nicht anders, weil ich nicht beurteilen kann, welche Folgen es für sie hätte, wenn ich sie verließe. Für mich ist das nicht immer sonderlich erfreulich". Olander gegenüber klingt dies natürlich anders als das, was sie Elkan schreibt. "Wenn mich jemand bei ihr ersetzen könnte, wäre ich überaus glücklich," schreibt sie Olander. Die Briefe sind daher über lange Strecken von Eifersucht geprägt und Lagerlöf muss immer wieder die eine oder eben die andere beschwichtigen, die gerade an ihrer Liebe zweifelt – gerade in diesem Zusammenhang wären die Briefe der jeweils anderen spannend gewesen.

Das Dreiecksverhältnis hielt bis zu Sophie Elkans Tod 1921 an. Lagerlöf richtete ihr ein Gedenkzimmer auf ihrem Gut Mårbacka ein, das sie als Museum plante, das bis heute existiert.
Auch nach Elkans Tod blieb Lagerlöf noch sehr produktiv, so entstanden die drei Bände Memoiren und die Romantrilogie über die Löwenskölds (ebenfalls neu aufgelegt vom Verlag Urachhaus) erst zu dieser Zeit. Mit Valborg Olander lebte sie auch weiterhin nicht dauerhaft zusammen, sie bewohnte allerdings zwei Zimmer bei ihr in Stockholm, während Olander eins bei ihr auf Mårbacka hatte.
Neben der Liebe geht es in den Briefen natürlich auch immer um Lagerlöfs Arbeit und ihre Beziehungen zu wie ihrer Familie und zu anderen Menschen. Aus den Briefen wird deutlich, dass es ihr als Erwachsene nicht an Selbstbewusstsein mangelte. So schreibt sie über die Wahl in der Akademie, die die NobelpreisträgerInnen wählt: "Ich will nicht hinein. Ich will lieber den Nobelpreis."

AVIVA-Tipp: Ein wunderbarer lebendiger Briefwechsel mit vielen Höhen und Tiefen, gut eingeleitet und kommentiert von Holger Wolandt. Er lässt nur eins zu wünschen übrig: weitere Briefe der drei Frauen zu lesen.

Zur Autorin: Selma Lagerlöf kam am 20. November 1858 auf dem Gut Mårbacka in der entlegenen schwedischen Provinz Värmland zur Welt. Mit 23 Jahren ging sie gegen den Willen ihres Vaters nach Stockholm, um das Lehrerinnenseminar zu besuchen, und war danach zehn Jahre Lehrerin in Landskrona am Öresund. Abende und Nächte hindurch schrieb sie und erschien morgens, so wird überliefert, mit tintenfleckigen Fingern zum Unterricht. 1891 erschien ihr Erstlingswerk Gösta Berling, und wenige Jahre später konnte sie bereits als freischaffende Schriftstellerin leben und sich auf ausgedehnten Reisen die Welt erobern.
Zu den wichtigsten Auszeichnungen für Selma Lagerlöf zählen die Aufnahme in die Schwedische Akademie im Jahr 1914 als erstes weibliches Mitglied sowie der Erhalt des Nobelpreises, den sie 1909, ebenfalls als erste Frau, für ihren Roman "Gösta Berling" erhielt. Von dem Preisgeld konnte sie den Gutshof "Mårbacka" zurück kaufen, den die Eltern wegen hoher Verschuldung zuvor aufgeben mussten.
Selma Lagerlöf engagierte sich in der Frauenbewegung. 1911 trat sie als Rednerin bei einem internationalen Frauenkongress in Stockholm auf und präsentierte sich als Nobelpreisträgerin und Gutsbesitzerin – einer Frau, der trotz allem das Wahlrecht verweigert wurde. (Quelle: Biographische Notiz aus "Herr Arnes Schatz").
Im Ersten Weltkrieg half Selma Lagerlöf Flüchtlingskindern durch Spenden und Eigenengagement. Im Zweiten Weltkrieg beteiligte sie sich an einem Komitee zur Rettung jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland – insbesondere für Frauen und Kinder. So half sie zum Beispiel der deutsch-jüdischen Schriftstellerin Nelly Sachs nach Schweden zu fliehen und rettete ihr damit das Leben.
Am 16. März 1940 starb sie auf ihrem Gut Mårbacka.

Zum Herausgeber: Holger Wolandt (geboren 1962) studierte Nordische Philologie in München und lebt als Übersetzer, Herausgeber und Autor in Stockholm. Er ist u.a. der Herausgeber einer Auswahl der Erzählungen Selma Lagerlöfs in drei Bänden, sowie der Autor der Biographie "Selma Lagerlöf. Värmland und die Welt".

Selma Lagerlöf
Liebe Sophie. Liebe Valborg.
Eine Dreiecks-Geschichte in Briefen

Herausgegeben und kommentiert von Holger Wolandt
Aus dem Schwedischen von Lotta Rüegger und Holger Wolandt
Verlag Urachhaus, erschienen 2016
Gebunden mit Umschlag. 365 Seiten
ISBN 978-3-8251-5106-5
Euro 24,90
www.urachhaus.de

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Die Biografie von Selma Lagerlöf auf Fembio: www.fembio.org