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12.12.2017

Adriana Altaras - Das Meer und ich waren im besten Alter
Sharon Adler

Sie ist Schauspielerin, Regisseurin und Schriftstellerin. Nach den SPIEGEL-Bestsellern "Titos Brille. Die Geschichte meiner strapaziösen Familie" und "Doitscha. Eine jüdische Mutter packt aus" erschien nun ihr neues Buch, das den vielsagenden Untertitel "Geschichten aus meinem Alltag" trägt. Liebenswert, urkomisch, klug und gewohnt bissig.



Aufmucken ist angesagt. Das macht Frau Altaras wahrscheinlich schon, seit ihr die erste Windel gewechselt wurde, damals in Zagreb, wo sie geboren wurde, oder später in Italien und Deutschland, wo sie aufwuchs.

Wie schon in ihren vorherigen hochgelobten und heißgeliebten Büchern lässt die Allrounderin Altaras auch diesmal als Autorin nichts aus. Kein Thema zu banal, als dass sie ihm nicht die nötige Würze und Tiefe verleihen würde: Ob Interna aus ihrem persönlichsten Allerinnersten (Familie!) oder ihrem Theateralltag (Kolleginnen und Kollegen!)... Altaras sieht und kann alles. Schreiben, Beschreiben, Spielen, Inszenieren. Von der Überdosis feinem Humor bis zur sarkastischen Gesellschaftskritik, über brillante Alltagsbeobachtungen bis zu intelligenten Inszenierungen an Schauspiel- und Opernhäusern – das Private ist bei ihr mehr als politisch, es ist ganz große Weltpolitik.

Weltpolitik, die Adriana Altaras von ihrer Wahlheimat Berlin aus nicht nur beobachtet, sondern auch selbst betreibt. Berlin, für Altaras die ganz große Hassliebe ("Berlin, meine große hässliche Geliebte), steht dabei immer als Kulisse ihrer Essays. Wie schon in ihren vorherigen Büchern steht auch diesmal ihre (strapaziöse) Familie im Fokus. Vielmehr, ihr Leben mit ihrer strapaziösen Familie. Oder: Das Leben ihrer Familie mit ihr, der strapaziösen jüdischen Mutter? Das allein klingt schon strapaziös. Und ja, auch die Stories in "Das Meer und ich waren im besten Alter" sind strapaziös, schon allein durch ihre Atemlosigkeit, mit der sie erzählt werden. Aber auch äußerst unterhaltsam. In jeder Zeile schwingt die Liebe mit, die alle Familienmitglieder trotz aller charakterlichen Unterschiede füreinander hegen.

Adriana Altaras schafft wieder einmal mühelos den geschmeidigen Übergang von Betrachtungen über den Umgang mit eigenen Marotten und der ihrer Umgebung hin zu den existenziellen Fragen: Nachhilfestunden in türkischer Geschichte beim Fischhändler ihres Vertrauens über die Kultur des Fahrradfahrens in Berlin ("Deutschland fährt Rad") zur großen Frage nach der Urlaubsplanung und den Attentaten in Nizza, "Bei dem Wort Nizza denkt niemand mehr an Ferraris oder Brigitte Bardots Körbchengröße."

Mit Herz und Chuzpe

Altaras´ messerscharfe Beobachtungen kreisen nicht nur um ihre eigene private Welt, etwa wenn sie vom Älterwerden und dem Umgang mit Erinnerung schreibt. Sie nimmt Zuschreibungen und Klischeebilder zu jüdischem Humor ebenso auseinander wie eine Ehekrise, die am heimatlichen Bücherregal ausgetragen wird.

Vor allem aber, und das ist wichtig, lässt Adriana Altaras sich nichts gefallen, eckt an, und es ist ihr egal, ob sie sich damit unbeliebt macht. Für die anderen jedoch, die Rezensentin eingeschlossen, steigt sie in deren Hochachtung, wenn sie über den Begriff "Grenzgebiet zwischen Libanon und Palästina" mit einem Veranstalter in Streit darüber gerät, weil damit die Existenz Israels verneint wird.

AVIVA-Tipp: Altaras hat nicht umsonst den braunen Gürtel in Karate. Ob asiatische Kampfkunst oder das kämpferische Spiel mit Wörtern – sie beherrscht beides. Wenn sie etwa Recep Tayyip Erdogan mit Adolf Hitler vergleicht (während ihr langjähriger türkischer, kommunistischer Fischhändler die Sardinen in Maismehl wälzt und in die BZ einschlägt), sinniert, ob der eine bei dem andern etwa in die Lehre gegangen sei, ist das so erfrischend mutig, dass die Leserin sich wünscht, Altaras möge doch nun endlich auch ganz offiziell und gewählt in die Politik einsteigen. "Das Meer und ich waren im besten Alter" lautet der Untertitel des neuen Buches von Adriana Altaras – wie gut, dass beides kein Verfallsdatum hat.

Zur Autorin: Adriana Altaras wurde 1960 in Zagreb geboren, lebte ab 1964 in Italien, später in Deutschland. Sie studierte Schauspiel in Berlin und New York, spielte in Film- und Fernsehproduktionen und inszeniert seit den Neunzigerjahren an Schauspiel- und Opernhäusern. Sie ist Mitbegründerin des Off-Theaters "Zum Westlichen Stadthirschen", war Mitarbeiterin bei Steven Spielbergs Shoah Foundation und übernahm 2002 die Künstlerische Leitung der Jüdischen Kulturtage in Berlin. In der Arena-Berlin inszenierte sie im Jahr 2003 die "Vagina-Monologe", im Maxim Gorki "Damen der Gesellschaft". Adriana Altaras erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Bundesfilmpreis, Theaterpreis des Landes Nordrhein-Westfalen, Silberner Bär für schauspielerische Leistungen. 2011 erschien ihr hochgelobtes Buch "Titos Brille", das zum Bestseller wurde. 2014 folgte "Doitscha", das ebenfalls von Presse und LeserInnenschaft gefeiert wurde. Adriana Altaras hat den braunen Gürtel in Karate und lebt mit ihrer Familie in Berlin. (Verlagsinformationen)

Adriana Altaras im Netz: altaras.eu

Adriana Altaras
Das Meer und ich waren im besten Alter
Geschichten aus meinem Alltag

KiWi-Taschenbuch, erschienen am 09.03.2017
ISBN: 978-3-462-04958-9
224 Seiten, Broschur
8,99 Euro
www.kiwi-verlag.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Adriana Altaras - Doitscha. Eine jüdische Mutter packt aus
Ihrer Herkunftsfamilie hatte die Berliner Autorin Adriana Altaras ihren ersten Roman, "Titos Brille", gewidmet. Einige der skurrilen Charaktere daraus tauchen auch in ihrem neuen Buch wieder auf. (2015)

Titos Brille. Ein Film von Regina Schilling nach dem Buch von Adriana Altaras
Was für eine Familiengeschichte. Es braucht schon eine ordentliche Portion Selbstvertrauen, um sich von diesen Eltern nicht einschüchtern zu lassen. Zum Glück hat Adriana Altaras aber den Mut ihrer Mutter und ihres Vaters geerbt und aus deren Lebensgeschichte ein Buch gemacht – das jetzt zu einem Film geworden ist. (2014)

Adriana Altaras - Titos Brille. Der Roman und das Hörbuch, gelesen von der Autorin
Die Geschichte ihrer "strapaziösen Familie" will die Schauspielerin und Regisseurin in ihrem ersten Roman erzählen. Strapaziert werden zum Glück nur die Nerven der Autorin, der unbeteiligten Leserin erscheinen die Erlebnisse der Autorin mindestens so amüsant wie irrwitzig. (2011)

"Ausgelesen"-Interview mit Adriana Altaras, März 2003

Interview mit Adriana Altaras, Dezember 2003 anlässlich ihrer Intendanz der "Vagina-Monologe"