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22.11.2017

AVIVA-Interview mit der Herausgeberin der Lili Grün Werke, der Literaturwissenschaftlerin und Publizistin Anke Heimberg
Yvonne de Andrés

Am 30. August 2017 um 10:00 Uhr fand die feierliche Einweihung des "Lili-Grün-Weg" in Marzahn-Hellersdorf. statt. Die 1904 in Wien geborene jüdische Schriftstellerin Elisabeth "Lili" Grün ging Ende der 1920er Jahre nach Berlin. Sie widmete sich in ihren Werken humorvoll und selbstironisch dem Großstadtleben. 1942 wurde Lili Grün durch das NS-Regime aus ihrem Exil in Wien deportiert und in der weißrussischen Vernichtungsstätte Maly Trostinec ermordet.



1933 erschien ihr Debütroman "Herz über Bord", in dem sie ihre Berlinerlebnisse verarbeitete. Lili Grün trat mit ihren Werken engagiert für ein emanzipiertes Frauenbild ein.
Im Mai 1942 wurde Lili Grün durch das NS-Regime nach Maly Trostinez in Weißrussland deportiert und noch am Tag ihrer Ankunft ermordet. Der "Lili-Grün-Weg" bettet sich in ein Umfeld, in welchem bereits Persönlichkeiten wie Carola Neher, Maxie Wander und John Heartfield gedacht wird.

Zur Herausgeberin: Anke Heimberg, 1967 in Pforzheim geboren, Studium der Germanistik, Soziologie und Medienwissenschaften an den Universitäten Marburg und Wien, lebt und arbeitet als freie Literaturwissenschaftlerin und Publizistin in Berlin.
Anke Heimberg hat die vergessene österreichisch-jüdische Autorin Lili Grün und ihr Werk für den AvivA Verlag wiederentdeckt, neben den Werken Lili Grüns hat sie auch Romane der Exilschriftstellerin Victoria Wolff neu herausgegeben, so Das weiße Abendkleid (2006) und den im Mai 2017 als Taschenbuch neu aufgelegten Sommer-Roman "Die Welt ist blau", derzeit arbeitet sie an einer Biographie zu Lili Grün.

AVIVA-Berlin: Wann und wo hast du Lili Grün wiederentdeckt?
Anke Heimberg: Ich bin regelmäßig auf Flohmärkten unterwegs, um nach Literatur von Autorinnen aus der Zeit der 1920er/1930er-Jahre zu suchen. Dabei stieß ich eines Tages auf den Berliner Kabarett-Roman Herz über Bord von Lili Grün
, den ich dann 2009 unter dem veränderten Titel Alles ist Jazz beim Berliner AvivA Verlag neu herausgegeben habe. Ich las mich vor Ort sofort fest bzw. den Roman, nachdem ich ihn erworben hatte, zu Hause in einem Rutsch durch. Danach wollte ich wissen, wer Lili Grün ist, was sie sonst noch geschrieben hat. Der Name der Autorin sagte mir nichts. Doch die einschlägigen bio-bibliographischen Literaturlexika gaben zu ihrem Namen und ihrem Werk wenig her, die Einträge waren lückenhaft, teils widersprüchlich.

AVIVA-Berlin: Was hat dich an Lili Grün fasziniert?
Anke Heimberg: Es war weniger die Person Lili Grün als vielmehr ihr literarisches Werk, das mich faszinierte.
Grüns erster Roman Alles ist Jazz begeisterte mich, neben seiner gerade heute wieder modernen Thematik –Kreative, die versuchen, im hippen Berlin irgendwie Fuß zu fassen –, vor allem wegen seines Sprachwitzes, den schlagfertigen Dialogen und dem neusachlichen, bisweilen schnoddrigen Tonfall. Da ich in den Lexika kaum Informationen zu Grün und ihrem Werk fand, machte ich mich selbst auf die Suche, d.h. ich begann in zeitgenössischen Zeitungen und Zeitschriften systematisch nach Beiträgen von ihr zu recherchieren. Und ich entdeckte Gedichte und Geschichten im typischen Lili Grün-Sound: frisch, frech, freimütig und selbstironisch, die ich dann 2014 unter dem Titel Mädchenhimmel! erstmals in Buchform edieren konnte – wiederum im AvivA Verlag.

AVIVA-Berlin: War es schwierig einen Verlag zu finden, der Lili Grüns Bücher neu verlegt?
Anke Heimberg: Ich habe Lili Grüns Kabarett-Roman verschiedenen Verlagen vorgeschlagen, die aber alle abwinkten. Außer Britta Jürgs vom AvivA Verlag hatte niemand den Mut, das Risiko einzugehen
, eine zu diesem Zeitpunkt völlig vergessene und damit unbekannte Autorin und ihr Werk neu aufzulegen.




AVIVA-Berlin: Worin besteht deine Arbeit als Herausgeberin?
Anke Heimberg: Ich sehe meine Aufgabe vor allem darin, Texte von spannenden, aber heute weitgehend vergessenen Autorinnen aufzuspüren, sie gewissermaßen auszugraben, und dem Lesepublikum von heute bereit zu stellen. Indem ich eine Autorin und ihr Schreiben zum Beispiel mittels eines Nachworts porträtiere und literaturgeschichtlich einordne, versuche ich darüber hinaus, Leserinnen und Leser dauerhaft für ihr Werk zu interessieren.

AVIVA-Berlin: Was hat Lili Grün Frauen heute zu erzählen?
Anke Heimberg: Die Frauenfiguren, die Lili Grün in ihren Texten skizziert, sind junge, selbstbewusste Frauen, hin- und hergerissen zwischen Emanzipation, Selbstbestimmung und der Sehnsucht nach der großen und wahren Liebe. Moderne Heldinnen im besten Sinne, deren Widersprüche und Sehnsüchte auch heutigen Frauen nicht unbekannt sein dürften.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank für das Gespräch!

Die feierliche Einweihung der Straße "Lili-Grün-Weg"findet statt am:

Mittwoch, 30. August 2017, ab 10:00 Uhr
Carola-Neher-Straße/Ecke Lili-Grün-Weg, 12619 Berlin-Hellersdorf mit öffentlicher Lesung. Bezirksstadtrat Johannes Martin (CDU) und Fred Wessel, Vorstand der INTERHOMES AG, werden anwesend sein.
Unmittelbar im Anschluss findet eine öffentliche Lesung aus den Werken Lili Grüns durch Anke Heimberg und Britta Jürgs (AvivA Verlag) im Kulturforum Hellersdorf in der Carola-Neher-Straße 1, 12619 Berlin, statt.

Weitere Veranstaltungen:

Am Donnerstag, 19.10.2017, um 15.00 Uhr
Lesung/Gespräch zu Lili Grün mit Anke Heimberg und Britta Jürgs im Frauentreff HellMa
Frauentreff Hellma
Marzahner Promenade 41
12679 Berlin
Telefon / Fax: +49(0) 30 542 50 57
Nähere Infos: www.frauentreff-hellma.org.

Zur Autorin: Lili (Elisabeth) Grün wurde am 3. Februar 1904 als Elisabeth Grün in Wien geboren. Sie wuchs als jüngstes von vier Kindern des aus Ungarn stammenden Bartbindenmachers Hermann (Ármin) Grün und seiner Wiener Frau Regine (Regina) im heutigen 15. Gemeindebezirk Rudolfsheim-Fünfhaus auf. Nach dem Tod ihrer Eltern ging sie Ende der 1920er Jahre nach Berlin, wo sie 1931 zusammen mit KünstlerInnen-FreundInnen ein literarisch-politisches Kabarett eröffnete. Sie schrieb Gedichte und Geschichten für das Berliner Zeitgeist-Magazin "Tempo" und das renommierte Prager Tagblatt. Zurück in Wien verarbeitete sie ihre Berlin-Erlebnisse in ihrem Roman "Alles ist Jazz", der erstmals 1933 unter dem Titel "Herz über Bord" im Paul Zsolnay Verlag erschienen ist. Die Wiener Presse bejubelte Lili Grüns Debüt. Nach einem längeren Aufenthalt in Prag und Paris erschien 1935 der Theater-Roman "Loni in der Kleinstadt". Mit der nationalsozialistischen Okkupation Österreichs im März 1938 hatte Lili Grün als jüdische Schriftstellerin schlagartig keine Möglichkeit mehr zu publizieren. Verarmt und lungenkrank blieb ihr die Emigration ins rettende Ausland verwehrt. 1942 wurde sie aus Wien deportiert und in der weißrussischen Vernichtungsstätte Maly Trostinec ermordet.
Seit 2007 erinnert in der Heinestraße 4 im 2. Wiener Gemeindebezirk ein "Stein der Erinnerung" an das Schicksal von Lili Grün. Im Mai 2009 wurde ein neugestalteter Platz im Bereich Klanggasse/Castellezgasse, ebenfalls im 2. Wiener Gemeindebezirk, nach ihr benannt.
(Quelle: Verlagsinformation, Fembio, AVIVA-Berlin)

Die Lili Grün-Bücher. Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Lili Grün - Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit... Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg. Roman. AvivA Verlag, 1. Auflage 2016.
"Du glaubst auf eigene Fasson unglücklich zu werden statt nach der von anderen Leuten. Du glaubst, das ist gar nix. Das ist vielleicht schon alles, was man haben kann." Was zunächst illusionslos und pessimistisch klingt, ist ein ganz pragmatischer Ratschlag, den in Lili Grüns Roman "Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit..." die lebenskluge Mitzi ihrer Freundin Susi Urban gibt. (2016)

"Mädchenhimmel" von Lili Grün. Gedichte und Geschichten. Gesammelt, herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Anke Heimberg. AvivA Verlag, 1. und 2. Auflage 2014, 3. Auflage 2015.
Nach den Romanen "Alles ist Jazz" und "Zum Theater!" veröffentlicht der AvivA-Verlag mit "Mädchenhimmel" eine Sammlung von Lili Grüns Gedichten und Geschichten. Die Lektüre ihrer Romane und anderer Werke ist nicht von der schrecklichen Tatsache zu trennen, dass die in Wien geborene jüdische Schriftstellerin 1942 in einem weißrussischen Vernichtungslager ermordet wurde. (2014)

"Zum Theater" von Lili Grün. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg. AvivA Verlag, 1. Auflage 2011
Der Roman um die junge, ambitionierte Schauspielerin Loni Holl erschien 1935 unter dem Titel "Loni in der Kleinstadt". Zuvor war das Werk als Vorabdruck im "Wiener Tag" erfolgreich und wurde in der zeitgenössischen Kritik als "ebenso klug wie anmutig" gefeiert. (2011)

"Alles ist Jazz" von Lili Grün. Roman. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg. Berlin: AvivA Verlag, 1. Auflage 2009, 2. Auflage 2015.
Der Roman erzählt die Geschichte der Schauspielerin Elli, die in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten um 1930 ihr Glück und Auskommen in Berlin sucht. "Alles ist Jazz" ist die Wiederentdeckung der Saison. (2009

Victoria Wolff - Das weiße Abendkleid
Victoria Wolff entführt in das Paris der 30er Jahre, in dem vier Frauen mit unterschiedlicher Herkunft und Lebensentwürfen eine Veränderung ihres Lebens erfahren, als sie sich ihren Wünschen stellen. (2008)

Victoria Wolff – Die Welt ist blau. Ein Sommer-Roman aus Ascona. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Anke Heimberg
Der Roman der jüdischen Autorin ist nicht nur ein kurzweiliges Lesevergnügen, sondern auch ein historisches Portrait über Ascona, den "äußersten Vorort Berlins" der zwanziger und dreißiger Jahre. Der Roman erschien 1933 als Vorabdruck in der Neuen Zürcher Zeitung und 1934 erstmals in Buchform. 2008 erschien das literarische Kleinod als gebundene Ausgabe im AvivA Verlag, der es nun als Taschenbuch herausgebracht hat.

Bio-bibliographische Angaben zu Lili Grün finden sich auch auf FemBio: www.fembio.org.
Mehr Informationen zum AvivA Verlag unter. www.aviva-verlag.de



Copyright Foto von Anke Heimberg: Lili Grün-Lesung "Kabarett, Jazz und Schreibmaschinen" in der "Büchergilde – Buchhandlung am Wittenbergplatz", Berlin, 23. Mai 2017. Foto/Quelle "privat/AnkeHeimberg".