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25.02.2018

Die AVIVA-Filmauswahl zur 68. Berlinale vom 15.-25. Februar 2018. Wissenswertes zu den Filmen von Regisseurinnen, aus Israel, Queer Cinema und Teddy Award
Sharon Adler Helga Egetenmeier

Nachdem sich am 31. Januar 2018 in Pro Quote Film eine große Zahl von filmschaffenden Frauen für eine Quotenregelung in Film und Fernsehen zusammengeschlossen hat, ist Geschlechtergerechtigkeit - neben einem großartigen Angebot an Filmen – nun auch offizielles Thema bei der Berlinale. AVIVA liefert allen Film-Addicts eine feine, kleine aber sorgfältig recherchierte und detaillierte Übersicht zu Filmen von Regisseurinnen, den Teddy-Anwärter*nnen und den Places To Be während der Berlinale 2018 zum üppigen Berlinale-Angebot: Wettbewerbsfilme. Retrospektive und Berlinale Classics, Berlinale Talents, Forum Panorama, Berlinale Special.



Wie immer hat die Berlinale als Publikumsfestival ein großes Angebot, und wie immer ist es auch ein phantastisches und emotionales Vergnügen, sich mit in das Getümmel unterschiedlichster Welten und Darstellungen zu stürzen. Auch in ihrem 18. Lebensjahr möchte AVIVA mit ihrer Film-Auswahl zur Geschlechtergerechtigkeit beitragen und die bunte Vielfalt von Frauen im Film - hinter und vor der Kamera - sichtbar machen.

Aus Pro Quote Regie (PQR) wurde Pro Quote Film (PQM)

2014 schlossen sich zwölf Regisseurinnen zu Pro Quote Regie zusammen, und veränderten damit die Filmbranche: sie erhöhten durch ihre politische Arbeit den Anteil der fiktionalen Sendeminuten unter weiblicher Regie bei der ARD von 11 % auf 19,3 % und beim ZDF von 8 % auf 14,4 %.
Jetzt weitete sich der Zusammenschluss der Regisseurinnen aus und schloss sich mit den anderen Gewerken sowie den Schauspielerinnen zu Pro Quote Film zusammen, wie bei der Pressekonferenz im Kino International am 31. Januar 2018 verkündet wurde.

Die Berlinale zur #MeToo-Debatte

"Kunst und Kultur beschäftigen sich immer auch sowohl mit ästhetischen als auch gesellschaftlichen Fragen. Dies spiegelt sich im Programm der Internationalen Filmfestspiele Berlin wider, die sich in diesem Jahr ausdrücklich für sexuelle Selbstbestimmung und gegen jeglichen Missbrauch einsetzen:

Die durch den Weinstein-Skandal ausgelöste Debatte ist wichtig und hat zur #MeToo-Bewegung geführt. Die #MeToo-Debatte hat ein erschütterndes Ausmaß von Missständen aufgezeigt, die uns über die sexualisierte Gewalt hinaus zur grundsätzlichen Hinterfragung gesellschaftlicher Machtverhältnisse führt. Das internationale Echo auf #MeToo hat schnell klar gemacht, dass das Problem nicht auf Hollywood zu begrenzen ist: weltweit haben Betroffene den Mut gefunden, Missbrauch öffentlich zu machen. Auch in Deutschland werden immer mehr Stimmen laut, die konkrete Vorfälle in der Film- und Medienbranche anklagen.

Das Thema ist beim Festival 2018 präsent, denn es versteht sich als Forum, wo Probleme gehört und Impulse angestoßen werden. Und so unterstützt die Berlinale ideell verschiedene Veranstaltungen, die zu konkreten Veränderungen beitragen sollen."


Veranstaltungen

Während der Berlinale findet am 19.02.2018 eine Podiumsdiskussion Kultur will Wandel - Eine Gesprächsrunde zu sexueller Belästigung in Film, Fernsehen und Theater" im Tipi am Kanzleramt statt. Veranstaltet wird sie vom Bundesverband Schauspiel BFFS, ProQuote Film e.V. und der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Eintritt frei.

Unter dem Titel "Some like it equal - Pro Quote Film. Ab jetzt 50/50" findet am 20.02.2018 um 11.00 / Einlass 10:30 Uhr das Pro Quote Film Event für Gleichstellung auf der Berlinale in Kooperation mit der Akademie der Künste, Berlin statt.
Akademie der Künste, Pariser Platz 4, 10117 Berlin, Eintritt frei, Sprache: Deutsch

Die von Daniela Elstner, Leiterin einer französischen World-Sales-Firma, ins Leben gerufene Hotline "Speak Out" gegen sexuelle Belästigung im Filmgeschäft wird von ihr am 17.02.2018 im Rahmen des Seminars "Closing the Gap. A Seminar with Creatives and Financiers on How to Take Action Towards 50/50 by 2020" vorgestellt. Veranstalterin ist u.a. Women in Film and Television (WIFT), für deren Mitglieder der Eintritt frei ist - sonst bitte anmelden.

Sich kritisch auf das weibliche Schaulaufen auf dem roten Teppich der Berlinale beziehend, hat die Schauspielerin und Drehbuchautorin Anna Brüggemann eine Aktion für Gleichberechtigung initiiert. Auf Facebook postete sie den Aufruf "Nobody´s Doll", den bereits viele Frauen unterzeichneten. Sie spricht sich darin für mehr Kreativität statt Uniformierung aus - auf dem roten Teppich und auch im Fernsehen: "Nur so werden wir das Rollenbild des Pin-ups endlich hinter uns lassen."

Zudem werden Beratungsangebote unter dem Titel "NEIN zu Diskriminierung!" für Betroffene vermittelt. Alle Festivalbesucher*innen (Publikum und Branche), die Diskriminierung, Belästigung oder Missbrauch erleben oder beobachten, finden hier Ansprechpartner*innen und Kontakt zu Beratungsstellen (kostenlos und anonym).

Der European Film Market (EFM), eine Fachmesse der Filmbranche, die seit 30 Jahren während der Berlinale stattfindet und zu den bedeutendsten Branchentreffs der internationalen Filmindustrie zählt, setzt sich dieses Jahr explizit mit den Themen Frauen, Geschlecht und Diversität auseinander. Veranstaltungen, wie "Empowering Women Film Producers - The Producers Programme for Women", sind jedoch dem Fachpublikum vorbehalten.

Wettbewerbsfilme - die AVIVA-Auswahl

Mit einer paritätisch besetzen Jury geht der diesjährige Präsident Tom Tykwer in den 68. Wettbewerb und die Bären. Die drei Frauen in der Jury sind die Schauspielerin Cécile de France, die Produzentin Adele Romanski und die Filmkritikerin Stephanie Zacharek. Von dem 24 Filme umfassenden Wettbewerbsprogramm sind vier Filme (17 %) unter der Regie von Frauen entstanden.

Laura Bispuri bringt mit "Figlia mia" einen Tochter-Mütter-Film in den Wettbewerb. Vittoria fühlt sich zerrissen zwischen zwei Müttern, Tina, die sie mit Liebe erzogen hat und Angelica, die leibliche Mutter, die sie zurückhaben möchte. Konfrontiert mit verschiedenen Vorbildern, wird sie sich dabei ihrer selbst bewusst.

Drei emotionale Tage von Filmstar Romy Schneider, als diese sich in den bretonischen Kurort Quiberon zurückgezogen hatte, zeigt der Spielfilm "3 Tage in Quiberon" von Emily Atef. Dort gab die Schauspielerin dem "Stern" ihr letztes Interview.

Mit einem Mix aus Realität und Fiktion behandelt Adina Pintilie in "Touch Me Not" die Suche nach Intimität als fundamentalen Aspekt des menschlichen Lebens. Vorgefasste Konzepte werden hinterfragt und unkonventionelle Wege erforscht, auf denen Menschen Nähe erreichen können.

In dem Drama "Twarz" zeigt Preisträgerin des Silbernen Bären für die Beste Regie für ihr humorvolles Drama "Body" auf der der 65. Berlinale, Malgorzata Szumowska die tiefgreifenden Identitätsprobleme eines Menschen, der nach einem Unfall ein neues Gesicht bekommen hat. Gleichzeitig reflektiert sie in Form einer Farce die politische Situation in Polen, erkundet das Leben in der Provinz und zeigt ein Land, das seinen Glauben in Stein meißeln lässt.

Im Wettbewerb ist mit "Transit" die Adaption von Anna Seghers gleichnamigem Roman, Regie Christian Petzold. Seghers schildert darin die Geschichte eines jüdischen Flüchtlings in Frankreich, der verzweifelt versucht, eine Arbeitserlaubnis und Aufenthalt zu bekommen. 1944 erschien "Transit" in englischer und spanischer Sprache, 1948 in Deutschland als Buch. Schauplatz des Films ist das heutige Marseille, in dem sich die Figuren aus der Vergangenheit bewegen.

Berlinale Special

Außergewöhnliche Neuproduktionen und Filme, die aus zeitgeschichtlicher Sicht eine besondere Aufmerksamkeit verdienen, finden ihren Rahmen in dieser Sektion. Hier finden sich dieses Jahr unter den elf eingeladenen Filmen zwei Filme von Regie-Frauen (18 %).

Pernille Fischer Christensen ist mit "Unga Astrid" in der Berlinale Special Gala im Friedrichstadt-Palast vertreten. Ihr Biopic über die jungen Jahre der legendären Kinderbuchautorin Astrid Lindgren beziehen sich auf die entscheidende Veränderung im Leben der Jugendlichen, die sie zu dieser inspirierten Frau werden ließen.

Mit der Verfilmung einer Erzählung von Penelope Fitzgerald aus dem Jahr 1978 ist Isabel Coixet vertreten, die in einer verschlafenen englischen Stadt der 1950er Jahre spielt. "The Bookshop" erzählt die Geschichte der verwitweten Florence Green, die ihrem Leben mit der Eröffnung einer kleinen Buchhandlung einen neuen Sinn gibt und dabei die Bewohner*innen eines verschlafenen Städtchens mit aufregenden Literaturklassikern aus ihrer Lethargie reißt.

Bei den 2015 entstandenen Berlinale Special Series, die 2017 noch keine Regie-Frau eingeladen hatten, finden sich diesem Jahr zwei Frauen (immerhin 29 %) unter insgesamt sieben Eingeladenen. Die australische Serie "Picnic at Hanging Rock" unter der Regie von Larysa Kondracki (Autorinnen: Beatrix Christian und Alice Addison) begibt sich in ein Mädchenpensionat, dessen strenge Leiterin von ihrer Vergangenheit eingeholt wird und drei ihrer Schülerinnen auf mysteriöse Weise verschwinden.

Die israelische Produktion "Sleeping Bears", Regie und Creation Keren Margalit, streift durch die israelische Gegenwart anhand der Lehrerin Hadas, die ihre therapeutischen Sitzungsprotokolle als anonyme Drohbriefe zugeschickt bekommt.

Mit Lars Kraumes "Das schweigende Klassenzimmer" wird Lena Klenke in der Sektion "Berlinale Special Gala" Weltpremiere feiern. Das auf wahren Begebenheiten beruhende Drama erzählt die Geschichte einer Schulklasse, die in der DDR eine Schweigeminute für gefallene Student*innen in Ungarn hält und dadurch in die politischen Mühlen der DDR gerät. Der bundesweite Kinostart ist am 3. März 2018.

Panorama - Motto: "What´s Your Poison"

Ab 2018 ist mit Paz Lázaro erstmals eine Frau an der Spitze des neu eingesetzten dreiköpfigen Leitungsteams des Panorama. Wieland Speck, der 1987 mit dem 1994 an Aids gestorbenen Manfred Salzgeber den Teddy Award ins Leben rief und die Panoramaleitung seit 1992 inne hatte, ist nun Berater des Offiziellen Programms.
Die Zuschauer*innen sind wieder dazu aufgerufen, für den Panorama Publikumspreis die Stimme abzugeben!

Spielfilme im Panorama - die AVIVA-Auswahl

Die Welt der 18-jährigen Mati, die sonst mit ihrer Motocross-Clique die Gegend unsicher macht und die anderen Mädchen terrorisiert, ändert sich kurz vor ihrem Schulabschluss. In "L´Animale" schaut Regisseurin Katharina Mueckstein auf das Bedürfnis nach Zugehörigkeit, maskuline Überlegenheit und leidenschaftliche Hingabe, während die Eltern über ihre eigenen Lügen stolpern.

Krankenpflegerin Mara aus Rumänien wartet gemeinsam mit ihrem neuen Ehemann und ihrem Sohn auf die Green Card, doch das Einbürgerungsprozedere ist schwierig. Regisseurin Iona Uricaru behandelt in ihrem Drama "Lemonade" die Themen Mentalität, Korruption und Patriotismus.

Tinatin Kajrishvili erzählt in ihrem zweiten Langfilm "Horizonti" vom Ende einer Beziehung. Giorgi kann die Trennung von Ana nicht verkraften, in einer unwirtlichen Umgebung versucht er, die Scherben seines Lebens wieder aufzusammeln.

Mit Feuereifer stürzt sich die alleinerziehende Mutter in Henrika Krulls "Jibril" in eine vorerst platonische Romanze mit dem Häftling Jibril. Doch eine Beziehung mit jemandem, der am eigenen Leben kaum teilnimmt, ist schwer: Wie gut muss frau/man sich kennen, um sich zu lieben? Einen aufwühlenden Trip mit unerwarteten Wendungen zeigt "La enfermedad del domingo" in der eine Frau um die Dreißig den Kontakt zu ihrer Mutter sucht, die sie als Achtjährige von einem Tag auf den anderen verlassen hat. Regisseur Ramón Salazar lässt dieses stille Mutter-Tochter-Drama in einem abgelegenen Haus in den spanischen Bergen spielen.

Als Miniserie werden die beiden Teile von "Ondes de choc" gezeigt, die sich mit der Verantwortung gegen sich selbst und gegenüber Schutzbefohlenen auseinandersetzen. Regisseurin Ursula Meier bezieht sich in ihrem Teil "Ondes de choc - Journal de ma tête" auf einen Schüler, der seine Eltern erschießt und sich dann der Polizei stellt. Im Regieteil "Ondes de choc - Prénom: Mathieu" von Lionel Bayer geht es um das Weiterleben eines 17-jährigen, nachdem er von einem Serientäter misshandelt und vergewaltigt wurde.

Panorama-Dokumente - die AVIVA-Auswahl

Die Amtsenthebung der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff, einer Widerstandskämpferin während der Zeit der Diktatur zeigt Maria Ramos in "O processo". Ein Justizdrama mit großer Fallhöhe und ein Blick hinter die Kulissen des Prozesses, von den Strategien der Verteidigung bis zu den Tränen der Anklage beim Plädoyer.

Das 1977 beschlossene Amnestiegesetz verbietet bis heute jede Strafverfolgung der unter Franco stattgefundenen Diktaturverbrechen. Investigativ zeichnet "The Silence of Others" von Almudena Carracedo das Abbild einer zwischen Vergessen und Vergangenheitsbewältigung gespaltenen Gesellschaft.

Nach 20 Jahren kehrt Regisseurin Bojina Panayotova in ihre Heimat Bulgarien zurück. In "Je vois rouge" dokumentiert sie den Streit mit ihren Eltern über Loyalität, postkommunistische Überheblichkeit und das Recht an der eigenen Geschichte, der bei der Suche nach der Vergangenheit ihrer Familie eskaliert.

Regisseurin Reem Saleh zeichnet in "Al Gami´ya" ein intimes Bild von Gemeinschaft und Unterstützung in einer unwirtlichen Realität. Um ihr Überleben in einem der ärmsten Viertel Kairos zu erleichtern, haben sich dessen Bewohner*innen alternative Strategien des Zusammenlebens geschaffen.

Von Bürgerkriegs- und Migrationserfahrungen bis zum Aufstieg zum populären, aber kontroversen Star, zeigt der Dokumentarfilm "Mantangi / Maya / M.I.A. " von Steven Loveridge das Leben, die Motivation und politische Haltung der Sängerin, Komponistin und Pop-Ikone M.I.A.

Rosa Hannah Ziegler dokumentiert in "Familienleben" ein Leben auf dem Land, aber kein Idyll. Als Einblick in einen familiären Mikrokosmos voller Brüche und Träume zeigt sie das Leben von Biggi mit ihren Töchtern Denise (17) und Saskia (14) auf einem Hof, den sie mit ihrem Ex-Freund und dessen Wutanfällen teilt.

Die US-amerikanische Fotografin und Filmemacherin Lauren Greenfield zieht in "Generation Wealth" eine Bilanz ihrer über 25 Jahre dauernden Beschäftigung mit Menschen, deren Leben von der Sucht nach Geld, Schönheit und Konsum bestimmt ist.

Tempelhof, in den Hangars des stillgelegten Flughafens träumen Geflüchtete davon, endlich anzukommen, während auf dem Feld davor Berliner*innen versuchen, ihrem Alltag zu entfliehen. "Zentralflughafen THF" von Karim Ainouz, porträtiert mit seinen Bildkompositionen ein Jahr voll Leid, Sehnsucht und auch Unbeschwertheit.

Mit "Styx"" eröffnet am 16.02.2018 das Panorama Special mit einem Spielfilm über die Ärztin Rike. Allein unterwegs in ihrem Segelschiffurlaub, trifft sie auf ein überladenes Flüchtlingsboot. Regisseur Wolfgang Fischer inszeniert diesen irgendwo zwischen Europa und Afrika spielenden Film fast dialoglos.

Forum-Filme - die AVIVA-Auswahl

Zum 48. Mal veranstaltet das Arsenal - Institut für Film und Videokunst im Rahmen der Berlinale das Forum, dieses Jahr unter dem Motto: Im Reich der Perfektion - und anderswo. Für viele Filmfreund*innen ist das sich zwischen Kunst und Kino bewegende Forum die große Chance, neue internationale Produktionen aller Formate zu sehen, die es wegen ihrer individuellen Präsentationskunst meist nicht ins nationale Kino schaffen.

Ruth Beckermann hat mit "Waldheims Walzer" einen packenden dokumentarischen Essay geschaffen. Die Affäre um die NS-Vergangenheit des ehemaligen UN-Generalsekretärs und Bundespräsidenten von Österreich, Kurt Waldheim, sorgte in den 1980er Jahren weltweit für Aufsehen. Ruth Beckermann, deren Eltern Überlebende des Holocaust sind, zeigt damit eine erschreckende Kontinuität des Antisemitismus auf.

"Yours in Sisterhood" ist ein außergewöhnliches Porträt des Feminismus von heute und von vor 40 Jahren. Irene Lusztig filmte zwischen 2015 und 2017 Hunderte von Menschen beim Vorlesen von Leser*innenbriefen aus den 1970er Jahren, die an Ms, das erste US-amerikanische, feministische Mainstream-Magazin gingen und dort nie veröffentlicht wurden. Dann bat sie die Lesenden, teilweise die gleichen Frauen, die damals die Briefe geschrieben hatten, um einen Vergleich der heutigen Situation von Frauen mit der in dem Brief geschilderten.

Kristina Konrad sammelte Ende der 1980er Jahre auf den Straßen Uruguays Stimmen zum Volksentscheid über ein Gesetz, das den Verantwortlichen der Militärdiktatur Straffreiheit garantierte. "Unas preguntas" zeigt einen demokratischen Prozess unter dem Brennglas. Doch wie begegnet frau/man Herausforderungen im politischen Alltag?

Präzise beobachtet Marie Wilke in "Aggregat" Orte der demokratischen Willensbildung in Deutschland und blickt hinter das Geschehen in Bundestag, Nachrichtenredaktionen und Wahlkreisbüros.

Jumana Manna folgt in "Wild Relatives" der Matrix von Hierarchien und Beziehungen, die in die Transaktion von Saatgut eingebunden ist, die zwischen der norwegischen Stadt Longyearbyen und dem Bekaa Tal im Libanon stattfindet. Dabei öffnet sie Raum zum Nachdenken über Artenvielfalt, globale Gerechtigkeit und Klimawandel.

In ihrem Debüt "Maki´la" folgt Machérie Ekwa Bahango der auf den Straßen Kinshasas lebenden Maki. Diese tut sich mit der jüngeren Acha zusammen, weil sie vom Gehabe ihres Geliebten und seiner Gang genug hat.

"Djamilia" ist eine Frau aus der gleichnamigen Novelle Aitmatovs, die Generationen von kirgisischen Frauen mit ihrem Aufbegehren gegen das patriarchale System prägte. In Super-8 gedreht und behutsam verfremdet, zeigt die Dokumentarfilmerin Aminatou Echard in ihren Interviews, wie kirgisische Frauen in Djamilia eine Heldin gefunden haben, die ihnen zu mehr Selbstbestimmung verhilft.

Nach Jahrzehnten treffen englische und argentinische Veteranen des Falklandkrieges aufeinander, um ihre Erinnerungen nachzuspielen. "Teatro de guerra" von Lola Arias zeigt eine zwischen Dokumentation und Inszenierung changierende Performance ehemaliger Feinde, die viel gemeinsam haben.

Im Jahr 2007 unternahm Ayreen Anastas eine Reise durch Algerien, Ägypten, Jordanien, Libanon, Marokko, Syrien und Tunesien, auf der sie Material für einen Film sammelte, der unvollendet blieb. Gemeinsam mit dem Künstler Rene Gabi und dem Philosophen Jean-Luc Nancx hat sie mit "An Untimely Film for Every Ond and No One" eine - im Sinne Nietzsches - "unzeitgemäße" Version des Filmes hergestellt, da das nun über zehn Jahre alte Material an Relevanz, Kraft und Bedeutung gewonnen hat.

In "Our House" wissen die Bewohnerinnen eines alten Hauses nichts voneinander, Tochter und Mutter leben hier, aber auch zwei junge Frauen. Yui Kiyohara verbindet zwei auf geheimnisvolle Weise zusammengehörende Erzählungen miteinander.

Meritxell Colell Aparicio zeigt in "Con el viento", wie die Tänzerin Mónica nach langer Abwesenheit zur Beerdigung ihres Vaters in ihr Heimatdorf zurückkehrt. Durch den anstehenden Verkauf des Familienhauses zieht sich der Aufenthalt in die Länge und eine emotionale Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Herkunft beginnt.

Nadas Alltag als alleinerziehende Mutter einer autistischen Tochter ist chaotisch. Direkt und unmittelbar erzählt "Kaoticni zivot Nade Kadic", das Debüt von Marta Hernaiz, von einem tiefen Verlangen, dem Stress und der Enge zu entkommen, das Nada quer durchs Land führt.

Josephine Decker ist erneut mit einem ihrer Filme vertreten. In "Madeline´s Madeline" verbringt die Tochter ungern Zeit mit ihrer Mutter, frei fühlt sie sich vor allem in ihrer Theatergruppe. Doch Rolle und Persönlichkeit verwischen zunehmend, Spiel und Realität, Kreativität und Wahnsinn trennt oftmals nur ein schmaler Grat.

Narjiss Nejjars erzählt in "Apatride" aus weiblicher Perspektive von einem historischen Ereignis, das noch heute die Beziehungen zwischen Marokko und Algerien bestimmt: 1975 wurden 45.000 marokkanische Familien über Nacht aus Algerien ausgewiesen. Vor der Kulisse einer idyllischen Küstenlandschaft erzählt der vielschichtige Spielfilm aus dem Blickwinkel der traumatisierten Hénia, welche Wunden nicht nur politische Willkür, sondern auch eine patriarchale Gesellschaft verursachen.

Eine Schule in einem Pariser Vorort. In Gesprächen über ihre Herkunft, Elternbeziehungen, Verliebtheiten, Sehnsüchte und Zukunftsängste kommen sich zehn Teenager näher. Claire Simon zeigt in "Premierès solitudes" wie gut es tut, festzustellen, dass frau/man nicht allein ist.

Einen Mönch, eine Sexarbeiterin, einen Evolutionsbiologe, junge Erwachsene in einer Bar und John Malkovich als Casanova zeigt Produzentin, Regisseurin und Drehbuchschreiberin Louise Donschen mal fiktional, mal dokumentarisch. In "Casanovagen" nähert sich ihr Debüt den Fragen nach Körper und Begehren. Gedreht auf 16 mm, werden inszenierte und dokumentarische Episoden montageartig miteinander verbunden und lassen Raum für vielfältige Assoziationen.

Regisseurin Yoko Yamanaka zeigt in ihrem Erstlingswerk "Amiko" eine rebellierende Jugendliche in einer konformistischen Gesellschaft, die sich in ihren Tagträumen nach ihrer ersten großen Liebe verzehrt. Heimlich folgt sie dem Jungen aus ihrer Parallelklasse.

In "Wieza. Jasny dzien" der Regisseurin Jagoda Szelc geht es um die Auseinandersetzung der Tochter zwischen ihrer sozialen Mutter, und ihrer plötzlich auftauchenden biologischen Mutter, die Schwestern sind. Sich argwöhnisch beäugend, mischen sich mysteriöse Töne in die scheinbare Sommeridylle.

Marina Gioti und Georges Salameh folgen in "The Invisible Hands" dem amerikanischen Musiker Alan Bishop, der nach den Aufständen 2011 nach Kairo kommt und mit ortsansässigen Musiker*innen die Band "The Invisible Hands" gründete. Der Film spiegelt das tragisch-komische Verhältnis zwischen Politik und Kunst in Ägypten wider.

In "La cama" zeigt Mónica Lairana ein Sommerwochenende in Buenos Aires, an dem das langjährige Paar Mabel und Jorge seine letzten Stunden in ihrem ehemaligen Haus verbringt, das sie verkauft haben. Ihre Bemühungen, noch einmal Sex zu haben, enden in Tränen, langsam verabschieden sie sich voneinander.

Das Special Screening des Forum hat sich mit seiner Reihe der alternativen Filmgeschichtsschreibung verpflichtet. Dieses Jahr widmet sich das Programm dem Kino afrikanischer Länder, dem Dokumentar- und Experimentalfilm, dem Anti-Kino-Film und dem anrüchigen B-Movie und "Schmuddelkino". Außer Ulla Stöckl als Mit-Regisseurin und der Produzentin Keiko Sato sind jedoch keine weiteren Frauen hinter dieser raumgreifenden Ankündigung vertreten. Eine Auswahl aus der Serie "Geschichten vom Kübelkind", dargestellt von Kristine de Loup, gedreht von Ulla Stöckl und Edgar Reitz kommt dabei zur Aufführung. In dem der damaligen Aufführungspraxis nachempfundenen "Kneipenkino" werden am 19.02.2018 auch Stöckl und Reitz anwesend sein.

Mit "A Pink Tribute to Keiko Sato" wird die Produzentin geehrt, die sich hinter dem männlichen Pseudonym Daisuke Asakura verbarg. Die japanischen "pinku eiga" sollten mit erotischen Inhalten ein männliches Publikum locken, es entwickelten sich daraus einige der avantgardistischsten Werke des japanischen Kinos.

Perspektive Deutsches Kino - die AVIVA-Auswahl

Mit ihrem Debüt "Die defekte Katze" ist Susan Gordanshekan als einzige Frau im Spielfilmbereich vertreten. Sie erzählt von einem iranischen Paar, das sich erst nach der traditionell geschlossenen Ehe kennenlernen kann und dann an den Herausforderungen des gemeinsamen Lebens in Deutschland scheitert.

Im Bereich des langen Dokumentarfilms sind vier Regisseurinnen dabei, so Johanna Sunder-Plassmann und Tama Tobias-Macht mit "draußen". Sie folgen vier Obdachlosen und ihren bewegenden Lebensgeschichten und öffnen damit das Tor zu einer Welt, die den Kinobesucher*innen normalerweise verborgen bleibt.

In "The Best Thing You Can Do With Your Life" versucht die Regisseurin Zita Erffa über den Dokumentarfilm ihrem Bruder wieder nahe zu kommen, der in die Ordensgemeinschaft der Legionäre eingetreten ist.

Aufgrund ihrer eigenen Familiengeschichte lernt Regisseurin Veronika Kaserer eine Berliner Familie kennen, die mit dem bevorstehenden Tod eines jungen Familienmitglieds umgehen müssen. Sie zeigt in "Überall wo wir sind" eine Feier auf das Leben im Angesicht des Todes.

Alexandra Wesolowski besucht in "Impreza - Das Fest" mit der Kamera ihre Familie in Polen, mit der sie die Goldene Hochzeit ihrer Tante feiert. Die Gespräche kommen immer wieder auf unterschiedliche Politikvorstellungen, über die hauptsächlich die Frauen miteinander diskutieren.

Teddy Award - der queere Filmpreis der Berlinale

Der finale Berlinale-Freitag am 23. Februar steht wieder voll und ganz im Zeichen des Teddys, gefeiert wird mit einer spektakulären Gala samt anschließender Backstage Party mit live Konzert und DJ-Lounge. Moderiert wird die 32. Preisverleihung im Haus der Berliner Festspiele von Jack Woodhead. Dazu kommt ein großartiges musikalisches Programm mit der Rapperin Sookee, Irmgard Knef und Linn da Quebrada, die für den über sie gezeigten Dokumentarfilm "Bixa Travesty" zur Berlinale anreist.

Der Teddy ist ein sektionsübergreifender Preis, die potentiellen Preisträger*innenfilme laufen in so ziemlich allen Sektionen der Berlinale. Entscheidend für die Teilnahme ist die Beschäftigung mit einem queeren Thema. Die Filme werden in den Kategorien Spielfilm, Dokumentarfilm und Kurzfilm ausgezeichnet. Außerdem werden der Teddy Jury Award und der Special Teddy Award vergeben.

AVIVA stellt einige der Kandidat*innen für den Teddy vor

Für die in "Game Girls" porträtierten afroamerikanischen Frauen ist das Überleben in L. A., der "Hauptstadt der Obdachlosen", in der Gegend Skid Row ein hartes Spiel, in dessen Regeln das lesbische Paar Teri und Tiahna einführt. Regisseurin Alina Skrzeszewska, die einen Workshop für die Frauen aus dieser Community initiierte, porträtiert die beiden Frauen zwischen Gefängnis, Alkoholsucht und ihrer schwierigen Beziehung.

Leilah Weinraub porträtiert in der intimen Chronik "Shakedown" die Protagonistinnen einer Partyreihe von und für afro-amerikanische Frauen, die Strip-Shows für den lesbischen Underground in L.A. hostet, lesbische Sexualität feiert, aber auch Repression ausgesetzt war.

Um Body Politics geht es im aus Brasilien stammenden Dokumentarfilm "Bixa Travesty" von Claudia Priscilla und Kiko Goifman mit ihrem musikalischen Portrait der jungen Transfrau und brasilianischen Pop-Figur Linn Da Quebrada. Sie ist schwarz, kommt aus der Peripherie Sao Paolos und versteht als charismatische Gender-Denkerin ihre Musik als Waffe gegen Rassismus, Transphobie und Machismus. (Panorama Dokumente)

Nach Brasilien geht es auch mit dem traumwandlerischen Essayfilm "Obscuro Barroco" von Evangelia Kranioti. Mit dem Kommentar ihrer transidenten Erzähler*in Luana Muniz (1961 - 2017), Ikone der queeren Subkultur, führt sie in einem Fluss aus Bildern und Worten durch Rio de Janeiro. In dieser Stadt der Extreme mit ihren politischen Kämpfen, Fassaden des Karnevals und neuen Körpern, kennen die Transformationen kein klares Geschlecht mehr.

"Tinta Bruta" von Filipe Matzembacher folgt dem jungen Brasilianer Pedro, der als NeonBoy in Chatrooms sein Geld verdient. In seinen Shows bemalt er seinen Körper und leuchtet im Dunkeln. Als seine Schwester auszieht und Pedro den Tänzer Leo kennenlernt, ändern sich die Dinge.

Yao sucht nach einem Mann fürs Leben, doch sein kranker Vater will endlich eine Schwiegertochter. In "The Silk and the Flame" dokumentiert Jordan Schiele in schwarz-weiß einen Familienbesuch zum chinesischen Neujahrsfest, der Konflikte an die Oberfläche bringt.

Jüdisches Leben und Filme aus Israel

Die in Jerusalem geborene Regisseurin Tsivia Barkai erzählt in ihrem Langfilmdebüt "Para Aduma" von patriarchaler Ordnung und jugendlichem (Auf)Begehren. Die junge Benny steht dem religiös-utopischen Nationalismus ihre Vaters skeptisch gegenüber, doch er ist ihre ganze Familie, da ihre Mutter bei ihrer Geburt starb. Aus dem aufkeimenden Begehren gegenüber ihrer Freundin Yael werden heimliche Umarmungen und Küsse, die sie in Loyalitätskonflikte mit ihrem Vater führen.

Mit Ewald André Duponts "Das alte Gesetz" (1923) zeigt die Reihe Berlinale Classics ein Stummfilm- und Konzert-Highlight und ein wichtiges Werk der deutsch-jüdischen Filmgeschichte. Der Sohn eines Rabbiners macht gegen den Willen seines Vaters im Wien des 19. Jahrhunderts eine glänzende Karriere als Bühnenschauspieler. Am 16.02.2018 ist die restaurierte und digitalisierte Fassung - ermöglicht durch das Engagement von Prof. Cynthia Walk - im Friedrichstadt-Palast gemeinsam mit der Uraufführung der neuen Musikfassung zu sehen. Diese wird live gespielt vom Orchester Jakobsplatz München unter der Leitung von Daniel Grossmann. Der Film ist in dieser restaurierten Form nun auch auf DVD erhältlich.

Mit Unterstützung des Israel Film Fund erfolgte mit "HaChayim Al-Pi Agfa" ("Life according to Agfa") von 1992 die Restaurierung der Regiearbeit von Assi Dayan. In einer Bar in Tel Aviv treffen die unterschiedlichsten Menschen aufeinander. Die Ereignisse einer Nacht, festgehalten auf Schwarzweißfotos, spiegeln eine Gesellschaft, die zu explodieren droht.

Von ihrem 15.-20. Lebensjahr begleitet die Regisseurin Christy Garland in ihrem Dokumentarfilm "What Walaa Wants" das palästinensische Mädchen Walaa, deren Mutter als vermeintliche Attentäterin acht Jahre in einem israelischen Gefängnis verbracht hat. Auf Augenhöhe mit ihrer Protagonistin zeichnet Garland ein intimes Portrait eines Mädchens, das für seinen Traum kämpft.

Retrospektive und Berlinale Classics - die AVIVA-Auswahl

Clärenore Stinnes, die Tochter eines Großindustriellen, startete mit dem Automobil und dem Kameramann Carl Axel Söderström 1927 zur Weltumrundung. Mit der Dokumentation "Im Auto durch zwei Welten" (1927-31) bewies sie beeindruckend, dass sie dies auch tatsächlich geschafft hat.

Die Expeditionsleiterin, Ethnologin und Regisseurin Gulla Pfeffer und ihr Kameramann und Co-Regisseur Friedrich Dalsheim dokumentieren mit "Menschen im Busch" (1930) den Alltag einer togolesischen Familie. Dabei gehen sie neue Wege, indem sie die Porträtierten selbst zu Wort kommen lassen. Vermutlich der erste deutsche Film über eine bis dahin unbekannte Kultur, der konsequent die Perspektive der Gefilmten einnimmt.

"Das Abenteuer einer schönen Frau" (1932) von Hermann Kosterlitz, der als Exilant ab 1935 unter dem Namen Henry Koster in den USA ein Meister der Filmkomödie wurde, zeigt eine junge, moderne Bildhauerin im Berlin der 1930er Jahre. Durchsetzungsfähig in ihrem Beruf und allein lebend, unterstützt durch ihre Haushälterin, denkt sie nicht daran, nur wegen einer Schwangerschaft ihren Beruf aufzugeben oder zu heiraten. Der Film ist bestimmt durch beschwingte Leichtigkeit, wie auch Gesellschaftskritik. Nach dem Roman "Jerry" von Suzanne de Callias, der in Paris während und nach dem 1. Weltkrieg spielt.

Die Berlinale Classics präsentieren sieben Weltpremieren digital restaurierter Fassungen. Darunter ist das Spielfilmdebüt der einzigen bei Berlinale Classics vertretenen Regisseurin, Ildikó Enyedi, "Az én XX. századom", der Gewinnerin des Goldenen Bären 2017. In Schwarzweiß gedreht, verfolgt der Film die unterschiedlichen Lebenswege von getrennt aufgewachsenen Zwillingsschwestern an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Eine wird Anarchistin, die andere hält sich als Diebin über Wasser, nach und nach führt das Leben ihre Wege wieder zusammen.

Generation - die AVIVA-Auswahl

"Der Realität den Spiegel vorhalten" ist das Motto dieser bemerkenswerten Sektion der Berlinale mit einem internationalen Programm für Kinder (Kplus) und Jugendliche (14plus). Die nachfolgend vorgestellten Filme stammen aus der Generation 14plus und konfrontieren sowohl Jugendliche wie auch Erwachsene mit den Fragen zur Zukunft unserer Gesellschaft und unseres Planeten. Der Augenmerk liegt dieses Jahr auf dem Spannungsfeld zwischen Realität und Imagination und den darin enthaltenen alternativen Möglichkeiten, sowie der neu formulierten Sehnsucht einer jungen Generation nach Verbindlichkeit.

Regisseurin Janet van den Brand führt mit ihrem dokumentarischen Langfilmdebüt "Ceres" ihre vier jungen Protagonist*innen durch einen landwirtschaftlich geprägten Alltag. Ein realistisches Bild vom Leben und der Arbeit in der Landwirtschaft, versehen mit der Frage, ob die Kinder die Höfe einmal übernehmen werden.

Nachdem Nanouk Leopold bereits dreimal auf der Berlinale vertreten war, u.a. mit "Brownian Movement", zeigt sie nun zum ersten Mal mit "Cobain" einen Film in der Sektion "Generation": Die drogenabhängige Mia ist wieder schwanger, ihr erstes Kind Cobain, bereits 15 Jahre alt, sucht seinen eigenen Weg neben seiner selbstzerstörerischen Mutter.

Gefilmt ausschließlich mit den Smartphones der vier Protagonist*innen in den Weiten der südafrikanischen Steppe, lässt Regisseurin Jenna Bass zweiter Langfilm "High Fantasy" eine oft gehegte Vorstellung Wirklichkeit werden: im Körper eines anderen Menschen zu stecken. Ein kluger wie bissiger Versuch über die unerbittliche Politik der Körper, der auch Jahrzehnte nach dem vermeintlichen Ende der Apartheit noch hochaktuell ist.

Die 14-jährige Fortuna ist als Geflüchtete in einem Bergkloster des Augustinerordens in der Schweiz untergekommen. In "Fortuna" zeigt Regisseur Germinal Roaux das einsame Leben eines Mädchens, das seit der traumatischen Überquerung des Mittelmeers ihre Eltern nicht mehr gesehen hat.

In grafisch beeindruckenden, animierten Kinobildern zeigt "Virus Tropical", das Langfilmdebüt von Santiago Caicedo, die autobiografische Geschichte der ekuadorianischen Comiczeichnerin Powerpaola. Diese wächst als jüngste von drei Schwestern in Quito auf, der Film zeigt ihren ironischen, wie auch emanzipatorisch-weiblichen Blick auf die lateinamerikanische Gegenwart.

Vor der rauen Kulisse eines irischen Küstenortes inszeniert Regisseurin Aoife McArdle in ihrem Debütfilm "Kissing Candice" die grell-drastischen Erfahrungswelten der 17-jährigen Candice. Zwischen epileptischen Anfällen, einer gewaltbereiten Jugendclique und einem Polizisten als Vater spiegelt das ästhetische Chaos des Films auch, dass die Regisseurin früher hauptsächlich Musikvideos gedreht hat.

Der gehörlose Adam und seine Mutter, eine Technomusikerin, haben immer in getrennten Welten gelebt. Die isländische Regisseurin Maria Solrun zeigt in "Adam" einen Jungen, der plötzlich auf sich allein gestellt ist, als bei seiner Mutter eine irreversible Hirnschädigung durch Alkohol diagnostiziert wird.

Für ihr Spielfilmdebüt "Güvercin" über Yusuf, der nur bei seinen geliebten Tauben auf dem Dach seines Elternhauses über den Gassen eines Slums, zur Ruhe kommt, schrieb die Regisseurin Banu Sivaci auch das Drehbuch und wirkte als Produzentin.

Auch im Bereich von Kplus, der sich an Kinder im Alter zwischen 6 und 13 Jahren wendet und sich altersgerecht durch etwas kürzere Spielzeiten auszeichnet, zeigen wieder zahlreiche Regisseurinnen ihre Filme. Dazu gehören Stéphane Demoustier mit "Allons Enfants", Barbara Bredero mit "Dikkertje Dap", Kamila Andini mit "Sekala Niskala", Linda Hambäck mit "Gordon och Paddy", Likarion Wainaina mit "Supa Modo" und Alessia Chiesa mit "El día que resistía".

Und sonst noch

Mit der Berlinale Kamera 2018 wird Beki Probst, die Präsidentin des European Film Market, sowie der Produzent und Geschäftsführer des Israel Film Fund Katriel Schory und Schauspieler und Regisseur Jiří Menzel ausgezeichnet.

Im get-together der Filmschaffenden, laden die Berlinale Talents das Berlinale-Publikum zu öffentlichen Talks und Filmvorführungen in das Hebbel am Ufer. Eröffnet von Jurypräsident Tom Tykwer am 18.2.18, werden prominente Festivalgäste über Aspekte in ihren Filmen diskutieren. So sind zum Thema "Technically a Woman: Cinematographers Speak Out" die Kamerafrauen Nancy Schreiber und Agnés Godard geladen, es moderiert Vinca Wiedemann. Und unter dem Titel "Dancing Foxtrot" diskutieren der israelische Regisseur Samuel Maoz und der Direktor des Israel Film Fund Katriel Schory, Moderation Kathi Bildhauer. Zu diesen einmaligen Veranstaltungen sind ab dem ersten Vorverkaufstag (12.2.) Tickets erhältlich.

Zwölf internationale Romane mit Filmpotential, ausgesucht aus annähernd 150 Einreichungen, werden im Rahmen von "Books At Berlinale" Filmproduzent*innen als Vorlage für Literaturverfilmungen angeboten. Darunter sind sieben Stoffe von Autorinnen, wie Isabel Allende mit "In the Midst of Winter", Rosella Postorino mit "Hitler´s Feast" und Sebnem Isigüzel mit "The Girl in the Tree".

Um die kulturelle Teilhabe zu fördern, erhalten Menschen mit geringem Einkommen eine Ticketermäßigung von 50 Prozent und bekommen freie Platzkontingente vermittelt. In fast allen Berlinale-Spielplätzen gibt es eine begrenzte Anzahl von Rollstuhlplätzen. Für den Publikumstag am 25.02.2018, dem letzten Sonntag der Berlinale, gibt es ab Festivalbeginn Karten zum günstigen Preis.

AVIVA-Tipp: Die Berlinale verspricht sich nun auch aktiver der Gendergerechtigkeit zu widmen und sich gegen Machtmissbrauch einzusetzen. Wir sind sicher, dass darauf der Zusammenschluss von Pro Quote Film unterstützend und fordernd einwirkt. Mit dieser zukunftsweisenden Aussicht im Hintergrund wünschen wir eine spannende, emotionale und informative Zeit beim Festival. Und nicht vergessen, die meisten Vorführungen bieten im Anschluss an den cineastischen Genuss Filmgespräche mit den Filmschaffenden, für die unbedingt Zeit eingeplant werden sollte.



Mehr Infos zur 68. Berlinale und dem Teddy 2018 unter:

www.berlinale.de

www.teddyaward.tv

Mehr Infos zu Pro Quote Film, der 10-Punkte-Forderung, weiteren Vorhaben wie der Pro Quote Film Akademie, die Gründung einer Stiftung, und Mitmach-Möglichkeiten unter:

proquote-film.de

www.wiftg.de
Women in Film and Television Germany - Internationales Businessnetzwerk für Frauen in der Film- und Fernsehbranche und den digitalen Medien.

Die Berlin Feminist Film Week findet dieses Jahr vom 8. - 14. März 2018 statt. Es folgt vom 24. - 29. April 2018 in Köln das Internationale Frauenfilmfestival

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Pro Quote Film - Filmschaffende Frauen fordern FiftyFifty in der Gesamtheit aller Produktionen
"9 Gewerke, 1 Stimme, 10 Forderungen: Pro Quote Film". Filmschaffende Frauen aller Gewerke schließen sich der Initiative der Regisseurinnen an. Mehr als 1200 Unterstützerinnen aus der Branche haben die Forderung nach einer 50% Quote für die Vergabe von Aufträgen, Fördergeldern und Rollen unterzeichnet. Mehr zu Pro Quote Film, der 10-Punkte-Forderung, weiteren Vorhaben und Mitmach-Möglichkeiten.

Das war die 67. Berlinale und der 31. Teddy Award, Pro Quote Regie und International Women´s Film Festival Network - Regisseurin Ildikó Enyedis erhält den Goldenen Bären...
…Agnieszka Holland den Alfred-Bauer-Preis, Monika Treut den Special Teddy Award - die AVIVA-Auswahl der Gewinnerinnen - Regisseurinnen, Darstellerinnen, Cutterinnen. Dass das Private auch immer politisch ist, zeigten in diesem Jahr die knapp 400 Filme des weltweit größten Publikumsfestivals. Inhaltlich ging es weniger um das große Spektakel als um den einzelnen Menschen in einer immer weniger Sicherheit bietenden Gesellschaft. Und mit Ildikó Enyedis bekam endlich wieder eine Frau den Hauptpreis des Wettbewerbs, der damit auf der 67. Berlinale zum fünften Mal an eine Regisseurin ging.

Die AVIVA-Filmauswahl zur 67. Berlinale vom 9.-19. Februar 2017 - Wissenswertes zu den Regisseurinnen, Filmen aus Israel, Queer Cinema und Teddy Award
Wie die magere Quote im Wettbewerb zeigt - hier konkurrieren um die goldenen und silbernen Bär*innen vier Regisseurinnen gegen 14 Regisseure - ist die Geschlechtergerechtigkeit im Filmbusiness noch längst nicht erreicht. das zeigt auch Pro Quote Regie mit dem "PQR - BERLINALE – PANEL - Reality Check". AVIVA liefert allen Film-Addicts eine feine, kleine aber detaillierte Übersicht zu Filmen von Regisseurinnen, den Teddy-Anwärter*nnen und den Places To Be während der Berlinale 2017 über das üppige Berlinale-Angebot.

Fotos: Helga Egetenmeier