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20.11.2017

Sebnem Isigüzel - Am Rand
Karolin Korthase

Wie Schachfiguren manövriert Sebnem Isigüzel ihre ProtagonistInnen an den Rand Istanbuls. Im Original heißt ihr Roman "Çöplük", was so viel bedeutet wie "Müll" oder "Müllplatz", eine treffende...



... Bezeichnung für Sujet und Plot des Buches. Ihre Figuren graben im Müll, im figürlichen und übertragenen Sinne des Wortes.

An den Rand der Gesellschaft gedrängt, leben sie das Leben der Verachteten, Heimatlosen und Gesetzlosen. Sie sind der Müll der Gesellschaft, ein Abfallprodukt, die letzte Konsequenz eines an sich selbst krankenden Systems.

"Eine Gesellschaft und ein Land sind zugleich wie ein Mensch", sagt die Autorin und hält der sich seit 1980 im rasanten Wandel befindenden Türkei mit ihrem Roman einen Spiegel vor. Obwohl der Niedergang ihrer beiden Hauptfiguren Leyla und Yildiz aus ihren jeweils dicht erzählten individuellen Geschichten erklärt werden kann, lässt Sebnem Isigüzel keinen Zweifel daran, dass vor allem die Gesellschaft sie zu dem machte, was sie geworden sind.

Leyla hat ihr früheres Leben als Schachgenie und Diplomatentochter abgestreift wie einen alten zerschlissenen Mantel. Unwiderruflich ist das Vergangene verloren, in ihr altes Leben kann und will sie nicht mehr zurück. Dennoch holen sie die Erinnerungen nach und nach wieder ein, denn, so die Autorin, "Erinnerungen haben Gravitationskraft".

Ähnlich ergeht es der Musikwissenschaftlerin Yildiz. Besessen von dem Komponisten Karacan, an deren Biographie sie arbeitet und besessen auch von der zerstörerischen Beziehung zu der verschwundenen Mutter, gelingt es ihr nicht, ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben in der Gegenwart zu führen. Stundenlang verharrt sie auf einem Bein stehend in der Strafecke, in die sie das in der Wohnung umhergeisternde Muttergespenst bei Ungehorsam verweist. Diese perfide Mutter-Tochter-Beziehung, in vielerlei Hinsicht an Elfriede Jelineks "Klavierspielerin" erinnernd, bestimmt ihr Leben und macht sie komplett handlungsunfähig.

Die Buchautorin entwickelt die zwei Lebens- und Leidensgeschichten der Frauen parallel zueinander, lässt gegen Ende des Romans aber immer mehr Verquickungen und Bezüge entstehen. Obwohl wie eine Schachpartie aufgebaut, kämpfen sowohl Yildiz als auch Leyla ihren ganz eigenen Kampf.

Ist das alles nun Fiktion oder Realität? Am Ende des Romans erklärt Sebnem Isigüzel die Entstehungsgeschichte der Figuren und stellt den LeserInnen Gespräche mit den im Roman vorkommenden Personen zur Verfügung. Ob als erzählerisches Mittel oder als Hilfestellung für die LeserInnen gedacht, sei dahingestellt. Gebraucht hätte der Roman diesen Zusatz nicht, denn mit der sprachlichen, sowie stilistischen Präzision und einer eindringlichen Erzählerstimme hinterlässt die Lektüre dieses Buches einen erschütternden und bleibenden Eindruck. Wären Worte Schachfiguren, hätte Sebnem Isigüzel eine geniale Schachspielerin werden können.

AVIVA-Tipp: Dicht erzählt, nimmt die Autorin die LeserInnen mit in die Tiefen und Untiefen der menschlichen Seele und der Gesellschaft. Die ProtagonistInnen ihres Romans sind Randgestalten und bei der Beschreibung ihrer Lebensumstände spart die Autorin nicht an Gewaltszenarien und Perversionen. Trotz diesen zum Teil schwer erträglichen Beschreibungen entwickelt dieses Buch einen unheimlichen Sog, der die LeserInnen auch nach Beendigung der Lektüre nicht mehr loslässt.

Zur Autorin: Sebnem Isigüzel, geboren 1973 in Yalova, Türkei, studierte zunächst Anthropologie und arbeitete dann als Journalistin bei privaten Fernsehsendern. Für ihr bisheriges literarisches Schaffen bekam sie in der Türkei zahlreiche Preise. Sie lebt und arbeitet in Istanbul.

Am Rand
Sebnem Isigüzel

Roman
Aus dem Türkischen von Christoph K. Neumann
Berliner Taschenbuchverlag, erschienen im Januar 2010
(Ersterscheinung im September 2008)
431 Seiten
ISBN 978-3-8333-0637-2
10,95 Euro

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