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19.10.2017

Claudie Gallay - Die Brandungswelle
Marie Heidingsfelder

Nach einem emotionalen Schiffbruch strandet Claudie Gallays namenlose Protagonistin in La Hague, wo die Gezeiten, die wilde Landschaft und ein altes Geheimnis den Alltag der BewohnerInnen bestimmen.



Das Französische Land´s End

Brandungswellen entstehen infolge der Wechselwirkungen zwischen dem Wasser, der Atmosphäre und dem Meeresboden: Kurz vor Erreichen der Küste bäumt sich das Meer auf, schäumt - und bricht. In La Hague, einem kleinen Ort im Westen der Normandie wird das Leben vom Rhythmus dieser Bewegung bestimmt, dem ständigen Geben und Nehmen des Meeres. Und doch ist Claudie Gallays Roman keine typische Strandlektüre: Er beginnt in der Weltuntergangsstimmung eines Sturms, das Meer nuanciert über fast 600 Seiten nur in Grautönen und der Wind ist so stark, dass er den Schmetterlingen die Flügel ausreißt. Kaum, dass die Pariser SommertouristInnen fort sind, ist es kalt und trostlos in der Region, die im ständigen Schatten einer Atommüll-Wiederaufbereitungsanlage liegt. Wer hier lebt, wurde fast sicher schon hier geboren und ist von der Schroffheit der Landschaft geprägt - Claudie Gallays Beschreibung der DorfbewohnerInnen erinnert teilweise an eine Aufklärungskampagne gegen geistigen und gelebten Inzest.
Nur wenige "Zugereiste" ertragen das Misstrauen der hier geborenen, die Einsamkeit, die Ereignislosigkeit und das ständige Rauschen. Für sie dagegen ist La Hague ein Fluchtort. "Sie", das ist die namenlose Protagonistin des Romans, durch deren Augen die LeserInnen das Leben als Neuankömmling erleben. Die ehemalige Dozentin hat sich als Ornithologin in die Einsamkeit von "La Griffue" zurück gezogen, einem Haus, das sich, wie es der französische Name sagt, an die Felsen krallt und das sie nur mit dem Künstler Raphael, seinen in Leid erstarrten Skulpturen und seiner Schwester Morgane teilt. Das "Du", an das sie sich immer wieder in Gedanken wendet, ist ihr kürzlich verstorbener Mann und der Grund für die Bedrückung, die wie beharrlicher Nebel auf den Seiten lastet.

Vom Einlesen zum Einleben

Die Handlung, die folgt, böte den passenden Rahmen für viele Geschichten: Claudie Gallay hätte einen Krimi über den ehemaligen Polizisten Lambert schreiben können, der nach 40 Jahren zurück kehrt, um die Umstände des Bootunglücks aufzuklären, das ihm seine Familie genommen hat. Oder sie hätte über die Freundschaft von Raphael mit seiner neuen Mitbewohnerin und seinen späten Erfolg als Künstler berichten können. Sie hätte trotz aller Schwere sogar dem Rosamunde-Pilcher Kitsch verfallen können und erzählen, wie sich zwei Schicksalsgeschlagenen am Meer treffen.
Die Stärke des Romans ist es, dass Claudie Gallay all diesen Versuchungen widersteht und sich gegen einen klassischen Spannungsbogen entscheidet. Stattdessen werden die LeserInnen gleichsam auf den Klippen der Normandie ausgesetzt. Durch die Augen der erschöpften und verzweifelten Antiheldin erleben sie eine Umwelt, deren Schönheit und Poetik grade in ihrer Unzugänglichkeit liegt. Man stößt ständig vor physische und kulturelle Klippen: Die Schroffheit der Natur schlägt sich in der Verschlossenheit der BewohnerInnen nieder, das ständige Rauschen der Brandung in ihrem beharrlichen Schweigen und den unbeantworteten Fragen. Nur langsam klären sich einige Fragen und das persönliche Drama der verlorenen Liebe - aber das Lesevergnügen bleibt im ständigen Vorwärtstasten und der langsamen Sozialisierung mit dem Leben im Dorf: Behutsam lernt man die Menschen kennen, erkennt Verhaltensmuster, ahnt Zusammenhänge und spürt den alles beherrschenden Rhythmus der Wellen, sobald man die Seiten aufschlägt.

Ein sprachliches Kunstwerk

Diese Faszination ist in der Hauptsache nicht im Inhalt verhaftet, sondern vor allem ein Effekt der Sprache und der Beobachtungsgabe der Autorin, der es immer wieder gelingt, die lautlose Besonderheit alltäglicher Atmosphären einzufangen:
"Der Abend brach herein. Hinter den Fenstern gingen die Lichter an, drangen gelb durch die Spitzenvorhänge. Ab fünf Uhr wurden die Küchentische zum Ort der Vertraulichkeit. Die Hände um die Tassen. Die Köpfe geneigt. Dicht beieinander. Herumstehende Gläser, Geschirrtücher über dem Ofen. Der Tag ging zur Neige. Die Nacht war noch nicht angebrochen. Es war jene schreckliche Stunde, in der die Schatten zurück kommen und die Hunde anfangen zu heulen. [...] Wenn sie keine Lust mehr hatten, über sich selbst zu sprechen, konnten sie immer noch über die anderen reden, die Lebenden und die Toten." - Auch die Sprache wird in "Die Brandungswelle" zur Landschaft, in die man sich eingewöhnen muss, in der man zögert, stolpert und immer wieder staunend verweilt.


AVIVA-Tipp: "Die Brandungswelle" ist nicht umsonst der literarische Durchbruch von Claudie Gallay. Fast unmerklich entwickelt der Roman eine sprachliche Sogkraft, der man trotz Beklommenheit, Fremdheit und Gänsehaut beim Lesen kaum entkommt - so schön und schroff, wie die Landschaft in der er spielt.

Zur Autorin: Claudie Gallay wurde 1961 im Département Isère, im Südosten Frankreichs geboren und gilt als eine der populärsten Schriftstellerinnen Frankreichs. Neben dem Schreiben arbeitet sie als Grundschullehrerin. "Die Brandungswelle", ihr fünfter Roman, wurde mehrfach ausgezeichnet und verkaufte sich allein in Frankreich über 260.000 Mal. Im Herbst 2010 kommt die Verfilmung des Romans in die Kinos.

Claudie Gallay
Die Brandungswelle
(Les Déferlantes, 2008)
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Btb Verlag, März 2010
Gebunden, 558 Seiten
ISBN-13: 978-3442752423
21,95 Euro