Cornelia Schleime - Ein Wimpernschlag A blink of an eye. Ausstellung bis 24. April 2017 in der Berlinischen Galerie - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin Literatur > Art + Design
11.12.2017

Cornelia Schleime - Ein Wimpernschlag. A blink of an eye
Yvonne de Andrés

Der Wimperschlag der Freiheit. Ein Wimpernschlag für die Freiheit. Die Hannah-Höch-Preisträgerin 2016 und eine der bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart beeindruckt durch ihre Unabhängigkeit und ihre künstlerische Eigenständigkeit. Ihre Arbeiten: immer sehr persönlich, poetisch und surreal.



In enger Zusammenarbeit mit Cornelia Schleime hatte die Berlinische Galerie die Rückschau "Ein Wimpernschlag" entwickelt. Namensgebend für die Ausstellung war ein Bild mit diesem Titel. Ein Mädchen im weißen Kleid lehnt am offenen Fenster. Sie befindet sich zwischen Wachsein und Träumen. Sie steht im Fensterrahmen in einem geschlossen Raum und schaut verträumt in die Ferne. Möwen fliegen vorbei. Die Kuratorin Stefanie Heckmann erklärt das Bild so: "Die Szene thematisiert den kurzen, an sich zeitlosen Moment, wenn man beginnt zu träumen. Die Welt wandelt und weitet sich, die Kategorien von Zeit und Raum sind aufgehoben. Das Mädchen steht am Fenster und schaut. Zugleich befindet sie sich an einem anderen Ort, der eigenen Regeln folgt, wie wir dies aus den Geschichten von Alice im Wunderland [...] kennen."

Die Rückschau auf die Werke zeichnete den künstlerischen Werdegang von Cornelia Schleime von den 1980er Jahren bis heute nach. Anfang der 1980er Jahre war sie eine der unorthodoxen Protagonistinnen der alternativen Kunstszene in der DDR. Durch ein Ausstellungsverbot 1981 und ihre Ausbürgerung 1984 nach West-Berlin sind nur wenige Werke aus dieser Zeit erhalten. Fast ihr gesamtes vorher geschaffenes Oeuvre musste sie in der DDR zurück lassen, es ist bis heute verschollen.

Angekommen im Westen musste Cornelia Schleime sich komplett neu erfinden. Meine erste Begegnung mit der Künstlerin war die Ausstellung "Boheme und Diktatur in der DDR", 1997 im Deutschen Historischen Museum. In dieser Ausstellung stach sie mit ihren sensationellen Fotomontagen "Bis auf weitere gute Zusammenarbeit, Nr. 7284/85" stark hervor. Gemeint waren damit ihre besten FreundInnen, die von der Prenzlauer-Berg-Ikone Alexander "Sascha" Anderson, der als Informelle Mitarbeiter (IM) der Stasi arbeitete, ausspioniert worden waren. Schleime nahm ihre Staatssicherheitsakten zum Anlass, eine künstlerische Rekonstruktion ihrer Biographie vorzunehmen. In grandioser Direktheit und mit einer großen Portion Augenzwinkern kommentierte sie ihre Akten. Die AusstellungsbesucherInnen bogen sich damals vor Lachen vor den ausgestellten und kommentierten Stasi-Akten.

Cornelia Schleime beschrieb ihr Werk auf folgende Weise: "Diese Arbeit konnte nur mit Hilfe des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR und dessen zahlreichen Helfern realisiert werden, die in mühevoller Kleinarbeit zu den Texten beitrugen. Denen gilt mein Dank. Die Fotos meiner biographischen Inszenierungen entstanden mit Selbstauslöser 1992 und 1993, nachdem mir meine Akte zugänglich gemacht worden war."

Cornelia Schleime schuf in West-Berlin ab Mitte der 1980er-Jahre ein vielbeachtetes, facettenreiches Werk. Nach poetischen landschaftsähnlichen Arbeiten konzentriert sie sich in den 1990er-Jahren auf großformatige Porträts und Figurenbilder. Die Arbeiten, Zeichnungen, Fotoarbeiten, Reisetagebücher stellen ganz unterschiedliche Motive vor: Mäuse, Porree, Kaffeekannen, Frauenportraits, Mädchen mit ungeheuer langen Zöpfen und ein hasenköpfiges Mädchen. Sie wirkt wie eine Mixtur der Figuren aus Alice im Wunderland. Oft arbeitete sie mit thematischen Serien und beschäftigte sich mit Themen wie "Mutationen", "Zoophologie", "Nonnen" und "Papstbilder". Schleime schaffte es immer wieder aufs Neue, die Kunstszene zu irritieren und polarisieren. Ihre Kompositionen fordern die Betrachterin zum Nachdenken heraus.

Cornelia Schleime hat, wie ich finde, im Interview mit Christiane Bühling im Jahr 2003 ihre Arbeit sehr treffend beschrieben: "Die Gemeinsamkeit aller Arbeiten ist der subjektive Ausgangspunkt, der meist aus dem persönlichen Erleben entsteht. Die weitere Gemeinsamkeit ist natürlich der Hang zur Übertreibung, zum Ironischen und Theatralischen. Wenn man zum Beispiel den Porree nimmt, - was hat der Porree mit der Maus oder mit dem Zopfmädchen zu tun? So ist der Porree maßlos übertrieben in der Länge des Formats, das Mädchen hat lange Zöpfe, die fast bis zur Erde reichen oder, die sich um den Körper schlängeln können - und die Maus hat auch einen ewig langen Mäuseschwanz. Die Gemüseserie habe ich abrupt abgebrochen, nämlich dann, als ich merkte, dass ich inhaltlich dem nichts mehr hinzufügen konnte."

Cornelia Schleime geboren 1953, erhielt in diesem Jahr für ihr Lebenswerk den Hannah-Höch-Preis des Landes Berlin. Während ihres Studiums in Dresden gehörte sie einer jungen Kunstszene an, die sich als Gegenbewegung zu offiziellen Kunstdoktrin der DDR formierte. Anfang der 1980er-Jahre zeichnete, malte, dichtete Cornelia Schleime, entdeckte die Aktionskunst für sich und begann schließlich auch Filme zu machen. Ihr weit gefasster Kunstbegriff sowie die unkonventionellen Werke und Ausstellungen, führten 1981 zum Ausstellungsverbot. Nach mehreren Ausreiseanträgen siedelte die Künstlerin 1984 von Ost- nach West-Berlin über. Nahezu ihr gesamtes bis dahin geschaffenes Oeuvre blieb in der DDR zurück und ist bis heute verschollen. Zahlreiche Einzelausstellungen im In- und Ausland, der Hannah-Höch-Preis (2016), der Gabriele-Münter-Preis (2004), der Fred-Thieler-Preis (2004) sowie der Award of Excellent Painting (Peking) stehen für ihren internationalen Erfolg. Zudem filmte sie, gründete in den späten 1970er Jahren die Punkband Zwitschermaschine. Seit ihrem Romandebüt "Weit fort" (Hoffmann & Campe, 2008) hat sie auch als Schriftstellerin große Aufmerksamkeit erregt. Cornelia Schleime lebt in Berlin und im Ruppiner Land.

AVIVA-Tipp: Cornelia Schleime präsentiert eine unbedingt sehenswerte Ausstellung. Die Künstlerin vermittelt in ihren Bildern den unbändigen Willen nach Freiheit, Surrealität und das Recht auf Selbstbestimmung. Ihre magischen, poetischen Bilder von Froschfrauen, Mädchen mit langen Zöpfen und Käfermännern entführen uns in andere Welten. In ihren Bildern nimmt Cornelia Schleimes Bezug auf aktuelle gesellschaftliche Themen und reflektiert gleichzeitig andere künstlerische Positionen der Gegenwart und der Vergangenheit. Das vielschichtige und ausdruckstarke Oeuvre wurde anlässlich der Preisverleihung, dem Hannah-Höch-Preis des Landes Berlin in der Berlinischen Galerie ausgestellt und ist auch im Katalog zu besichtigen.

Cornelia Schleime im Netz:
www.cornelia-schleime.de

KATALOG
Cornelia Schleime - Ein Wimpernschlag

Herausgeber_innen: Thomas Köhler, Stefanie Heckmann
Texte von: Stefanie Heckmann, Thomas Köhler, Claus Löser, Annelie Lütgens, Kim Mildebrath
ISBN 978-3-7356-0293-0
Format: 23 x 27 cm, 156 Seiten, 124 farbige und 28 s/w Abbildungen, Softcover
Sprachen: Deutsch/Englisch
35 Euro
Kerber Verlag, erschienen Ende November 2016
www.kerberverlag.com

Ausstellung und Katalog wurden ermöglicht durch den Hauptstadtkulturfonds und den Förderverein Berlinische Galerie e.V.

Mehr Infos unter: www.berlinischegalerie.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Cornelia Schleime - Das Paradies kann warten. Storys
Cornelia Schleime ist nicht nur eine der bedeutendsten Malerinnen Deutschlands, sie ist auch eine höchst lesenswerte Autorin: Nach dem Roman "Weit fort" und dem biographisch-dokumentarischen Werk "In der Liebe und der Kunst weiß ich genau, was ich nicht will" legt Schleime mit "Das Paradies kann warten" ihren ersten Erzählungsband vor. (2014)

Cornelia Schleime – "Weit fort"
Ein Buch, das sich liest wie ein Abschied, ein romanlanger Abschied von der Vergangenheit, die in Claras Leben keinen Schlussstrich erhalten hat, nur immer wieder von Neuem begonnen wurde. (2008)

Anna Kaminsky - Frauen in der DDR
Die Auffassung, dass die DDR in punkto Gleichberechtigung von Frauen ein wahres Fortschrittswunderland gewesen sei, ist nach wie vor weit verbreitet. Doch wie gestaltete sich die Lebensrealität der Frauen tatsächlich? Die Geschäftsführerin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur Übersetzerin und Autorin Anna Kaminsky, versucht in ihrem Buch "Frauen in der DDR" einen umfassenden Einblick in das wahre Leben der weiblichen DDR-Bevölkerung zu geben – und dem gängigen Bild der DDR als zumindest im Bezug auf Gleichberechtigung der Geschlechter fortschrittlichem Land zu widersprechen. (2017)

Ines Geipel - Zensiert, verschwiegen, vergessen. Autorinnen in Ostdeutschland 1945 – 1989
Wieso verschwiegen und vergessen? Bekannte Autorinnen aus Ostdeutschland gibt es doch wie Sand am Meer. Christa Wolf, Monika Maron und Irmtraut Morgner sind nur einige der berühmtesten. Wo liegt also das Problem? Wer diese Frage stellt, weiß wenig über die Realität künstlerischer (Un)freiheit in der DDR. Ines Geipel, die 1960 geborene Autorin von "Zensiert, verschwiegen, vergessen", hat selbst unter dem DDR-Regime gelitten. (2009)

"Geburtsort Berlin" - Kurzgeschichten von Monika Maron
"Eigentlich sind sie nett"- wahre und komische Geschichten über Berlin und seine EinwohnerInnen. Von Jonas Maron fotografisch ins richtige Licht gesetzt. (2003)