Lenka Horňáková-Civade - Das weiße Feld - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
AVIVA-Berlin Literatur > Romane + Belletristik
21.11.2017

Lenka Horňáková-Civade - Das weiße Feld
Kristina Tencic

Wie die politischen Umstände die Geschicke einer Familie über Generationen hinweg bestimmen, das ist der Ausgangspunkt der Frauen-Familiensaga der 1971 in der Tschechoslowakei geborenen und in Südfrankreich lebenden Malerin und Schriftstellerin Lenka Horňáková-Civade. Denn wären all diese Frauen...



... nicht im 20. sondern im 21. Jahrhundert geboren, so wäre ihnen wohl viel Spott und Widrigkeit erspart geblieben - allen Generationen ist nämlich die unfreiwillige Tradition gemein, uneheliche Kinder zur Welt gebracht zu haben.

"Es ist mir egal, dass ich den Mädchennamen meiner Mutter, meiner Großmutter und meiner Urgroßmutter trage. Darauf bin ich sogar stolz. Aber draußen in der Welt, da wiegt ein weißes Feld in der Geburtsurkunde schwer."

Mit Marie nimmt alles seinen Anfang. Sie lebt mit ihrer unehelichen Tochter als Arzthelferin in Wien, doch als die Hauptstadt des bereits 1918 untergegangenen Kaiserreichs zwischen den Weltkriegen braun wird, flieht sie nach Mähren in der Tschechoslowakei. Ihre einzigen Gaben, die ihr Überleben sichern, sind ihre umfassenden Kenntnisse als Geburtshelferin und ihr Sticktalent, die sie dem Unmut der Dörfler_innen über eine alleinerziehende uneheliche Frau als friedliche Waffen entgegensetzt. Ihre Tochter Magdalena verliebt sich in den Sohn des Großgrundbesitzers für den sie als Magd arbeitet und gebiert ohne sein Wissen ein Kind von ihm. Der Sozialismus hält Einzug in die tschechischen Gebiete und vertreibt die Familie der Wohlhabenden. Ihre Tochter Libusa hat es als abermals außereheliches Kind auch nicht einfach in dieser neuen Gesellschaftskonstellation, in der die Gleichheit und die Gemeinschaft das Individuum zu ersticken sucht. Inmitten der politischen Wirren des Prager Frühlings verbindet sie sich mit einem Soldaten, woraus die Tochter Eva hervorgeht. Auch sie erfährt als uneheliches Kind und zudem als Linkshänderin die Grausamkeit der Gesellschaft mit ihren Umerziehungsmaßnahmen.

AVIVA-Tipp: Zugegeben, die Fruchtbarkeit dieses Familienclans grenzt fast ans Unmögliche, in der alle Frauen beim ersten Sexualkontakt schwanger werden, aber Lenka Horňáková-Civade erzählt ihre Geschichte mit einer solchen Hingabe und tiefem Verständnis für ihre Charaktere, dass frau an ihren schreibenden Lippen hängt und immer mehr über diese starken Frauenfiguren und die historischen Hintergründe Tschechiens erfahren möchte.

Zur Autorin: Lenka Horňáková-Civade wurde 1971 in der Tschechoslowakei in der Provinz Mähren geboren und wanderte 1991 nach Frankreich aus. Sie studierte an der Sorbonne Ökonomie und Philosophie. Heute lebt sie als Malerin und Schriftstellerin in Südfrankreich. Das weiße Feld ist ihr erster in französischer Sprache geschriebener Roman.

Lenka Hornakova-Civade
Das weiße Feld

Originaltitel: Giboulées de Soleil
Aus dem Französischen von Hanna van Laak
Originalverlag: Alma Editeur
Blessing Verlag, 11.09.2017
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 272 Seiten
ISBN: 978-3-89667-582-8
20,00 Euro
www.randomhouse.de

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Jenseits der weissen Linie ein Roman von Dragana Oberst
Bescheidene 100 Seiten braucht die in Südjugoslawien aufgewachsene Debutautorin zur Niederschrift ihrer Kindheitserinnerungen, doch für eine starke, eindringlich erzählte Geschichte bedarf es auch nur einiger weniger treffender Worte, deren Gebrauch sie vielleicht bei ihrer Großmutter erlernt hat. (2015)

Die undankbare Fremde von Irena Brežná
Das neue Buch der slowakisch-schweizerischen Schriftstellerin erzählt die Geschichte der Folgen einer Emigration. Durch Sprachkunststücke und Wortverwandlungen verschieben sich die Relationen, sodass auch der Fokus der LeserInnen sich verschiebt, und zwar von einer Frau, der vorgeworfen wird, eine undankbare Fremde zu sein, hin zur Auseinandersetzung dieser mit einem undankbaren fremden Land. (2012)

Die Reise der Seele von Marie Metrailler
Die in kargen Verhältnissen aufgewachsene Bäuerin Marie Metrailler flüchtet bereits als Kind in Bücher und Erzählungen. Obgleich sie ihr Leben lang in ihrem Heimatdorf bleibt, gelingt es ihrdas unabhängiges Leben einer Intellektuellen zu führen. In dem Roman unterhält sie sich mit der Herausgeberin über ihr Leben, ihre Heimat, Spiritualität und den Tod. (2008)