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21.11.2017

Beth Ditto - Fake Sugar
Tina Schreck

Die feministische Popikone, Buchautorin, Designerin und ehemalige "Gossip"-Sängerin startet jetzt mit ihrem ersten Soloalbum durch. Riot Grrrl meets Country Girl. Unterstützt wurde sie dabei von der Grammy-nominierten Songwriterin, Bassistin und Produzentin Jennifer Decilveo.



Schon fünf Jahre ist es her, dass die weltweit erfolgreiche Alternative/Garage/Punk/ Pop-Band "Gossip", die sich 2016 offiziell trennte, ihr letztes Album "A Joyful Noise" releaste. In der Zwischenzeit veröffentlichte die Ex-Frontfrau mit "Coal to Diamonds: A Memoir" (deutscher Titel: "Heavy Cross") ihre Autobiographie, arbeitete mit Jean Paul Gaultier an ihrer eigenen Plus-Size-Modekollektion, modelte für Marc Jacobs, spielte in Tom Fords jüngstem Film "Nocturnal Animals" mit und heiratete 2013 ihre langjährige Freundin Kristin Ogata. Auch der Kinderwunsch sei bereits zu Anfang ihrer Beziehung Thema gewesen, wie die feministische Allroundkünstlerin, die sich seit langem aktiv für LGBT-Rechte einsetzt, dem Guardian verriet: "We´ve had talks about what we would name our kids since we were in our 20s."

Nun kehrt sie mit ihrem poppigen Solodebüt, das von der Presse einhellig gefeiert wurde, in die Musikwelt zurück. Auf ihrem mit Spannung erwarteten Album mixt die Musikerin gefühlvolle Balladen wie "Lover" mit Gute-Laune-Songs à la "Savoir Faire". Die explosive Eröffnungssingle "Fire" feierte am 7. April 2017 beim Echo Weltpremiere.

Gerade dieser Abwechslungsreichtum sorgte für positive Überraschung. "All of my gay boyfriends were like, ´You´ve gotta make a dance record´", sagte Beth Ditto gegenüber dem Rolling Stone-Magazine.
Eine reine Danceplatte sollte es dann aber doch nicht werden. Denn während der Entstehungsphase des Albums hörte Beth Ditto immer wieder den Song "You Can Call Me Al" des Folk-Rock-Sängers Paul Simon und dachte über ihr (neues) Leben nach. Der Tod des Vaters, die Auflösung der Band nach 17 Jahren, die Freuden und Leiden des Ehelebens…Herausgekommen ist ein erwachsenerer und nachdenklicherer Sound, der auch die romantische Seite der Künstlerin zum Vorschein bringt: "This is adulthood, baby", lacht sie. "You fought for marriage equality, now you gotta live in it."

Gimme Sugar

Nachdem ihr Label sie mit einigen männlichen Producern bekanntgemacht hatte, entschied sich die Sängerin, ihr Soloprojekt mit der Grammy-nominierten Songwriterin, Bassistin und Produzentin Jennifer Decilveo zu verwirklichen. "With the exception of a few people, I don´t think men listen the same way when it comes to something that they have the knowledge of, even if they fucking don´t have more experience", erklärte sie in einem Vogue-Interview. Mit Jennifer Decilveo, die auf vollendete Weise die Punk-Neigung der Künstlerin mit Pop-Elementen kombinierte, gelang eine inspirierende Zusammenarbeit. Die Songs sind voller Hoffnung, handeln von Liebe, Rückblick und Verlust und nehmen sich verstärkt auch ihrer südamerikanischen Wurzeln an. Mal langsam und mal schnell, jedoch immer stark, imposant und sexy - Beth Ditto eben.

The Breakup-Song

Am 16. August 2017 feierte das Video des Albumhits "We could run" Weltpremiere. Für die Musikerin selbst hat der Song eine ganz besondere Bedeutung, da sie für die Beziehung zu Gossip-Gitarrist Nathan Howdeshell alias Brace Paine steht. Sie handelt von damals, als sie zusammen aus ihrer Heimatstadt Judsonia im US-Bundesstaat Arkansas weggingen, aber auch vom Ende der Band und somit dem Ende der gemeinsamen Zeit: "Some moments were meant to last, but this ain´t one". Eine hymnisch-anmutende Ballade, die voller Emotionen und Sehnsucht steckt und mit ihrem eindringlichen Refrain stark an den U2-Klassiker "With Or Without You" erinnert.

High Variety

Trotz seiner Sentimentalität ist "Fake Sugar" keineswegs ein klassisch romantisches Pop-Album. Es ist vielmehr ein guter Mix aus treibendem Blues, Vintage-Soul, Südstaaten-Rock und Disco-Pop. Der Track "Oh La La" ist im Gegensatz zu den melancholischeren Nummern ein echter Hipshaker, der sofort ins Blut übergeht. In dem starken Song nimmt die stimmgewaltige Sängerin mit den Zeilen "two sisters, four brothers / hard worker, like my mother" auch auf ihre Familie, insbesondere auf ihre Mutter Bezug, die sie und ihre Geschwister alleine großzog. Eine Powerfrau, der die Musikerin einiges zu verdanken hat: "People ask me where I get my confidence", erzählt sie. "Talk to my mother".

AVIVA-Tipp: "Fake Sugar" ist temperamentvoll und gefühlsbetont zugleich. Ein gelungenes sowie sehr persönliches Solodebüt, das Lust auf mehr macht. Oh la la! Beth, please don´t stop!

Beth Ditto im Netz:
www.bethditto.com
www.facebook.com/bethditto

Beth Ditto
Fake Sugar
CD, VÖ 16.Juni 2017
09 Tracks
Sony Music

Album Tracklist
01. Fire
02. In And Out
03. Fake Sugar
04. Savoir Faire
05. We Could Run
06. Oo La La
07. Go Baby Go
08. Oh My God
09. Love In Real Life
10. Do You Want Me To
11. Lover
12. Clouds (Song For John)

Beth Ditto: Vocals, all tracks
David Levita: Guitar tracks 1-5, 8-12, Bass 1,12
Sam Kauffman-Skloff: Drums tracks 1-11
Jennifer Decilveo: Bass tracks 2,5,8,9,11, Instruments and Programming all tracks
Michael Shuman: Bass tracks 4,6,10
Chris Bruce: Guitar track 6
Jason Orme: Guitar and Bass track 7


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