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25.02.2018

Madeleine Thien - Sag nicht, wir hätten gar nichts
Helga Egetenmeier

China, mit über 1,3 Milliarden Einwohner*innen das bevölkerungsreichste Land der Erde, erscheint mit seiner Vielfalt an Menschen kaum erfassbar. Der international mehrfach ausgezeichneten Schriftstellerin Madeleine Thien, als dritte Tochter einer Hongkong-chinesischen Mutter und eines Malayisch-chinesischen Vaters in Vancouver geboren, gelingt dies dennoch mit einer...



...Familiengeschichte zwischen Politik und Musik, die von der Gründung der Volksrepublik bis ins Heute reicht. Anhand ihrer Figuren entwickelt sie eine Auseinandersetzung um Macht und Menschlichkeit zwischen Individuum und Gesellschaft, sowie Kultur und Politik.

Wie bereits in "Flüchtige Seelen", ihrem bewegenden Vorgängerroman zur jüngeren Geschichte Kambodschas, wählt Madeleine Thien das heutige Kanada als Ausgangspunkt. Von dort lässt sie eine ihrer Protagonist*innen, die in Vancouver als Kind chinesischer Migrant*innen geborene Ma-li, in die Geschichte des Herkunftslandes ihrer Eltern eintauchen. Madeleine Thien, selbst Kind einer Hongkong-chinesischen Mutter und eines Malayisch-chinesischen Vaters, wurde ebenfalls nach der Migration ihrer Eltern in Kanada geboren.

Auf dem 17. internationalen Literaturfestival 2017 in Berlin berichtete die Autorin über ihre ausführliche Recherche, für die sie mehrfach China besuchte. Mit leiser Stimme überzeugte sie beim Podiumsgespräch als eine Autorin, die ein sehr ernsthaftes und emotionales Verhältnis zu ihren Romanfiguren pflegt. Sie sieht sich in der großen Verantwortung, die bei ihren Besuchen gehörten Geschichten wahrhaft wiederzugeben, da sie davon überzeugt ist, dass die Kunst nicht nur die Welt abbildet, sondern sie auch beeinflusst.

Die Töchter Ai-ming, Ma-li und "Das Buch der Aufzeichnungen"

Zu Beginn des Romans ist Ma-li gerade zehn Jahre alt und erlebt in diesem Jahr 1989, in dem sich weltweit politische Veränderungen manifestieren, das Ende ihrer Familie. Ihr Vater Jiang Kai, ein ehemals in China gefeierter Pianist, verlässt seine Frau und seine Tochter und geht nach Hongkong. "Mein Vater verließ uns zum ersten Mal, als in China Ereignisse von großer Tragweite stattfanden, Ereignisse, die meine Mutter zwanghaft auf CNN verfolgte.", kommentiert Ma-li. Doch nach China durfte Jiang Kai nicht mehr einreisen, da er sich 1978 von dort abgesetzt hatte. Etwas später erfahren sie von der Polizei, dass er Selbstmord begangen hat.

Aus dem Zustand der wortlosen Trauer werden die Beiden durch die aus China geflüchtete Ai-ming herausgeholt. Der Tochter eines guten Freundes von Jiang Kai, einem ehemaligen chinesischen Komponisten Namens Sperling, gelingt 1990 die Flucht. Durch eine Vergangenheit geprägt, über die ihre Eltern schwiegen, nähern sich Ma-li und Ai-ming langsam einander an. Über "Das Buch der Aufzeichnungen", ein seit langer Zeit gut gehütetes, immer wieder abgeschriebenes und ergänztes, mehrteiliges Buch der geheimen Geschichte Chinas, lernen die jungen Frauen auch die Vergangenheit ihrer Familien kennen, werden Freundinnen und auch selbst Teil dieses Buches.

Die Vergangenheit in der Gegenwart

Behutsam bringt Madeleine Thien ihre liebevolle Figurengestaltung mit dem immer mühevoller werdenden Leben ihrer Protagonist*innen - der Familie von Ai-ming und Ma-li - zusammen. Dieser, von klassischer Musik geprägte Familien- und Freundeskreis bildet den Kern des Romans, der sich auf die Zeit zwischen der chinesischen Kulturrevolution und dem Massaker am Tiananmen-Platz konzentriert.

Als Mao die Kulturrevolution ausruft, ist Ai-Mings Vater Sperling auf dem besten Weg, ein angesehener Komponist zu werden. In dieser Zeit werden viele Komponist*innen konterrevolutionärer Umtriebe bezichtigt, verhaftet und ermordet. Sperling wird in einen entlegenen Landesteil verschickt und zur Zwangsarbeit in einer Fabrik eingeteilt. Thien zeichnet an ihm, seiner Geige spielenden Nichte Zhuli, sowie dem gemeinsamen Freund und Pianisten Jiang Kai, die Folgen politischer Machtausübungen nach, die einen erhofften Lebensweg, wie auch das Leben selbst, beenden können.

"Sag nicht, wir hätten gar nichts" - eine Zeile aus der "Internationale"

Der Titel des Romans - im Original "Do Not Say We Have Nothing" - bezieht sich auf die mehrfach übersetzte Textzeile "Nous ne sommes rien, soyons tout" der "Internationale", dem Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung. Dieser Text wurde 1871 von dem französischen Kommunisten Eugéne Potter geschrieben und 1923 aus der russischen Übersetzung ins Chinesische übertragen. Die wörtliche Rückübersetzung ins Englische nahm die Autorin als Buchtitel und zeigt auch hier ihren feinen Sinn für kulturelle Zusammenhänge. 1989 sangen die protestierenden Student*innen am Tiananmen-Platz das Lied gegen die chinesische Regierung.

Thien nimmt die Kultur als Angriffspunkt politischer Machthaber*innen wohlüberlegt in den Mittelpunkt. Sie zeigt daran auf, wie Zensur und Einschüchterungen selbst bei der "wortlosen" klassischen Musik dem Machterhalt dienen. Nicht nur in China, sondern unter anderem auch in der Türkei sitzen heute Künstler*innen, Schriftsteller*innen und Journalist*innen im Gefängnis, oder stehen unter Hausarrest. Und so kündigte Madeleine Thien mit sichtlicher Freude auf dem 17. Literaturfestival an, dass ihr Buch auch ins Türkische übersetzt wird.

AVIVA-Tipp: In ihrer chinesischen Familiensaga verwebt Madeleine Thien gesellschaftliche und musikalische Stränge zu einem kraftvollen Roman, der sich kritisch und poetisch mit der Macht von Politiker*innen auseinandersetzt. Seine Lebendigkeit erhält er auch durch den Wechsel der Zeit- und Erzählebenen, mit der er zugleich von der Vergangenheit in die Gegenwart verweist. Ein beeindruckender Roman einer leidenschaftlichen Schriftstellerin.

Nominierungen und Auszeichnungen:
Scotiabank Giller Prize 2016
Governor-General´s Literary Award for Fiction 2016
Edward Stanford Prize, Specsavers Fiction, 2016
Shortlist des Man Booker Prize 2016
Shortlist des Baileys Women´s Prize for Fiction 2017

Zur Autorin: Madeleine Thien wurde 1974, ein paar Monate nach der Migration ihrer Eltern nach Vancouver als dritte Tochter einer Hongkong-chinesischen Mutter und eines Malayisch-chinesischen Vaters geboren. Mit einem Master in Creative Writing schloss sie ihr Studium ab und begann bereits als Studentin mit dem Schreiben von Kurzgeschichten. Für ihre erste Buchveröffentlichung, dem Kurzgeschichtenband "Einfache Rezepte" (2001), erhielt sie zahlreiche Literaturpreise, wie den Ethel Wilson Fiction Prize und von der kanadischen Schriftsteller*innen-Vereinigung den Air Canada Award for most promising writer under age 30. Ihr Debütroman "Jene Sehnsucht nach Gewissheit" (2006) wurde in sechzehn Sprachen übersetzt. Für ihren Roman "Flüchtige Seelen" erhielt sie 2015 den LiBeraturpreis von Litprom. Vielfach bereiste sie für die Recherchen zu ihren Romanen Südostasien. Heute lebt Madeleine Thien in Montreal.
www.madeleinethien.com

Zur Übersetzerin: Anette Grube, geboren 1954, studierte Kommunikationswissenschaft, Amerikanistik und Politik in München und arbeitete von 1979 - 1990 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kommunikationswissenschaften der Universität München. Ab 1988 war sie auch als Übersetzerin aus dem Englischen und Spanischen, sowie als Redakteurin tätig und ist seit 1990 freiberufliche Übersetzerin. Unter anderen übersetzt sie Sara Paretsky, Doris Lessing, T. C. Boyle und Patricia Cornwell.

Madeleine Thien
Sag nicht, wir hätten gar nichts

Originaltitel: Do Not Say We Have Nothing
Übersetzerin: Anette Grube
Verlag: Luchterhand Literaturverlag, erschienen September 2017
Gebunden, mit Schutzumschlag, 656 Seiten
ISBN-13: 978-3630875200
24,00 Euro
www.randomhouse.de

Weitere Infos unter:

www.donotsaywehavenothing.com
Die Webseite geht detailliert auf ausgewählte Inhalte des Romans ein, die aufgeführten Bilder und Fotos sind mit weiterführenden Informationen unterlegt.

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Madeleine Thien - Flüchtige Seelen
Erst nach ausführlichen Recherchen in Kambodscha wagte sich die Autorin für ihren Roman an das komplexe Thema von Kindern in Kriegsgebieten und ihrer Emigration. Sie musste tief in die Vergangenheit schauen, um die Komplexität und die Herausforderungen der Gegenwart zu verstehen, erklärte sie in einem Interview die für ihre literarische Umsetzung notwendigen langen Aufenthalte. (2014)

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Liu Xia, die seit vielen Jahren mit ihrer künstlerischen Arbeit auf die Menschenrechtslage in China aufmerksam macht, stand seit der Verleihung des Friedensnobelpreises an ihren Ehemann, den Schriftsteller und Menschenrechtler Liu Xiaobo im Jahr 2010 unter Hausarrest. Auch nach seinem Tod Mitte Juli 2017 wird ihr vom chinesischen Regime die Bewegungsfreiheit verwehrt. (2017)

Gitta Seiler - Die Frau im gelben Gewand
Mit intensiven Portraitfotografien und flüchtigen Momentaufnahmen gelingt es der Fotografin und Trägerin des Reinhart-Wolf-Preises für Fotografie, Gitta Seiler, eine neue Generation von jungen Chinesinnen in Peking abzubilden. Ein sozialkritisches Werk, das seine Kraft aus dem Alltäglichen zieht. (2017)

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Im August 2000 wird der Autor, Verleger und Dissident Huang Bei Ling nach zweiwöchiger Untersuchungshaft von den chinesischen Behörden in die USA ausgewiesen. Seither lebt er im Exil und die Einreise in seine Heimat ist ihm verboten. In seiner Autobiographie erzählt Bei Ling von Stationen seines Lebens in China und im Exil. (2012)

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