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13.12.2017

Juana Molina - Halo
Lisa Baurmann

Das neue Album der preisgekrönten Folktronica-Künstlerin ("Wed21") ist gewohnt experimentell und außergewöhnlich atmosphärisch. Es entführt in Juana Molinas eigene Welt, in der ihre Worte Schatten, Lichter und Totgeglaubte tanzen lassen.



Die Musikerin aus Buenos Aires kann eine erfolgreiche Karriere als Sitcom-Schauspielerin vorweisen, die sie aufgab, um sich auf die Musik zu konzentrieren. Bereits sieben Studioalben, auf denen sie ihr Talent als eigenwillige, originelle Sängerin und Komponistin bewies, sind seit 1996 entstanden. Ihr letztes Werk war das von der Kritik gefeierte "Wed21" aus dem Jahr 2013, für das sie in Argentinien mit einem Premio Gardel (benannt nach dem legendären Tangomusiker Carlos Gardel) geehrt wurde. Dann folgten vier Jahre ohne neue Veröffentlichungen.

Knochenwesen und Irrlichter

Nun meldet sich Juana Molina aus dem Studio zurück, mit "Halo". Das erste, was an ihrem siebten Album auffällt, ist das Cover. Auf schwarzem Grund zeigt es einen blanken Knochen mit den Augen der Künstlerin. Die Kreatur starrt uns an, mit gleichzeitig erstauntem und strengem, fast vorwurfsvollem Blick. Das Foto schuf Alejandro Ros. Molina erzählt im Interview mit dem Online-Magazin Remezcla rückblickend: "It freaked me out. It was striking, it was telling you something. It was a creature that was observing you and it was a little bit threatening, but at the same time, harmless."

Das Knochenwesen weckt Assoziationen mit dem Tod, mit Magie, alten Ritualen und geheimnisvollen Kreaturen. Es schlägt eine Brücke zum Titel des Albums. "Halo", eine Lichterscheinung oder Aura, bezieht sich unter anderem auf das luz mala, "böses Licht" aus argentinischen und uruguayischen Mythen um Irrlichter im Wald. Die wissenschaftliche Erklärung für das Phänomen verweist auf Gase, die beim Verrotten organischer Stoffe, zum Beispiel toter Tierkörper, entstehen.

Zauber im Mondschein

Die titelgebenden Lichterscheinungen durchziehen thematisch das gesamte Album. Der Halo findet sich als mysteriöse Aura im langsam-bedächtigen "Lentísimo Halo" wieder, als Spiegelreflexion in "Cara de Espejo", und im Opener "Paraguaya" als Mondschein, in dessen Lichte Molina einen Zaubertrank braut:

"Linda luna que ahí con tu luz iluminas
el brebaje, a ti te invoco,
ayúdame a conseguir lo que he pedido"

"Schöner Mond, der du dort mit deinem Licht
den Trank erleuchtest, ich rufe dich an,
hilf mir, zu erlangen, was ich erbeten habe."


Der Mond bleibt nicht die einzige magische Figur. Das Stück "Los Pies Helados" beginnt mit gezupften Gitarren und melodiösem Gesang, um zum Ende hin ins Surreale abzudriften. Die Instrumente und Stimmen beginnen sich zu überlagern, Molina singt plötzlich auf Französisch und zitiert aus Maurice Ravels "L´enfant et les sortilèges". Die Kammeroper basiert auf einer Dichtung der Schriftstellerin Colette, in der Gegenstände und gezeichnete Figuren, zum großen Schrecken eines aufmüpfigen Schuljungen, plötzlich zum Leben erwachen.

Geschichtete und verflochtene Klänge

Dass Juana Molina uns okkulte Formeln und Zaubersprüche einflüstert, ist jedoch auch ohne Textkenntnis spürbar. Vor dem Hintergrund der sanften und doch treibenden Percussion raunt und wispert die Stimme der Sängerin, die sich oft zu einem sirenenhaften Chor vervielfältigt. Dazwischen surren Gitarren und außerweltliche Synthesizerklänge. Die einzelnen Instrumente der Arrangements sind eigenwillig, ungewohnt, und dabei gekonnt so übereinander gelagert, dass sie ein stimmiges Ganzes bilden.

Die Multiinstrumentalistin hat ihre Arbeitsweise auf dem neuen Album hörbar perfektioniert. Über einzelne Versatzstücke schichtet sie nach und nach zusätzliche Komponenten, bis ein dichtes Geflecht aus Sounds entsteht. Molina selbst sagt im Interview mit der Musikplattform Bandcamp, sie warte, bis die Instrumente die Klänge von sich aus kreieren – ein subtiler, langsamer Prozess, der meist in Abgeschiedenheit vor sich geht: "It´s just something happening — a communion with my ability to move my hands, obeying what the instruments are telling me to do."

Für "Halo" hat die Künstlerin jedoch die Abgeschiedenheit ihres Heimatstudios in Buenos Aires verlassen und das Album gemeinsam mit Musikerkollegen, unter anderen den langjährigen Mitgliedern ihrer Liveband Odin Schwartz, und Diego Lopez de Arcaute, im Sonic Studio in Texas, USA geschaffen. Ein Wechsel, der für sie erst schwierig, letztlich jedoch äußerst fruchtbar war. Denn im texanischen Studio konnte sie sich an einer Vielzahl an Instrumenten ausprobieren und mit neuen Klängen experimentieren. Die Freude am akustischen Musizieren ist "Halo" anzuhören, denn trotz der übersinnlichen, fast schauderhaften Atmosphäre des Albums klingt es dezidiert warm und organisch.

AVIVA-Tipp: "Halo" ist ein Album wie die Abenddämmerung auf einer Waldlichtung: Juana Molinas Klanggewebe tauchen uns wie sanftes Licht und feuchte Luft in eine angeregt wohlige Atmosphäre, während Melodien und Worte uns wie gespenstisch tanzende Schatten umspielen. "Halo" verzaubert im wahrsten Sinne des Wortes.

Juana Molina
Halo

Label: Crammed Discs
VÖ: 05.05.2017
www.crammed.be

Juana Molina im Netz:

juanamolina.com

www.facebook.com/juanamolinamusic

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