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20.10.2017

Lichtigs herrliche Postkarten - eine Judaica Edition. Herausgegeben von Nea Weissberg, Lichtig Verlag
Sharon Adler

Im E-Mail-Zeitalter rufen Briefe oder Lebenszeichen mittels Postkarten Erinnerungen an geliebte Menschen und auch an die Vergangenheit hervor. Ganz besonders dann, wenn es sich um traditionelle ...



... Bildmotive oder Symbole handelt.

Nea Weissberg ist fasziniert vom Interieur und von der Kunst der 1900er und 20er und 30er Jahre. Für sie stehen Bilder und Judaica-Kultgegenstände für eine vergangene Zeit, eine verlorene Welt, ihr ist bewusst, dass Exlibris aus jener Zeit Geschichten erzählen und, sofern bekannt, auch die der Besitzerinnen, deren Leben, Schicksal und Umfeld widerspiegeln. Ihr ist es ein besonderes Anliegen, diese verlorenen Lebenswelten abzubilden und in Umlauf zu bringen.

Wenn nachfolgende Generationen an jüdisches Leben anknüpfen, sind sie oft auf der Suche nach traditionellen Bildmotiven, Symbolen und rituellen Kultgegenständen.
In den nun im Lichtig Verlag erschienenen 12 Kunstpostkarten spiegelt sich jüdische Tradition atmosphärisch wider. Diese gesammelten Ritualobjekte sind aufgrund ihres Gebrauchswertes Erinnerungsträger, die gelebten jüdischen Alltag abbilden.

Im Zuge ihrer Recherche machte die Herausgeberin bewegende Entdeckungen, so auch in einem Kidduschbecher, der nach dem Holocaust in einem Berliner Schrebergarten aufgefunden wurde und den ein Freund im Jahr 2010 erwarb. Als sie nach Anzeichen eines einstigen Innenlebens des Kidduschbechers suchte, stieß sie auf diese Geschichte: "Der Vater meiner guten Freundin, ein Berliner Jude aus Charlottenburg, geboren 1900, überlebte im Versteck. Eine Frau aus dem Charlottenburger Arbeiterkiez mit typisch Berliner Schnauze, die insgeheim, innerhalb der ihr zur Verfügung stehenden Nische gegen die Nazis auftrat, versteckte den Mann in Charlottenburger Schrebergärten, in der Zeit zwischen 1943 bis 1945. Der Vater meiner Freundin war ein säkular lebender deutscher Jude, sozialistisch geprägt. Nach dem Holocaust wandte er sich der jüdischen Religion zu und erzog seine Tochter ganz im Sinne der Gebräuche, Riten, Gesänge und Regeln. Doch aufgrund seiner Verfolgungsgeschichte wollte er nicht, dass seine Tochter ein Gemeindemitglied wird, damit sie niemals erkannt, stigmatisiert und aussortiert werden könne. 2010 erwarb bei einer Kunstauktion ein Freund den hier vorliegenden Kidduschbecher und schenkte ihn meiner guten Freundin, die darüber gerührt war. Jene tapfere, mutige und aufrechte Deutsche, die dem Vater beim Überleben geholfen hatte, wurde nach dem Krieg zunächst die Zugehfrau der Familie und dann die Kinderfrau und wurde von der Familie wertgeschätzt.

Das hier beschriebene Motiv findet sich im Kartenmotiv "Kidduschbecher".

In einem Trödelladen an der Ostsee entdeckte Nea Weissberg schließlich einen silberfarbenen Teller, hergestellt im 19. Jahrhundert, der als Postkartenmotiv "Sederteller" abgebildet wurde. Nach der Reichspogromnacht war der Teller besitz- und heimatlos, die Familie, die ihn einmal besessen hatte, um ihn zu Pessach auf den geschmückten Tisch zu stellen, unauffindbar.

Nea Weissberg erzählt auch diese Geschichte: "1989 kam ich an einem Trödelladen in Lübeck vorbei, ich ging hinein, mein Blick wurde von einem Teller angezogen, dessen Silber stark angelaufen war und zum Teil pechschwarze Stellen aufwies. Ich versuchte die eingravierten hebräischen Schriftzeichen zu entziffern, blickte versonnen auf zwei Löwen, die drei hebräische Lettern hielten.
Etwas erinnerte mich an meine Kindheit. Der Teller wird viel zu teuer sein, dachte ich bei mir. Ich nahm die rechteckige Schale in die Hand, mein Herz pochte, ich fragte den Trödelhändler, was das für ein Gegenstand sei, woher er stamme. Gedankenverloren sagte dieser nebenbei: ´Ach! Das ist ein Osterteller, der irgendwann mal in einer Kirche, die ausbrannte, gefunden wurde.´ Rußgestank umwehte meine Nase, ich hob vielsagend die Augenbraue und wie aufs Stichwort kamen Bilderfetzen auf: 1938 vielleicht? Und das Ganze dann in einer Synagoge...
Ich wolle den Teller haben, fragte en passant nach dem Preis. ´Nun ja, Sie werden ihn gut putzen müssen, 20 DM möchte ich wohl haben´, sagte er grinsend. Ich hatte die Schale bereits fest in der Hand, kaufte sie geschwind, denn ich erkannte in ihr einen Sederteller und wollte sie meinem Freund zum Geburtstag schenken. Einen Nachmittag lang putzte ich sie inbrünstig, heraus kam ein glänzend silberner Teller, ich blickte versonnen auf die Buchstaben, als ob sie von selbst zu sprechen anfingen, klingelte plötzlich in meinem Ohr die Melodie des "Ma nischtana".


Auf dem Sederteller (der für den Ablauf der Feierlichkeiten und des Rituals steht) sind die benötigten symbolischen Beilagen wie Maror (Bitterkraut) und Charosset in hebräischen Lettern eingraviert. Charosset steht für Zement, es erinnert an den Lehmziegel, mit denen die Israeliten im Frondienst für die ägyptischen Herrscher Bauten erbauen mussten. Der Lehmziegel, farblich dargestellt aus einer Mischung aus klein gehackten Mandeln, Rosinen, Äpfeln, einer Prise Zucker und Zimt sowie ein paar Tropfen Wein, gehört bis heute zu den rituellen Speisen, "von denen ich gerne einen Löffel voll nasche, so Nea Weissberg weiter.

Die Postkartenmotive, die abgedruckten Bilder und Kultgegenstände hat die Herausgeberin von "Schabat ha-Malka. Königin der Jontefftage", Nejusch: Das Glück hat mich umarmt" und Nejusch - Die Hand der Miriam bei Bekannten und FreundInnen in Deutschland, Polen, Frankreich und Israel entdeckt. Für sie rufen sie die Erinnerung an die Vergangenheit, an die Zeit davor, hervor: "Die Katastrophen können im Nachhinein nicht ungeschehen gemacht werden. Die abgebildeten Judaica-Objekte sind Versuch und Versuchung, sind Sehnsucht nach einer Welt davor, für mich spiegeln sie jüdische Kunst und Tradition atmosphärisch wieder, die Gebrauchsgegenstände sprechen zu mir, wenn ich sie still betrachte."

So auch das auf einer Karte abgebildete Barchesdeckchen aus dem 19. Jahrhundert: "darunter rieche ich den Duft der mit Mohn bestreuten Hefezöpfe, lauere auf das erste Stückchen, das nach dem Kiddusch abgebrochen wird, der Barches schmeckt so süß wie Kuchen."

Die beiden Schabbatleuchter lässt Nea Weissberg an ihre Mutter und an ihre Kindheit denken. In ihrer Phantasie hört sie sie den Segenspruch sprechen, "als ob ihre Worte in mein Ohr geflüstert werden: Gelobt seiest du Ewiger..., ich sehe ihren Kopf bedeckt mit einem Tuch, sie führt ihre Hände dreimal um die Kerzen herum, legt sie vor das Gesicht, bedeckt die Augen und segnet sie, dabei murmelt sie eigene Herzenswünsche, seufzt dabei wehmütig, scheint in die Welt inmitten des Holocaust gerückt, vergisst uns Kinder, Sehnsucht kommt auf, wahrgenommen zu werden und einbezogen..., vergeblich. Ich schließe die Augen, halte den Atem an und empfinde eine allumfassende Zuneigung."

Nea Weissberg, Herausgeberin des Lichtig Verlags in Berlin zu ihrer Motivation, diese Postkarten-Edition zu produzieren:

"´Lichtigs Herrliche Postkarten - eine Judaica Edition´" verbinden mich innerlich mit der jüdischen Tradition. Denn ich gehöre zu denen, die nicht mehr religiös leben und die nur noch an den höchsten Feiertagen, an Jom Kippur und an Rosh ha Schana und Pessach in die Synagoge gehen.

© Lichtig Verlag, Fotos (Nr. 1-11) und Layout: Veronika Urban
Sharon Adler, AVIVA-Berlin (Foto Nr. 12)


AVIVA-Tipp: Diese liebevoll und hochwertig angefertigte Sammlung von Postkarten – "Judaica Edition "Lichtigs herrliche Postkarten" - verdient es, in die ganze Welt verschickt zu werden, um so Zeichen zu setzen gegen das Vergessen.

Lichtigs herrliche Postkarten - eine Judaica Edition
Nea Weissberg, Herausgeberin
Lichtig Verlag, Berlin 2011
ISBN 3-929905-26-4
14,90 + Versand (1 Euro bei Direktbestellung beim Verlag)
www.lichtig-verlag.de
Fotos (Nr. 1-11) und Layout: Veronika Urban, www.olive-ps.biz
Sharon Adler, AVIVA-Berlin und Pixelmeer, www.pixelmeer.de (Foto Nr. 12)
Vignetten: Anna Adam, www.anna-adam.de

Bildbeschreibung, Vorderseite: "Hand der Miriam", Spiegel in Form einer Schutzhand im breiten Messingrahmen mit stilisierten Ranken. Um 1900, Privatbesitz, 20 x 26,5 cm. Die Schutzhand - als magische Abwehr- erinnert an Miriam, an die ältere Schwester von Mose und Aaron. Gemäß der jüdischen Tradition symbolisieren die fünf Finger die fünf Bücher der Thora.
Die segenspendende Hand soll vor dem bösen Blick und vor Missgunst schützen. Sie symbolisiert Mut und Glück.

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