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21.11.2017

Regina Ziegler - Geht nicht gibt´s nicht. Mein filmreiches Leben
Silvy Pommerenke

Mit 74 Jahren denkt die erfolgreichste deutsche Filmproduzentin noch lange nicht ans Aufhören. Und weil dem so ist, hat sie nun auch ihre Autobiographie – in Zusammenarbeit mit Andrea Stoll – veröffentlicht. Die ist so lebendig und mitreißend geschrieben, dass das Buch ein wahrer Page-Turner ist. Das dürfte nicht nur Filmfans, sondern vor allem Frauen ansprechen, da sich Regina Ziegler als erfolgreiche Unternehmerin mehr als nur zum Role Model anbietet.



Dass sie ihren Geburtstag am Weltfrauentag hat, sieht Regina Ziegler als besondere Fügung ihres Schicksals an. Somit hat sie im wahrsten Sinne des Wortes kämpferisches Blut mit in die Wiege gelegt bekommen. Zudem wurde sie schon früh gestählt, indem sie statt eines Schnullers eine Speckschwarte in den Mund gesteckt bekam. So wachsen Heldinnen auf...

Ziegler hatte aber auch in ihrer Mutter ein ungewöhnliches und tatkräftiges Vorbild, da diese über Umwege zum Journalismus kam und für diesen Beruf brannte. Dieses Brennen für die Profession hat Ziegler übernommen, und nachdem sie mehr durch Zufall als durch Zielstrebigkeit beim SFB anheuerte, und dort das Produzieren von Filmen von der Pike auf lernte, waren die Würfel für den Berufsweg gefallen. In diese Zeit fällt auch der schicksalsträchtige Tag, der Regina Ziegler heute noch in Erinnerung ist und an dem sich für sie sowohl beruflich als auch privat alles verändern sollte, war der 9. April 1971. Der Tag, an dem sie den aufstrebenden Filmregisseur Wolf Gremm kennen lernte. Obwohl sie bereits glücklich verheiratet war, wie sie betont, und eine Tochter hatte, geschah das Unerwartete: sie verliebte sich in den Frauenhelden mit zweifelhaftem Ruf und es kam, wie es kommen musste. Sie schnappte ihre Tochter, verließ den Ehemann und das größte Abenteuer ihres Lebens begann. Gemeinsam waren die beiden fortan ein unschlagbares Team.

Was heutzutage eher die Regel denn die Ausnahme ist, dass eine Frau ihren Mann verlässt, war Anfang der siebziger Jahre ein absoluter Affront, den Regina Ziegler schmerzhaft zu spüren bekam. Aber nicht nur die Trennung von ihrem Mann war ungeheuerlich, sondern auch die Kündigung ihrer Festanstellung im SFB. Dank ihres Selbstbewusstseins und einer "gehörigen Portion Naivität" gründete sie am 27. April 1972 die Regina-Ziegler-Filmproduktion und war fortan die erste FilmproduzentIN – deren Job es ist "Stoffe zu finden, Geld zu beschaffen und Beziehungen aufzubauen und zu pflegen". Eine Frau in dieser Position war eigentlich undenkbar. Aber mit Beharrlichkeit, Bauchgefühl, Serviettendeals und einer Portion Glück wurde aus der Jungproduzentin anfangs ein Geheimtipp, später dann die erfolgreichste Filmproduzentin Deutschlands, die auch im internationalen Geschäft mitmischt.


Regina Ziegler zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass sie immer auf der Suche ist "nach zeitgenössischen Stoffen, die sich mit aktuellen sozialen Problemen und politischen Fragen auseinandersetzten". Herausgekommen sind dabei vielfach ausgezeichnete Filme, beispielsweise Fabian (nach Erich Kästner) und Kamikaze 1989 (mit Rainer Werner Fassbinder) oder Serien wie Weißensee und Mordkommission Istanbul. Produktionen von Ziegler sind fast immer ein Garant für Erfolg.

Die Filmproduzentin ist bewundernswert in ihrer Zielstrebigkeit und mit ihrer scheinbar endlosen Power. Sie hat sich ausgerechnet in einer Männerdomäne einen Platz erkämpft und hat Mut zu Konflikten bewiesen. Ihr absolutes Selbstvertrauen war ihr wichtigstes Werkzeug. Und das war auch nötig, denn "damals dachte keine von uns daran, später einmal Role Model für nachfolgende Generationen zu werden. Wir haben einfach getan, was wir für richtig hielten – oft genug in Opposition zum damals herrschenden gesellschaftlichen Klima". Ihr Kampf hat sich gelohnt: 2006 gab es von ihr eine Retrospektive im MoMa - dem New Yorker Museum of Modern Art - die ihr als erster Filmfrau überhaupt zuteilwurde, und 2005 wurde sie zur Honorarprofessorin an der Hochschule für Film und Fernsehen ernannt. Auch wenn sie sich nicht explizit als Feministin sieht, so hat sie doch ein Faible für gute Regisseurinnen und beweist unter anderem mit der Reihe "Lauter tolle Frauen" eine ganz klare Frauenaffinität.

Ziegler hat sich in ihrer Autobiographie entschlossen, chronologisch vorzugehen und schildert an exemplarischen Filmen, mit welchen Hürden sie als Produzentin zu kämpfen hatte, wie sie sie meisterte und - selten genug - auch daran scheiterte. In diesem Zusammenhang fällt häufiger der Begriff "Minusmillionärin", jedoch scheint das einem hohen Lebensstandard nicht im Wege gestanden zu haben. Die Restaurants, in denen Ziegler regelmäßig verkehrt sind nichts für den kleinen Geldbeutel. Früher standen Flüge mit der Concorde regelmäßig auf der Agenda und das Haus auf Mallorca darf ebenso wenig fehlen wie Urlaube in exotischen Ländern. Ein Lebenswandel, der in diesem Berufsfeld wahrscheinlich dazu gehört. Neben diesen informativen Details erfährt die Leserin zahlreiche Blicke hinter die Kulissen und amüsante Geschichten, jedoch ohne, dass dabei jemand bloßgestellt wird. Da ist Regina Ziegler ganz Gentlewoman. Ganz nebenbei erwähnt sie Freundschaften zu Brigitte Mira, Michel Friedman oder Angela Merkel. Aber die größte Verbindung bestand immer zu ihrem Mann und ihrer Tochter Tanja. Gerade mit Wolf Gremm hat sie eine sich gegenseitig befruchtende Partnerschaft gelebt, die bis zu seinem Tod im Jahr 2015 andauerte. Auch diesen schicksalshaften Punkt spart Regina Ziegler in ihrer Autobiographie nicht aus. Das macht Ziegler sehr menschlich und nahbar, denn sonst würde fast der Eindruck entstehen, dass sie übermenschliche Kräfte hätte. Regina Ziegler schließt das Buch mit den zufriedenen Worten: "Wenn es einmal an mir ist, sich von dieser Welt zu verabschieden, weiß ich, dass ich alles gelebt habe, was ich leben wollte."

AVVA-Tipp: Regina Ziegler schreibt so aufregend und faszinierend, wie sie Filme produziert. Ihrem Leben zu folgen setzt so manches Mal in Erstaunen bzw. belegt immer wieder ihr Lebensmotto aufs Neue: Geht nicht gibt´s nicht. Für Filmfreaks ebenso geeignet wie für ambitionierte Frauen, die vom Selbstbewusstsein und den Visionen dieser Powerfrau nur profitieren können. Neben der Lebensgeschichte findet sich in "Geht nicht gibt´s nicht" zudem ein einzigartiges Daumenkino für den Schnelldurchlauf.

Zu Regina Ziegler:, geboren am 8. März 1944 in Quedlinburg, gründete 1973 ihre eigene Produktionsfirma, mit der sie über 500 Filme produzierte.
Bereits ihre erste Produktion, "Ich dachte ich wäre tot" (in der Regie ihres späteren Ehemannes Wolf Gremm) wurde mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet. In ihrer Laufbahn förderte sie sowohl Filmkunst als auch Fernsehunterhaltung. Sie ist Honorarprofessorin der Hochschule für Film und Fernsehen "Konrad Wolf" und wurde 2015 mit der Lola für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.
Sie wurde vielfach mit Preisen ausgezeichnet und mit einer Retrospektive im Museum of Modern Art in New York geehrt.
(Quelle: Verlagsinformationen)
Regina Ziegler im Netz: www.ziegler-film.com, auf Twitter und auf Facebook

Zu Andrea Stoll: Dr. phil., hat als Autorin und Dramaturgin zahlreiche Essays, Bücher und Filme geschrieben und war über fünfzehn Jahre als Dozentin für Literatur an der Salzburger Universität tätig. Sie gilt als ausgewiesene Bachmann-Kennerin und hat seit ihrer Dissertation "Erinnerung als ästhetische Kategorie des Widerstandes im Werk Ingeborg Bachmanns" (1992) zum Werk der österreichischen Autorin mehrere Essays und Bücher vorgelegt, u.a. als Mitherausgeberin des zum internationalen Beststeller avancierten Ingeborg Bachmann–Paul Celan-Briefwechsels "Herzzeit" (2008). Ein Kinofilm über Ingeborg Bachmann ist in Vorbereitung. (Quelle: Verlagsinformationen)


Regina Ziegler
Geht nicht gibt´s nicht
(Mein filmreiches Leben)

C. Bertelsmann Verlag, erschienen 9. Oktober 2017
Gebunden mit Schutzumschlag, 352 Seiten
Zahlreiche Schwarz-Weiß- und Farbfotos und einem Daumenkino
ISBN: 978-3-570-10326-5
Euro 22,00
www.randomhouse.de

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Interview mit Regina Ziegler
Wir treffen Regina Ziegler in ihrem Berliner Büro in Charlottenburg. Das Unternehmen macht einen freundlichen Eindruck. Große helle Räume mit Blick auf den Lietzensee, an den Wänden kleine Souvenirs, die an die Zusammenarbeit mit den Größen des internationalen Filmgeschehens erinnern. Auffallend viele junge Mitarbeiter_innen und Praktikant_innen laufen mit Papieren und Videokassetten umher. Frau Ziegler begrüßt uns und wir setzen uns gemeinsam einen großen Holztisch in ihrem Büro. Gleich zu Beginn erfüllt sich eine der Vorstellungen, die frau/man mit dem Namen Regina Ziegler verbindet: ihre Liebe zu der Farbe Rot. Nicht nur, dass sie ein entsprechendes Tuch um die Schultern trägt, sie verliebt sich auch gleich in die knallrote Tasche der Aviva-Chefredakteurin. Schnell notiert sich Frau Ziegler die Adresse des entsprechenden Geschäfts, dann kann das Interview beginnen. (2003)