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21.10.2017

Interview mit Lorraine Lévy
Karin Effing, Sharon Adler

Die Regisseurin des Films "La premiére fois que jai eu 20 ans", beruhend auf dem autobiographischen Roman von Susie Morgenstern, spricht über die Dreharbeiten,...



...was es bedeutet, im heutigen Frankreich Jüdin zu sein und über den Gerhard-Klein-Publikumspreis anlässlich des 12. Jewish Film Festivals in Berlin.


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Französisches Filmplakat von "La premiére fois que j’ai eu 20 ans", sowie Plakatmotiv des 12. Jewish Film Festivals Berlin
AVIVA-Berlin: Lorraine Lévy, zuerst einmal wollen wir Ihnen zum Gerhard-Klein-Publikumspreis auf dem 12. Jewish Film Festival gratulieren. Wir und das Publikum waren von Ihrem Film sehr begeistert.
Lorraine Lévy: Vielen Dank! Ich bin dem Publikum in Berlin sehr dankbar dafür. Vor allem wenn man bedenkt, dass der Film in Deutschland immer noch keinen Verleih gefunden hat...

AVIVA-Berlin: Was bedeutet die Wahl des Publikums für Sie persönlich?
Lorraine Lévy: Es ist ein großartiges Gefühl! Ein Preis, der vom Publikum verliehen wird, erscheint mir immer wichtiger und aussagekräftiger als ein Preis, der von einer professionellen Jury vergeben wird.

AVIVA-Berlin: Wie waren die Reaktionen auf Ihren Film in Frankreich?
Lorraine Lévy: Wir haben Glück gehabt, da der Film vom Publikum und der Kritik gut aufgenommen wurde.

AVIVA-Berlin: Der Film beruht auf der Autobiographie von Susie Morgenstern. Wann haben Sie das Buch zum ersten Mal gelesen? Und wann haben Sie sich entschieden, daraus einen Film zu machen?
Lorraine Lévy: Ich habe das Buch von Susie Morgenstern zufällig entdeckt, bei einem Buchhändler am Seine-Ufer. Ich habe mich sofort darin verliebt. Es beinhaltet alle Themen, die mir wichtig sind: die Schwierigkeit, seinen Platz im Leben zu finden, ein Plädoyer für die Differenz, die Liebe zum Jazz und den Sinn für Humor, der eine genauso scharfe Waffe ist wie die Intelligenz. Ich hatte Lust, es zum Ausgangspunkt meines ersten Films zu machen. Bloß zum Ausgangspunkt, denn ich wollte die Geschichte noch woanders hinbringen, eine Dramaturgie entwickeln, näher an mir, andere Figuren wie den Onkel Jérémy oder die Nachbarin Sahra.
Susie hat mir ihre Erlaubnis gegeben und mir alle Freiheit gelassen.

AVIVA-Berlin: Der Film hat eine auffallend gute Besetzung. Die wunderbare Marilou Berry in der Hauptrolle der Hannah Goldmann. Aber auch Catherine Jacob in der Rolle von Hannahs Mutter hat uns sehr beeindruckt.
Lorraine Lévy: Ich habe während des Drehbuchschreibens an Catherine Jacob gedacht. Sie ist eine fabelhafte Schauspielerin, die es versteht, Gefühle mit Finesse und Subtilität auszudrücken. Ich habe ihr das Buch geschickt noch bevor ich mich nach einem Produzenten umgesehen habe. Dadurch, dass sie mir ihre Zusage gegeben hat, hat sie mich ermutigt, weiter zu gehen.
Marilou Berry kannte ich nicht. Sie hat vorher noch in keinem Film gespielt. Die Rolle der Hannah Goldmann war schwierig zu besetzen. Denn die jungen Mädchen, die Theaterkurse besuchen sind eher zierlich und auf ihr Äußeres bedacht. Und Hannah ist da eben ganz anders. Ich habe viele junge Schauspielerinnen getroffen. Hier durfte mir auf keinen Fall ein Fehler unterlaufen, da der gesamte Film aus Hannahs Perspektive geschrieben und gefilmt ist. Als ich Marilou kennen gelernt habe, wusste ich sofort, das ist sie. Marilou war schüchtern, es war ihr erstes Casting, aber sie hatte ein unmittelbares Verständnis für die Figur. Und bereits ein unglaubliches Talent.

AVIVA-Berlin: Haben Sie Susie Morgenstern einmal kennen gelernt?
Lorraine Lévy: Selbstverständlich. Ich habe sie zunächst einmal getroffen, um ihr von meinem Projekt zu erzählen. Schließlich ist Susie eines Nachmittags bei den Dreharbeiten vorbeigekommen. Sie ist eine Frau, die ihren Büchern ähnlich ist, großzügig, menschlich und extravagant.

AVIVA-Berlin: Wie ist es heutzutage in Frankreich, als Jüdin zu leben?
Lorraine Lévy: Ehrlich gesagt, ich fühle mich gut. Aber ich kann Ihnen eines sagen, in Frankreich ist es gegenwärtig leichter Jude zu sein, als Araber.

AVIVA-Berlin: Der Film beschreibt unter anderen die antisemitische und frauenfeindliche Haltung im Frankreich der 60er Jahre. Wie sehen Sie die Situation heute, insbesondere nach dem grausamen Mord an Ilan Halimi?
Lorraine Lévy: Der Mord an Halimi ist ein Alptraum. Er hat das Opfer aufgrund seines Jüdisch-Seins ausgewählt, denn "Juden haben Geld"! Das ist Antisemitismus in der primärsten Form. Alle in Frankreich haben mit Empörung und Wut reagiert: die Regierung, die Intellektuellen, die Presse, alle, ob jüdisch oder nichtjüdisch. Es gab ebenso zahlreiche Demonstrationen als Zeichen der Unterst�tzung und Solidarität gegenüber der Familie Halimi.
Der Rassismus und der Antisemitismus werden nie aufhören. In Frankreich wie an jedem anderen Ort. Man muss wachsam bleiben.

AVIVA-Berlin: Welche Rolle spielt ihr Jüdischsein in Ihrem Leben?
Lorraine Lévy: Ich bin keine praktizierende Jüdin. Aber ich habe einen ausgeprägten Sinn für meine jüdische Identität. Das ist eine Kraft, die mich trägt. Eine Pflicht zur Erinnerung und ein Anspruch.

AVIVA-Berlin: Bitte erzählen Sie uns etwas zu Ihren nächsten Projekten.
Lorraine Lévy: Ich habe das Drehbuch zu meinem nächsten Film beendet. Und ich hoffe im nächsten Sommer drehen zu können. Es ist eine Geschichte, die zwischen Paris und dem Süden Englands spielt. Er wird ganz anders sein als der erste Film, obwohl die Familie auch dort eine große Rolle spielt.

Übersetzung aus dem Französischen: Kathrin Hensen und Karin Effing