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17.10.2017

Chahdortt Djavann - Die Stumme
Evelyn Gaida

Ein schmales Buch mit harmlosem Cover, das an Wüstennomaden denken lässt. Doch von der ersten Seite an zieht sich der Würgegriff einer unentrinnbaren Verkettung tragischer und aufrührender ...



... Ereignisse immer enger zusammen, die sich in den zwei Worten des Titels zu verdichten scheinen: "Die Stumme".

Mysteriöse Post aus dem Iran

Die Widmung und die Vorbemerkung gehören bereits zum Romangeschehen - alles ist darauf ausgerichtet, diesem das Gepräge eines Tatsachenberichts zu geben - was vollkommen gelingt. Eine nicht näher identifizierte Ich-Erzählerin erhält von einer Unbekannten einen mysteriösen Brief aus dem Iran, der die Ankunft eines Päckchens ankündigt. Zwei Seiten weiter finden sich die LeserInnen abrupt in eine vollkommen andere, aus europäischer Sicht des 21. Jahrhunderts unvorstellbare und bedrängende Realität geworfen: Die letzten Aufzeichnungen der 15-jährigen Fatameh, die in einem iranischen Gefängnis der Vollstreckung ihres Todesurteils entgegenblickt, werden vollständig wiedergegeben. Fatamehs einziges Heft war der Inhalt des Päckchens. Djavanns Romankonstruktion entfaltet ihre Wirkung mit der Präzision des Unaufhaltsamen.

Letztes Zeugnis einer Verurteilten

Die Aufzeichnungen des Mädchens sind ebenfalls in berichterstattendem Ton abgefasst, der eine gewisse Distanz zum Geschehen schafft. Geschildert wird Fatamehs aktuelle Situation im Gefängnis und was sie dorthin brachte. Gefühle werden nicht ausgespart, auch nicht die heftigen und abgründigen, doch als Teil und Gegenstand des Berichts behandelt, wodurch der Eindruck subversiven Brodelns und emotionaler Erosion entsteht. Sie suche keine Bestätigung, hält Fatameh fest, sondern Verständnis.

Djavann simuliert glaubhaft die Sprache einer 15-Jährigen durch kleine stilistische Schnitzer und sprachliche Einfachheit. Fatamehs Ausführungen sind sehr sparsam gehalten und dabei von großer analytischer Prägnanz - was vielleicht nicht nur auf ihr äußerst begrenztes Schreibmaterial zurückzuführen ist, sondern auch eine Besonderheit der Verfasserin zu sein scheint. Sie stellt sich als scharfe Beobachterin heraus, die mit einem Minimum an Worten und Beschreibungen die Charakteristik ihres gesellschaftlichen Umfelds, der sie umgebenden Beziehungskonstellationen und Menschen erfasst, oft mit beißender und unbestechlich entlarvender Ironie. Ihrem Alter ist Fatameh offenbar weit voraus, was angesichts ihres Hintergrunds und ihrer akuten Lage nicht verwundert. 15 Jahre sei sie alt und gleichzeitig so alt wie die Ewigkeit, schreibt sie über sich selbst.

Fatameh und ihre Familie wohn(t)en im Armenviertel einer nicht näher spezifizierten iranischen Stadt, dessen Lebenswelt sich den LeserInnen durch die knappen, aber zielgenauen Informationen der Erzählerin wie aus einzelnen, ungeschönt sachlichen und einprägsamen Momentaufnahmen zusammensetzt. Auf den Straßen seien nur Männer und Dealer zu sehen, Frauen würden sich unter keinen Umständen, ganz gleich ob "verrückt, stumm blind oder glatzköpfig", ohne Kopfbedeckung zeigen. Fatameh ist eines der wenigen Mädchen im Viertel, das zur Schule gehen darf oder kann, da den meisten Familien das Geld fehlt. Der Alltag der Heranwachsenden wird nicht völlig vom Elend beherrscht: Ihre Kindheit bezeichnet sie rückblickend als glücklich. Sie vergöttert ihre Tante, liebt ihren Vater und bemitleidet ihre fromme und regeltreue Mutter. Schon auf den ersten Seiten ihrer Aufzeichnungen zeigt sie sich als wacher und kritischer Geist, der sich durch sein Andersdenken und Anderssein den sonstigen BewohnerInnen des Bezirks überlegen fühlt. Immer wieder scheinen auch Szenen der Freude am Einfachen und Schlichten auf: Am Geruch eines Frühlingstages, am Sonnenlicht, das beim Fensterputzen durch die Scheiben fällt oder an der Art, wie Fatamehs Tante ihr die Haare kämmt.

Die Stumme

Einem Menschen widmet Fatameh vergleichsweise ausführliche, von großer Liebe und Bewunderung zeugende Beschreibungen: Eben jener Tante, die im gesamten Roman nur zweimal als solche bezeichnet und ansonsten "die Stumme" genannt wird. Sie ist die Schwester des Vaters, die mit dessen Familie zusammenlebt und seit einem grauenvollen Kindheitstrauma kein Wort mehr gesprochen hat. Einerseits extrem psychisch versehrt und oft bodenlos schwermütig bis zur Grenze des Wahnsinns, ist ihr Schweigen andererseits Ausdruck einer unbeugsamen Rebellion und radikalen Verweigerung. Sie trägt kein Kopftuch, sondern lange, schwarze Zöpfe, raucht "wie ein Pokerspieler", schminkt sich und schneidert Kleidungsstücke in bunten Farben, durch die sich auch der Rest ihrer Familie von den anderen im Viertel Ansässigen abhebt. Vor ihrem Verstummen war sie eine sehr gute Schülerin, wie auch ihre Nichte. Diese fühlt sich ihr ohne Worte unauflöslich verbunden. Das Schicksal der Stummen, das auf Umwegen auch Fatamehs Schicksal besiegelt, ist in diesem Roman gleichzeitig eine Tour der Enthüllung und der Gewalt gegen (eigenständig denkende und handelnde) Frauen, in deren Verlauf sich die totalitäre Repression durch die Religionsdiktatur samt ihrer verheerenden Auswirkungen auf die Gesellschaft und die intimsten Lebensbereiche der Einzelnen in ihrer ganzen Perversion und Doppelmoral offenbart.

Islamistische Frauenpolitik

Am Vorgehen der Stummen und seinen Folgen stellt Djavann als Grundprinzip islamistischer Frauenpolitik heraus: Alle Arten von Zwang sind erlaubt und werden gefördert - Zwangsverheiratung, Vergewaltigung in der Ehe, Entmündigung von Frauen und so fort - freie Entscheidung und Eigenverantwortlichkeit werden dagegen mit allen Mitteln bekämpft und auf das Schärfste bestraft. Trotz demonstrativer Verdichtung, die manchmal Gefahr läuft, bei den LeserInnen Überforderung hervorzurufen, ist die Darstellung sehr differenziert. Darin äußert sich, neben der Kunst der Autorin, eine Humanität und ein Einfühlungsvermögen, die bei jeder Romanhandlung oder -figur entscheidend sind: Auch Fatamehs Vater, den seine Tochter voller Mitleid als hilflos beschreibt, wird zum Opfer und steht unter Zwang, er bittet sein Kind als gebrochener Mann um Verzeihung. Fatameh hätte an seiner Stelle genauso handeln müssen, schreibt sie trotz ihrer fatalen Lage. Vater und Onkel sind verhältnismäßig liberal eingestellt, wogegen die Mutter und die böswillig tratschenden Nachbarinnen mit "ohrenbetäubendem Lärm" über andere Frauen herziehen - und das Wesen der Stummen nicht ertragen können. Die Bigotterie, Dummheit und Dünkelhaftigkeit der Mutter Fatamehs sind es, die den Niedergang ihrer Familie einleiten und sie ins zerstörerische Visier der religiösen Autorität rückt. Diese wird im Roman umgekehrt ins Visier der politischen Essayistin und Aktivistin Djavann genommen, das sich als lakonischer Scharfblick von außerordentlicher Präzision herausstellt: Unter dem islamistisch-diktatorischen Regime des Iran kann "gegen die Rache eines Mullahs, (…), die Rache eines Heuchlers, der in seiner Ehre und seiner frömmelnden Selbstliebe gekränkt war, (…) selbst der allmächtige Gott nichts ausrichten", so die todgweihte Fatameh.

AVIVA-Tipp: Ein heftiges und erschütterndes Buch über die Lebenssituation und das tragische Schicksal von zwei außergewöhnlichen iranischen Frauen und ihrer Familie, die zum Opfer nicht nur des islamistischen Regimes, sondern einer tief in die Gesellschaft eingedrungenen Indoktrination und Ideologie werden. Deren widersinnige Zerstörungsmacht analysiert Chahdortt Djavann mit Scharfsinn und Einfühlungsvermögen hochverdichtet und dennoch vielschichtig, sodass der Roman die Gefahr umschifft, zum vorübergehenden Schocker zu werden, und sowohl die Problematik als auch die LeserInnen drastisch zu treffen und zu berühren vermag.

Zur Autorin: Chahdortt Djavann, 1967 im Iran geboren, verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Teheran. Djavann war zwölf Jahre alt, als Khomeini 1979 im Iran die Macht ergriff, Terror und Gewalt in ihr Leben drangen und ihr Vater im Zuge der Islamischen Revolution verhaftet wurde. 1993 gelang es ihr, über Istanbul nach Frankreich zu fliehen, wo sie Sozialwissenschaften studierte. Chahdortt Djavann ist Autorin mehrerer Sachbücher und Essays über die Gefahren des Islamismus. Nicht nur ihre schriftstellerischen Werke, die in Frankreich auf der Bestsellerliste landeten, sondern auch ihre aktive Beteiligung an der Kopftuchdebatte etablierte sie über Frankreichs Grenzen hinaus zur anerkannten und vielzitierten Islam-Expertin. Chahdortt Djavann lebt heute in Paris.

Chahdortt Djavann
Die Stumme

La muette
Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer-Semlinger
Goldmann Verlag, erschienen 08. Juni 2010
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 112 Seiten
ISBN: 978-3-442-31231-3
14,95 Euro

Weitere Informationen finden Sie unter:

www.randomhouse.de/goldmann

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