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24.11.2017

Patricia Hempel - Metrofolklore
Ahima Beerlage

Lässt sich heillose Romantik mit beißendem Sarkasmus verbinden? Die freie Journalistin (Politikressort bei Forum - Das Wochenmagazin) Patricia Hempel schafft diesen Spagat in ihrem Erstlingsroman über eine Archäologiestudentin, die ihre unerreichbare Traumfrau mit Minnesang und antiken Idealen anschmachtet, während sie gleichzeitig ihr Umfeld mit spitzer Feder aufspießt. Dabei schert sich die Geschichte...



... aus dem Berliner Student_innenleben einen feuchten Kehricht um Political Correctness.

Dichtung und Drogen

Die Handlung des Romans ist auf den ersten Blick schnell erzählt. Die lesbische Ich-Erzählerin, der die Autorin bei der Buchpremiere attestierte, autobiografisch inspiriert zu sein, studiert Archäologie in Berlin und arbeitet wenig euphorisch in den Semesterferien auf Ur- und frühgeschichtlichen Ausgrabungen. "Generell ist es egal, was ich in meinem Leben ausgrabe. Es läuft in der Regel glatt, weil ich die Dinge nicht zu ernst nehme. Falls doch, dann nur als Teil situativer Selbstinszenierung. Das bringt mir den Vorteil einer Existenz mit Zufriedenheitsfaktor, ohne in ein akademisches Lesbenpunk-Image abdriften zu müssen."

Sie wohnt in einer WG mit Julie, die in einem emotional anstrengenden BDSM-On-Off-Verhältnis mit Carsten verstrickt ist, und mit Julek, einem Schwulen mit wechselhaftem Sexleben. "Ich habe die Eigentumswohnung meiner Mutter am Savignyplatz ungern aufgegeben, um mit Julie dieses Dreizimmerloch am Tempelhofer Flugfeld zu beziehen. Nach vier Jahren Internat für Wohlstandsjunkies und schwererziehbare Bildungsbürger hatte ich in Charlottenburg zum ersten Mal das Gefühl, eine Privatsphäre zu besitzen."

Ihr Alltagsverhältnis heißt Anika. Die Liebe ist nicht groß, aber Anika ist eben da. Nur Anikas Kinderwunsch ist der Heldin mehr als unheimlich. Trotz aller Abgebrühtheit ist sie auf der Suche nach der absoluten Schönheit, der sie mit Minnegesang und Dichtung ihre Liebe vor die edlen Füße legen kann. Doch in ihrem studentischen Alltag ist dazu wenig Gelegenheit. "Es ist hart, lesbisch zu sein, wenn die Weiber um einen herum aussehen wie Walküren mit stark erhöhten Cholesterinwerten.2 Deshalb konzentriert sie ihre libidinösen Sehnsüchte auf die makellos erscheinende Assistentin des ebenso makellosen Professor Baumann. Die Angebetete heißt – welch Zufall – Helena. In jeder Vorlesung schmachtet sie die Unerreichbare an, die ihrerseits den Professor anschmachtet. Als die Sehnsucht, Helena zu erobern, immer größer wird, macht sie sich an die übergewichtige, aber durchaus sinnliche Romy, die beste Freundin von Helena heran. Da aber sowohl Helena als auch Romy hetero sind, wird die Eroberung nicht leichter. Ihren Alltag aus Partys, Barbesuchen und Studium balanciert sie virtuos mit unterschiedlichen Drogen von THC bis Pillen. Soweit, so Berlin. Ein nicht wirklich spannender Plot, …

#Seneca

…wäre da nicht die messerscharfe Beobachtungsgabe, gepaart mit Sarkasmus und unerschrockener Schnodderigkeit. In Zeiten von Buchstabensalaten wie LGBTQI+, Unterstrichen und Sternchen, korrektem Gendern und Aufhebung der Geschlechter kommt dieser Roman sprachlich ultimativ politisch unkorrekt daher. Da wird sich munter über Übergewichtige ausgelassen und die eigenen Geschlechtsgenossinnen durch den Kakao gezogen. "Aber Homophobie hat viele Gesichter und kommt manchmal sogar aus den eigenen Reihen. Es gibt viele Frauen, die auf Frauen stehen und es lieber anders hätten. Das gilt vor allem für die Damen Ende 20, Mitte 30, die auf leeren Nestern sitzen und nichts außer Reisepläne und grippale Infekte ausbrüten. Der Tenor: Alles wäre einfacher, würde man wie jede andere auf Männer stehen. Unterbewusst fühlt man sich vom System verarscht, aber natürlich geht nur die Minderheit der Minderheit auf die Straße und kämpft gezielt für nachhaltige Rechte... Man kann sich seine Sexualität natürlich nicht aussuchen, aber in unseren Breitengraden ist Lesbischsein mit fortschreitendem Alter eine politische Entscheidung und bedürfte mehr Aktionismus."

Was wie die ungefilterten Gedanken einer ständig Zugedröhnten daherkommt, ist formal streng gegliedert. Ihre in Kapitel gegossene Beobachtungen münden immer in einem sarkastischen Fazit, garniert mit in Hashtags gekleideten lateinischen Zitaten großer antiker Dichter, eingestreuten mittelalterlichen Gedichten im Original und in der Übersetzung und Auflistungen von Wünschen, Zielen oder Beobachtungen.

Verräterisches Vergnügen

Erstlingswerke kommen häufig mit angezogener Bremse daher. Die Schreibenden wollen eine breite Zielgruppe ansprechen und wollen erst einmal beweisen, dass die Verfasser_innen im Schreiben sattelfest sind. Daher sind oftmals sehr formal und eher vorsichtig. Patricia Hempel interessiert eine solche Vorsicht gar nicht. Wie ein politischer Caspar Hauser lässt sie alle feministisch eingeführten Schreibregeln außen vor, lässt sich abfällig über Dicke und Behinderte aus und zieht ihre eigene sexuelle Minderheit der Lesben durch den Dreck. Da sie dabei aber nie die Selbstironie auslässt, wirkt ihre spitze Zunge weniger überheblich. Auf der Stelle müsste jede Leserin politisch und persönlich beleidigt oder empört sein. Doch das ist nicht möglich. Der trockene Sprachwitz der Autorin, ihre brillante Beobachtungsgabe und Belesenheit machen das Buch zu einem großen Vergnügen.

AVIVA-Tipp: Patricia Hempel lässt in ihrem Erstlingsroman unerschrocken kein politisch korrektes Fettnäpfchen aus. Deshalb ist das Buch auf keinen Fall geeignet für die Beteiligten im Kampf lesbisches Establishment gegen queere non-binäre Befreiungsfront oder die, die gerne einen verletzungsfreien Schutzraum hätten. Die Protagonistin des Romans lebt jenseits jeder Szene ihre schrägen lesbischen Gelüste aus und reflektiert mit spitzer Zunge den nur durch Drogen bunten Berliner Alltag der Hipster. Ein Lesevergnügen für die, die ein bisschen intellektuelles Posing und viel (Selbst)ironie amüsant finden – und die mal eine Pause brauchen von aller Rechthaberei und auch einmal hässliche Wahrheiten vertragen.

Zur Autorin Patricia Hempel:, geboren 1983 in Berlin, studierte erst Ur- und Frühgeschichte, bis es sie von Berlin nach Hildesheim und von der Archäologie zum literarischen Schreiben zog. Es folgten Veröffentlichungen in Zeitschriften, Magazinen und Anthologien und 2014 die Ernennung zur Wolfsburger Stadtschreiberin. Heute arbeitet Patricia Hempel als freie Journalistin (Politikressort bei Forum - Das Wochenmagazin) und Autorin in Berlin. "Metrofolklore" ist ihr erster Roman. (Quelle: Klett-Cotta Verlag)




Patricia Hempel
Metrofolklore

Verlag: Tropen, Deutsche Erstausgabe 9.9. 2017
ISBN: 978-3608503814
Gebundene Ausgabe: 207 Seiten
20.00 Euro
Mehr Infos zum Buch und den Lesungsterminen unter: www.klett-cotta.de



Copyright Foto von Patricia Hempel: Ahima Beerlage