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25.11.2017

Tori Amos - Native Invader
Silvy Pommerenke

Zwölf Millionen verkaufte Tonträger, fünfzehn Alben und 25 Jahre Karriere. Dabei feministisch, kritisch und auch zartbesaitet. Die Rede ist von einer der erfolgreichsten US-amerikanischen Sängerinnen, Tori Amos, die mit ihrem neuen Album wieder einmal die Charts erobert.



Auf dem Album "Native Invader" wollte Tori Amos eigentlich auf Wurzelsuche gehen und ist deswegen in die Smoky Mountains gereist. Daher kommt ihr Großvater mütterlicherseits, der von den Cherokee-IndianerInnen abstammt. Aber das Grenzgebiet zwischen Tennessee und North Carolina sollte nicht lange ihre Aufmerksamkeit behalten, da – und wir alle sind davon betroffen – im letzten Jahr Donald Trump die Wahl gewann. Selbstredend, dass eine kritische Künstlerin wie Tori Amos das nicht auf sich beruhen lassen konnte und ihr Album einen anderen Tenor bekommen hat. Somit geht es darauf nun um Krisen, und wie diese gemeistert werden können. Im weitesten Sinne geht es um Freiheit und Resilienz. Tori Amos hat persönlich auch schmerzliche Erfahrungen machen müssen, denn ihre Mutter, der sie sehr nahesteht, hat im Januar dieses Jahres einen Schlaganfall erlitten. Sie ist seitdem halbseitig gelähmt und kann nicht mehr sprechen. Die Trauer darum findet sich in dem äußerst persönlichen Song "Mary´s eyes", den sie ihrer Mutter bislang allerdings noch nicht vorgespielt hat, da sie nicht genau weiß, wieviel ihre Mutter überhaupt noch wahrnimmt.

Und natürlich hat die USA aufgrund der Trump´schen Wahl aktuell auch mit Problemen zu kämpfen, die ein großes Wutpotential beherbergen. Das spaltet nicht nur die PolitikerInnen, sondern auch FreundInnen und Familien. Tori Amos will mit ihren Songs gewaltfrei "einen geheimnisvollen akustischen Garten" dagegen schaffen, damit "die Menschen etwas Magisches mitnehmen oder die Idee der Stärke wiedergewinnen, oder auch die Idee, offen zu sein, anderen Menschen wieder zuzuhören". Mit verborgenen Botschaften und unterschwelligem Protest setzt Tori Amos gegen die aktuelle Alt-Right-Bewegung und den Lobbyisten und Lobbyistinnen ein Zeichen. Beispielsweise ist der Song "Benjamin" inspiriert von der ungewöhnlichen Gerichtsverhandlung ´Juliana Versus the US´, bei der die damals fünfzehnjährige Kelsey Juliana gegen die Vereinigten Staaten klagte, dass diese versagt hätte, die Umwelt zu schützen. "Up the creek" fällt ein wenig aus dem Rahmen des Albums, da es etwas flotter an den Start geht und mit Electro-Attitüden daherkommt. Somit also kein Zufall, dass es an den 1996er Dance-Hit "Professional Widow" von Amos erinnert. Und auf "Up the creek" ist erneut ihre Tochter Tash Amos zu hören, wie bereits auf dem 2014er Song "Promise". Verblüffend, wie sehr sich die beiden Frauen nicht nur optisch, sondern auch akustisch ähneln!

Tori Amos stellte unlängst am 22.09.2017 bei Aspekte im ZDF zwei Songs live vor, wirkte dabei extrem nahbar und sympathisch, und verzauberte das Publikum samt Moderatorin Katty Salié spürbar. Dies geschah im Rahmen ihrer CD-Promotion und live-Tour, die sie noch bis Ende des Jahres durch Deutschland, Österreich, England und die USA führen wird.

AVVA-Tipp: Auf "Native Invader" finden sich die altbekannten Stärken von Tori Amos: ihr ausgefeiltes Klavierspiel und die wohlvertraute Stimme. Selbst nach fünfzehn Alben klingt das immer noch frisch und es treten niemals Ermüdungserscheinungen beim Hören auf. Zumal Amos immer auch viel zu sagen hat. Und was mehr als deutlich rüberkommt, ist die Kritik an Donald Trump. Well done, Miss Amos!

Zu Tori Amos Mit zweieinhalb Jahren begann sie, Klavier zu spielen, mit fünfeinhalb Jahren war sie die jüngste Schülerin am Peabody-Musikkonservatorium, wo sie in klassischem Gesang und Klavier ausgebildet wurde. Mit elf brach sie die klassische Ausbildung ab und widmete sich fortan der Rock- und Popmusik. Als Teenager spielte sie bereits regelmäßig in verschiedenen Bars Klavier. Während sie in den späten achtziger Jahren in den USA noch Rockmusik machte und damit mäßig erfolgreich war, führte die Konzentration auf Großbritannien und die Zuwendung zu Solo-Klavier-Auftritten zum weltweiten Durchbruch. Ausgerechnet mit "Me and a gun", einem Song, bei dem sie ihre eigene Vergewaltigung verarbeitet, hatte sie ihren ersten Chart-Erfolg. Tori Amos war 1994 die erste Sprecherin von RAINN (Rape, Abuse and Incest National Network), der größten US-Notrufhotline für Vergewaltigungsopfer, insbesondere für Frauen und Kinder.

Tori Amos im Netz: www.toriamos.com und auf Facebook

Tori Amos live:
01. Oktober 2017 - Wien / Österreich - Konzerthaus
04. Oktober 2017 - London / GB Royal Albert Hall
05. Oktober 2017 - Manchester / GB - Palace Theatre Manchester
06. Oktober 2017 – Glasgow / GB - O2 Academy Glasgow

Tori Amos
Native Invader

Label: Decca Records
VÖ: September 2017

Weiterhören auf AVIVA-Berlin:

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