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22.11.2017

Carmen-Francesca Banciu - Vaterflucht
Sabine Grunwald

Der biografisch gefärbte Band thematisiert die zerstörende Kraft einer Diktatur, die sich in den persönlichen Bindungen der Generationen niederschlägt und das Verhältnis von Eltern und Kindern ...



... nachhaltig beeinflusst.

Der zum großen Teil als Rückschau angelegte Roman thematisiert das Einzelschicksal einer unerwünschten Tochter und ihrer seelischen Verfassung, die im Laufe ihres Heranwachsens den bedingungslosen Glauben an das sozialistische Regime ihres Heimatlandes Rumänien verliert.
Die fortschrittsgläubige Elterngeneration mit ihrem dubiosen Ehrgeiz, den "Neuen Menschen" hervorzubringen, wird kritisiert und die Ablehnung der aufgezwungenen Ideale und Verhaltensmuster durch die Kinder beschrieben.

Nach Jahren des selbst gewählten Exils kehrt die Tochter mit ihrem siebenjährigen Sohn in die rumänische Heimat zurück, um ihren Vater zu besuchen. Die Mauer zwischen Ost und West ist gefallen, die Mutter lebt nicht mehr und auch der Vater scheint milder geworden zu sein.
Die Ich-Erzählerin, und mit ihr die Leserin blickt auf Kindheits- und Jugenderlebnisse zurück, die ein bedrückendes Bild der rumänischen Zustände entstehen lassen.
Der Vater aus der Unterschicht, der seine Ausbildung dem Regime verdankte und als aktiver Propagandist tätig war. Er, der keine Tochter wollte, das Zuhause verließ und seine vernachlässigte unglückliche Frau, die ihre Herkunft aus bürgerlichen Kreisen mit ihrem politischen Einsatz wettmachte, ständig unter Kopfschmerzen litt und die Liebe zu ihrer Tochter nicht zeigen konnte. In der Wohnsiedlung, wie auch später in der Schule, wo das gegenseitige Bespitzeln und die Angst, aufzufallen, allgegenwärtig war.

Von klein auf schrieb die Ich-Erzählerin Geschichten, um sich aus ihrer engen überwachten Welt wegzuträumen. Und geriet durch ihre unabhängigen Ansichten und Denkweise immer mehr in unangenehme Situationen, die darin gipfelten, dass sie drei Monate lang tagtäglich von MitarbeiterInnen der Securitate verhört wurde. Im Verlauf dieser Verhöre wurde ihr die ganze Tragweite dieser persönlichen Bespitzelung bewusst. Die Tatsache, dass sie Kirchenmalerei studierte und Romane schrieb reichten aus, sie zu einer Verdächtigen abzustempeln und ihr jede Hoffnung auf eine erträgliche Zukunft in Rumänien zu rauben, was sie letztendlich zu einem Selbstmordversuch trieb.

"Vaterflucht" ist ein Versuch, die schwer verkraftete Vergangenheit aufzuarbeiten. Es geht um die Frage, ob die empfundene menschliche Kälte und die familiären Schwierigkeiten nur dem politischen System zuzuschreiben sind oder überall dort regieren, wo Ignoranz und Oberflächlichkeit das Sagen haben.

Es ist der erste Roman der Schriftstellerin in deutscher Sprache, und der gehetzte, atemlose Schreibstil setzt das Leitmotiv der Vaterflucht trefflich um, macht aber mit seinen widerborstigen Sätzen, den Assoziationsketten und sperrigen Satzzeichen, die sich dem Erzählfluss entgegenstellen, das Lesen nicht immer leicht. Möglicherweise wird diese Sprache dem Thema aber gerechter als eine wohlig dahin fließende Syntax.

Zur Autorin: Carmen-Francesca Banciu,1955 im rumänischen Lipova geboren, studierte Kirchenmalerei und Außenhandel in Bukarest. Die Verleihung des Internationalen Kurzgeschichtepreises der Stadt Arnsberg hatte für sie 1985 ein Publikationsverbot in Rumänien zur Folge. Seit 1991 lebt sie mit ihren drei Kindern als freie Autorin in Berlin, schreibt Beiträge für den Rundfunk und leitet Seminare für kreatives Schreiben. Bei Rotbuch erschienen zuletzt der Roman Das Lied der traurigen Mutter (2007) und Geschichten aus der Hauptstadt unter dem Titel Berlin ist mein Paris (2007). (Verlagsinformation)

AVIVA-Tipp: Der lakonische Stil des schmalen Bändchens erzählt die erschütternde Geschichte vom Zusammenprall zweier Generationen, deren persönliche Beziehungen durch die politischen Verhältnisse bestimmt und zerstört werden.

Carmen-Francesca Banciu
Vaterflucht

Rotbuch Verlag, erschienen 2009
Paperback, 128 Seiten
ISBN 978-3-86789-077-9
9,90 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Berlin ist mein Paris von Carmen-Francesca Banciu.

Das Lied der traurigen Mutter von Carmen-Francesca Banciu.