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17.10.2017

Sarah Khan - Die Gespenster von Berlin
Claire Horst

Ein merkwürdiges Buch hat die Hamburger Autorin da vorgelegt. Ihre früheren Romane waren der Popliteratur zugerechnet worden. Im aktuellen Werk geht es nicht um Musik, Clubs oder die Probleme...



... jugendlicher StudentInnen.

Stattdessen unternimmt die Ich-Erzählerin eine Forschungsreise auf der Suche nach Gespenstern in Berlin. In Gesprächen mit FreundInnen und NachbarInnen stellt sie fest, dass unzählige Menschen Kontakte zu Toten haben oder hatten. Diesen Kontakten spürt sie nach – wie entstehen sie, was haben diese Toten zu sagen?

Wer sich das Buch besorgt hat, weil der Titel eine historische Auseinandersetzung mit der Stadt Berlin erwarten ließ, wird also zunächst enttäuscht sein – Gespenster, das ist tatsächlich wörtlich gemeint. Die ersten Geschichten des Bandes erwecken den Eindruck, als habe hier eine spiritistische Anhängerin von "Buffy – Im Bann der Dämonen" und Partys, auf denen Gläserrücken gespielt wird, eine Bestandsaufnahme gemacht. "Einmal riefen sie einen Geist und nichts geschah. Dann klopfte es an der Tür. Einer stand auf und öffnete, es war niemand zu sehen und doch trat jemand ein. [...] Der Geist umrundete die Magdeburger mehrmals, jagte ihnen einen Höllenschrecken ein, dann ging er wieder." Was soll das?, fragt man sich zunächst beim Lesen solcher Berichte, die meist aus dritter Hand kommen. Jemand erzählt von jemandem, der wirklich und wahrhaftig ein Gespenst gesehen hat. Das erinnert an Pyjamapartys unter 14jährigen – angenehmes Gruseln und das Gefühl, etwas Bedeutsames erlebt zu haben.

Wenn aber der gerufene Geist den Stasispitzel am Tisch identifiziert, wenn die Erzählerin auf der Suche nach Spukhäusern den Fotografen Jim Rakete trifft, der sie mit den gleichen Worten beschimpft, die man selbst gerade im Kopf hatte, dann wird die Gespensterjagd glücklicherweise ironisch gebrochen und ist streckenweise wirklich witzig. "Warum beschäftigen Sie sich mit so einem Scheiß? Verwunschene Häuser!? So ein Scheiß!", brüllt Rakete, und man möchte ihm zustimmen. In den folgenden Kurzgeschichten verlagert sich der Fokus zur Erleichterung der Leserin vom okkulten Interesse am Geheimnisvollen weg und hin zur Geschichte Berlins.

Die Wohnung eines befreundeten Paares, in der sich niemand wohl fühlt, hat eine lange Geschichte. Die ehemalige Bewohnerin, die an Hunger gestorben ist, die alte Dame, die sich daran erinnert, wie sie früher im gleichen Treppenhaus heimlich Maggi genascht hat – diese Erinnerungen erwecken das Haus und seine Gespenster zum Leben. Auch ihre Besuche im Bethanien, dem zum Teil besetzten, zum Teil als Kunsthaus genutzten ehemaligen Krankenhaus am Kreuzberger Mariannenplatz, führen die Erzählerin direkt auf die Spur der Geister des Hauses. Internationale Kunst-StipendiatInnen, die hier leben, werden angeblich heimgesucht von Gespenstern. Man muss mit Khans Wertung des Bethanien nicht übereinstimmen – ihr zufolge macht das Bethanien "einen trostlosen Eindruck", "dem Berliner ist das Bethanien kackegal, der geht da nicht hin" – komisch ist es dennoch, wie ihre Figuren vergeblich versuchen, den Geistern mit einem Aufnahmegerät auf die Spur zu kommen und sich damit die Tradition Theodor Fontanes weiterführen, der in dem Haus als Apotheker arbeitete und ebenfalls Gespenster sah.

In einem Aufsatz erklärt Khan, die auch als Journalistin tätig ist, ihre Beweggründe für die Beschäftigung mit Gespenstern. "Film und Literatur [...] leisten durch ihre fortdauernde Beschäftigung mit dem Tod und ihrer stets in Entwicklung begriffenen, großen Familie der Gespenstergestalten einen nicht unwesentlichen Beitrag zu der gesellschaftlich, kulturell und psychisch absolut erforderlichen Diskussionsfähigkeit. [...] Deshalb der Appell: Schreibt Gespenstergeschichten, Leichengeschichten, Zwischen-Leben-und-Tod-Geschichten!"

AVIVA-Tipp: Eher weniger überzeugend wirkt der Versuch, in der Auseinandersetzung mit Geistergeschichten den großen Fragen von Leben und Tod näher zu kommen. Dafür sind die Berichte zu albern und kolportagehaft. Spannender sind die Momente, in denen Khan Akten und andere Funde einflechtet. Deportationslisten und alte Telefonbücher verraten mehr über die Gespenster Berlins als spiritistische Sitzungen. Ein seltsames Buch, bei dem zwischen Ironie und Ernsthaftigkeit nicht immer klar zu unterscheinen ist.

Zu der Autorin: Sarah Khan, Autorin und Journalistin, geboren 1971 in Hamburg, lebt in Berlin. Sie studierte Volkskunde und Germanistik. Sie hat drei Romane publiziert, ihr letzter Roman, Eine romantische Maßnahme, erschien 2004.
Die Autorin im Netz: www.sarahkhan.de

Sarah Khan
Die Gespenster von Berlin

suhrkamp taschenbuch 4116, erschienen im Oktober 2009
Englische Broschur, 190 Seiten
ISBN: 978-3-518-46116-7
9,90 Euro

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