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18.10.2017

Cahier Africain. Ein Dokumentarfilm von Heidi Specogna. Ab 19. Mai 2017 auf DVD
Lisa Baurmann

Ein zentralafrikanisches Dorf, in dem die durch den letzten Bürgerkrieg zugefügten Wunden noch tief sitzen, wird erneut von gewaltsamen Konflikten heimgesucht. Regisseurin Heidi Specogna ("Carte Blanche") begleitet in ihrem preisgekrönten Film...



...über mehrere Jahre einzelne Bewohnerinnen, die die traumatischen Geschehnisse bewältigen und gleichzeitig die bedrohliche Gegenwart meistern müssen.

Regisseurin Heidi Specogna hat sich bereits in zwei Filmen ("Carte Blanche", "Esther und die Geister") mit dem Nachgang der Menschenrechtsverletzungen auseinandergesetzt, die Jean-Pierre Bemba und seine kongolesischen Rebellen in der Zentralafrikanischen Republik im Jahr 2002 begingen. "Cahier Africain" sollte die Betroffenen beim Prozess der Aufarbeitung und ihre Wege in den Neubeginn begleiten. Es kam aber alles anders. Denn inmitten der Versuche, den schwierigen Alltag mit Zuversicht zu meistern – und während in Den Haag noch der Prozess um die letzten Kriegsverbrechen in Gange ist – bricht in der Zentralafrikanischen Republik der nächste Krieg aus.

Am Anfang steht ein Schulheft

Das "Cahier Africain" ist ein Schulheft, das am Anfang des Films steht. Anstelle von Vokabeln füllten sich seine karierten Seiten mit den mutigen Zeug_innenaussagen von 300 zentralafrikanischen Frauen, Mädchen und Männern. Sie offenbaren, was ihnen im Oktober 2002 von den kongolesischen Söldnern angetan worden war. Das Heft ist ihr selbst gefertigtes Beweisstück, um die an den Zivilist_innen verübten Vergewaltigungen zur Anklage zu bringen. Es wird nach Den Haag gebracht: Dort muss sich der Rebellenführer Bemba vor dem Internationalen Gerichtshof endlich für seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten.Der Film begleitet als Langzeitprojekt seit 2008 Protagonist_innen aus dem Dorf PK 12, die sich dem Heft anvertraut haben. Der Name des Ortes klingt wenig poetisch. Er steht für "Point Kilométrique 12" – das Dorf befindet sich zwölf Kilometer nördlich vom Zentrum der Landeshauptstadt Bangui.

Dort lebt Amzine, eine junge muslimische Frau, die als Folge der Vergewaltigungen ein Kind zur Welt gebracht hat – der Blick auf ihre heute 12-jährige Tochter Fane erinnert sie täglich an das dem Heft anvertraute Leid. Zusammen mit ihrer Mutter und ihren Söhnen und Töchtern versucht sie, den Alltag zu meistern, ohne sich von der Ausgrenzung als alleinstehende Frau durch die anderen Dorfbewohner_innen entmutigen zu lassen. Fane ist ein lebhaftes Kind voller Selbstbewusstsein und Tatendrang. Wer ihr Vater war, weiß sie nicht – aber an Feiertagen fragt sie oft nach ihm.
Die Nachbarin Arlette, ein christliches Mädchen, litt jahrelang an einer nicht heilen wollenden Schussverletzung am Knie. Nach einer OP in der Berliner Charité, für die sie eigens die lange Reise nach Deutschland antrat, hegt sie wieder Hoffnung auf ein schmerzfreies Leben.

Alte Wunden reißen auf

Doch im Jahr 2012 beginnt die Gewalt erneut. Zunächst sind es die christlichen Bewohner_innen des Dorfes, die um ihre Sicherheit fürchten, seit die muslimisch geprägte Rebellkoalition Séléka aus dem Norden des Landes auf dem Vormarsch ins Landesinnere ist. Dann geraten auch die muslimischen Menschen in Bedrängnis, da sich die christliche Anti-Balaka als Gegenbewegung zu Séléka gründet und der Konflikt zunehmend entlang religiöser Linien und zu Lasten der Zivilbevölkerung ausgetragen wird. Anhänger_innen des jeweils anderen Glaubens werden gelyncht, unkontrollierte Waffengewalt ist omnipräsent. Menschen flüchten zu Tausenden aus den umkämpften Gebieten und lassen alles zurück, Familien werden auseinandergerissen, Erwachsene und Kinder verletzt und getötet.

Auch Amzine, Fane und Arlette werden erneut in den Strudel von Gewalt, Tod oder Vertreibung gerissen. Alte Wunden, körperliche wie seelische, reißen wieder auf. Aber im Vordergrund steht der unglaubliche Überlebenswille der Protagonistinnen, ihre Beharrlichkeit, ihr Mut, immer wieder neu anzufangen. Die Regisseurin kommentiert kaum. Stattdessen sprechen die Frauen und Mädchen für sich, erzählen ihre Geschichte, ihre Sorgen und Wünsche. Den Rest erzählen die Bilder. Sie sind mal von dokumentarischer Authentizität und Nähe, mal von in Szene gesetzter Schönheit, begleitet durch entrückte Chormusik. Trotz der immer unerträglicher werdenden Umstände steht am Ende des Films keine Resignation, sondern Hoffnung.

"Cahier Africain" ist seit seinem Entstehen im Jahr 2016 bereits vielfach ausgezeichnet worden: Unter anderem auf der DOK.Leipzig 2016 mit der Silbernen Taube, mit dem Deutschen Menschenrechtsfilmpreis 2016 und mit dem Deutschen Filmpreis 2017 als Bester Dokumentarfilm. Bei den Schweizer Filmpreisen gewann die Dokumentation gleich zweimal: Als Bester Dokumentarfilm sowie für die Beste Montage. Seit 19. Mai 2017 ist er als DVD erhältlich.

Jean-Pierre Bemba ist inzwischen, am 21. Juni 2016, in Den Haag für seine Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 18 Jahren Haft verurteilt worden.

AVIVA-Tipp: Die Dokumentation ist ein wichtiger Film, der nicht nur die perfiden Menschenrechtsverletzungen anklagt, die im Bürgerkrieg in der Zentralafrikanischen Republik geschahen, sondern auch den Betroffenen eine Stimme gibt. Er erzählt mit viel Ruhe, Tiefe und Intimität von deren Courage im Angesicht des Leids.

Zur Regisseurin: Heidi Specogna, geboren 1959 in Biel in der Schweiz, besuchte die Journalist_innenschule in Zürich und studierte an der Deutschen Film- und Fernsehakademie dffb in Berlin. 1990 gründete sie ihre eigene Produktionsfirma "Specogna Film". Sie unterrichtete unter anderem an der Hochschule der Künste Berlin und ist seit 2003 an der Filmakademie Baden-Württemberg als Dozentin für Dokumentarfilm tätig. In vielen ihrer Dokumentationen griff sie politische Themen in Lateinamerika auf ("Tania La Guerrillera", "Tupamaros", "The Short Life Of José Antonio Gutierrez", "Pepe Mujica – Der Präsident"). Ihre Filme sind vielfach ausgezeichnet worden: Für "The Short Life Of José Antonio Gutierrez" erhielt sie unter anderem den Schweizer Filmpreis 2007 für den Besten Dokumentarfilm und den Adolf-Grimme-Preis. Der Film "Carte Blanche" aus dem Jahr 2011 beschäftigt sich mit der Aufarbeitung der Menschenrechtsverletzungen durch kongolesische Rebellen in der Zentralafrikanischen Republik. Er gewann den 3sat-Preis für den besten deutschsprachigen Dokumentarfilm und wurde mit dem Katholischen Medienpreis ausgezeichnet. Für ihren Kurzdokumentarfilm "Esther und die Geister", der der Geschichte eines 17-jährigen Mädchens aus der Zentralafrikanischen Republik nachgeht, wurde sie mit dem deutschen Menschenrechtspreis 2012 geehrt. "Cahier Africain" tritt die thematische Nachfolge von "Carte Blanche" und "Esther und die Geister" an.
Heidi Specogna im Netz: www.heidispecogna.de

Cahier Africain
Deutschland/Schweiz 2016
Regie: Heidi Specogna
Sprecherin: Eva Mattes
Länge: 119 Minuten
Verleih: Déjà-vu Film
VÖ: 19.05.2017
Website mit Trailer: www.dejavu-film.de
Facebook: www.facebook.com/cahierafricain

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Carte Blanche. Ein Film von Heidi Specogna und Sonja Heinzmann. Ab 10. Mai 2012 im Kino
Erstmals begleitet ein Filmteam die Aufklärungsarbeit der ErmittlerInnen des Internationalen Strafgerichtshofes Den Haag. Sie bereiten die Anklage gegen den Rebellenführer Bemba vor, dem vorgeworfen wird, seinen Rebellen einen Freibrief für die systematische Vergewaltigung und Tötung von ZivilistInnen in der Zentralafrikanischen Republik erteilt zu haben. (2012)


Quelle: déjà-vu film UG