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22.10.2017

Ruth Klüger - Marie von Ebner-Eschenbach. Anwältin der Unterdrückten
Silvy Pommerenke

Zum einhundertsten Todestag von Marie von Ebner-Eschenbach hat die Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger eine überaus kluge und zugleich mit spitzer Feder geschriebene Rede gehalten. Nachzulesen in der kleinen aber feinen Reihe "Autorinnen feiern Autorinnen".



Die im Mandelbaum Verlag aufgelegte Reihe widmet sich in den Bändchen "vielfach marginalisierten Autorinnen" und hat sich zur Aufgabe gemacht, diese "sichtbar sowie auf deren damalige Präsenz und heutige Bedeutung aufmerksam zu machen". Außerdem soll an Autorinnen erinnert werden, die die literarische Identität Wiens mitgeprägt haben. Die Festrede Ruth Klügers, die sie am 12. März 2016 zum einhundertsten Todestag von Ebner-Eschenbach hielt, liest sich wie eine Kampfschrift!

Der bezeichnende Untertitel "Anwältin der Unterdrückten" gibt bereits die Richtung an, in die Klüger - bedeutende Autorin und Literaturwissenschaftlerin - in ihren Ausführungen schreitet. Und Klüger gibt sich gewohnt kämpferisch, provokativ und feministisch. Sie wählt exemplarisch zwei Novellen und einen Roman ("Der Erstgeborene", "Die Totenwacht", "Unsühnbar") von Ebner-Eschenbach aus, in denen sich diese dem Tabuthema Vergewaltigung widmet. Im 19. Jahrhundert noch unter dem euphemistischen Begriff "Notzucht" geläufig, und für eine adelige Dame darüber zu schreiben eigentlich ein no go! Ausgerechnet diesen Topos greift Klüger heraus, um die Besonderheit der Schriftstellerin hervorzuheben, die mit ihren psychologischen Erzählungen als eine der bedeutendsten deutschsprachigen Erzählerinnen des 19. Jahrhunderts gilt. Klüger tut dies auch, um aufzudecken, dass die Literaturkritik (immer noch) männlich dominiert ist und beispielsweise aus dem eigentlichen Thema "Vergewaltigung" in der Interpretation dann das "Heldentum der Mutter" macht. Ruth Klüger belässt es aber nicht bei diesem literarischen Affront, sondern sie führt im Verlauf der Rede bzw. des Lesebändchens noch weitere Topoi an.

Als Einstieg in eine Festrede harter Tobak, den Klüger aber zugleich für einen milden Übergang zur Vita von Ebner-Eschenbach nutzt. In ihren Augen verfügt diese über einen "dichterisch-soziologischen Scharfsinn" und so geht sie der Frage nach, wie sich Ebner-Eschenbach trotz der damaligen Ressentiments gegenüber schreibenden (und selbständig denkenden) Frauen hat entwickeln können. Eine Frau, die wegen ihres späten Ruhms (und gegen den Widerstand ihrer Familie) zwar einen Ehrendoktortitel der Universität Wien erhielt, aber selbstredend als Frau dort niemals hätte studieren können. Eine Frau, die sich trotz ihrer hochadeligen Herkunft nicht scheute, auch zum "niederen Volk" Kontakt aufzunehmen. Letztendlich eine Frau, die - soweit es unter den damaligen Verhältnissen möglich war - sozial- und gesellschaftskritisch geschrieben hat, und die – im Rahmen der damaligen Möglichkeiten – die Gesellschaftsnormen hinterfragt und gesprengt hat.

Klüger weist in ihrer Begeisterung für diese Dramatikerin und Schriftstellerin zwar darauf hin, dass Ebner-Eschenbach entgegen der damals aufkeimenden Judenfeindlichkeit ein erstaunlich positives jüdisches Bild in ihren Texten entwickelt hat. Gleichwohl, so betont Klüger, "wird ihr manchmal ein gewisser Grad an unverdautem Antisemitismus vorgeworfen". Aber sogleich entschärft Klüger diesen Vorwurf, weil die damalige allgemeine Stimmung und politische Situation bei der Literaturlektüre mit betrachtet werden müsse, "bevor man Steine wirft".

AVIVA-Tipp: Nach der Lektüre von Ruth Klügers Festrede zum Anlass des einhundertsten Todestages von Ebner-Eschenbach am 12. März 2016 entwickeln sich zweierlei Bedürfnisse: zum einen, sich wieder (oder erstmals) der Lektüre von Ebner-Eschenbach zu widmen. Zum anderen den Scharfsinn und die spitze Feder von Klüger zu bewundern. Somit ist das Ziel der Schriftenreihe "Autorinnen feiern Autorinnen" mit Bravour erreicht. Frauen lesen und schreiben eben anders!

Zur Autorin: Ruth Klüger wurde am 30. Oktober 1931 als Tochter jüdischer Eltern in Wien geboren. Im Alter von zwölf Jahren wurde sie gemeinsam mit ihrer Mutter in das Konzentrationslager Theresienstadt, ein Jahr später nach Auschwitz-Birkenau und dann in das Arbeitslager Christianstadt deportiert. Bereits dort begann sie, Gedichte zu schreiben. Gegen Kriegsende gelang Ruth Klüger auf einem der "Todesmärsche" zusammen mit der Mutter und einer Pflegeschwester die Flucht, die schließlich nach 1945 im bayerischen Straubing ihr Ende fand. Der Vater, ein jüdischer Frauenarzt, wurde in Auschwitz ermordet. In Straubing machte Ruth Klüger das Abitur und studierte zunächst an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Regensburg. 1947 emigrierte sie mit ihrer Mutter in die USA, studierte in New York Bibliothekswissenschaften und später an der University of California in Berkeley Germanistik, wo sie 1952 den M.A.-Grad (1967 Ph.D.) absolvierte. Nach Ende ihres Studiums machte K. als Hochschulprofessorin für deutsche Literatur Karriere. Werke u.a.: "Zerreißproben. Kommentierte Gedichte", "Was Frauen schreiben", "Katastrophen. Über deutsche Literatur", "unterwegs verloren".
Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Rauriser Literaturpreis, Grimmelshausen-Preis, Marie-Luise-Kaschnitz-Preis, Prix Mémoire de la Shoa, Preis der Frankfurter Anthologie, Thomas-Mann-Preis der Stadt Lübeck, Roswitha-Preis, Lessing-Preis des Freistaates Sachsen. Im Mai 2009 wurde sie erste Gastprofessorin des Marcel Reich-Ranicki-Lehrstuhls für Deutsche Literatur an der Universität Tel Aviv. Ihr Thema: "Jüdische Autorinnen in der deutschsprachigen Literatur".
2015 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Universität Wien.
(Quelle: Munzinger und AVIVA-Berlin)

Zur Autorin: Marie von Ebner-Eschenbach, geboren am 13. September 1830 auf Schloss Zdislawitz bei Kremsier in Mähren, gestorben am 12. März 1916 in Wien, war eine österreichische Schriftstellerin und Vertreterin des Realismus. Sie zählt zu den wichtigsten Erzählerinnen des 19. Jahrhunderts, wobei sich ihre Werke durch eine staatliche Weitsicht auszeichnen. Ihr umfangreiches Œuvre umfasst vor allem Novellen, Erzählungen, Aphorismen und dramatische Texte, wobei vor allem ihr Werk Krambambuli der Dichterin zu weitreichender Bekanntschaft verhalf. Dennoch betrieb die adelige von Ebner-Eschenbach die Schriftstellerei nicht, um damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sondern vor allem um den Humanismus zu fördern und sittlichen Anstand zu vermitteln.
Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach war, obwohl sie selbst sich streckenweise Klischeebildern bei der Darstellung jüdischer Charaktere bediente, Mitglied im 1891 in Berlin gegründeten "Verein zur Abwehr des Antisemitismus". Sie war die erste Frau, die die Ehrendoktorwürde der Universität Wien erhielt (1900)
(Quelle: Wortwuchs und AVIVA-Berlin)

Ruth Klüger
Marie von Ebner-Eschenbach: Anwältin der Unterdrückten

Mandelbaum Verlag, erschienen September 2016
Gebunden, 72 Seiten
ISBN: 978385476-521-9
Euro 9,90
www.mandelbaum.at


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Interview mit Ruth Klüger
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