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12.12.2017

Ungehorsam. Der Debutroman von Naomi Alderman
Sarah Ross

Die Wahl-New Yorkerin Ronit kehrt nach dem Tod ihres Vaters in die Londoner, orthodoxe jüdische Gemeinde ihrer Kindheit zurück. Dort trifft sie ihre Jugendliebe Esti wieder.



Naomi Alderman hat mit ihrem Roman "Ungehorsam" ein großartiges Debut hingelegt. Mit viel Verstand, Witz und Esprit lässt die Autorin die Lebensart des weltoffenen New York mit der Abgeschiedenheit des orthodoxen Judentums, sowie die bewegte Vergangenheit und die verwirrende Gegenwart zweier Frauen aufeinander prallen. Alderman erzählt die Geschichte der erfolgreichen, New Yorker Investmentbankerin Ronit, die nach dem Tod ihres Vaters, dem großen Rabbi Krushka, wieder in ihre Heimat zurückkehrt. Ronit weiß, dass sie dort auf die bedingungslose Enge der orthodoxen jüdischen Gemeinde Hendon im Nordwesten Londons treffen wird, der sie vor einigen Jahren entflohen ist. Was sie jedoch nicht weiß, ist, dass sie auch ihrer Jugendliebe Esti wieder begegnen wird. Unweigerlich sehen beide Frauen sich mit den Entscheidungen ihrer Vergangenheit konfrontiert: Als es um die grundlegende Frage ging, ob man sich mit einem Leben in Isolation und in einer Welt, in der für Auflehnung gegen die Norm kein Platz ist, arrangieren kann, haben die Freundinnen völlig unterschiedliche Wege beschritten.

Die Rebellin Ronit entschied sich gegen ihre "Superwahnsinnsspitzenreligion" und für ein Leben als, in jeder Hinsicht, unabhängige Karrierefrau in Manhattan. Bis zu dem Tag, an dem sie die Nachricht vom Tode ihres Vaters erhielt, hatte Ronit allenfalls während einer Sitzung bei Dr. Feingold hin und wieder einen Gedanken an ihr ehemaliges Dasein als orthodoxe Jüdin, ihre Freundin Esti und Cousin Dovid, mit denen sie die Kindheit verbrachte, zugelassen. Doch nun ist sie gezwungen, zur Trauerfeier an den erinnerungsschwangeren Ort und zu den Menschen zurückzukehren, über die sie ohne einen deutlich sarkastischen Unterton in ihrer Stimme nicht im Stande ist zu sprechen: "Für ein Weilchen nach London fliegen, ein bisschen Familiennippes einsammeln, meinen Cousin Dovid und seine Frau besuchen, und wieder ab nach Hause". Doch dies soll einfacher gesagt als getan sein, da nicht nur das "unausweichliche, unüberwindliche, unlösbare Problem" mit ihrer Shtetel-inkompatiblen Garderobe Ronits Weltordnung durcheinander bringen soll.

Kaum ist Ronit mit einer großen Auswahl an hochgeschlitzten Röcken und ihrem unbändigen Drang zu provozieren bei Dovid in Hendon angekommen, ist sie auch schon wieder versucht zu flüchten. Nie hätte sie erwartet, dass Esti, ihre erste große Liebe, Dovids Frau geworden ist. Nachdem sie in die USA gegangen war, hatte Esti Ronits Cousin geheiratet – den möglichen Nachfolger von Rabbi Krushka. Ronit, Esti und Dovid sind fortan im Strudel der Erinnerungen und in den gegenwärtigen Herausforderungen gefangen: Während Dovid glaubt, der Aufgabe als Gemeinderabbiner nicht gewachsen zu sein, hat Esti nie aufgehört, Ronit zu lieben während diese sich eingestehen muss, dass sie zwar ihr Judentum, nicht aber ihre jüdische Identität abgestreift hat.

Alderman betrachtet die undurchdringliche Welt der Orthodoxie sowohl aus der Sicht des Insiders als auch aus der des Outsiders. So beginnt jedes Kapitel mit einem religiösen Kommentar und der Beschreibung des Geschehens in der jüdischen Gemeinde Hendon seit dem Tod des großen Rav Krushka. Dies wird im darauf folgenden von der Protagonistin Ronit kommentiert, die mit der traditionellen Glaubenswelt ihrer Familie hadert. Diesen Kampf zwischen Konformität und Individualität setzt die Autorin nicht nur in der Verwendung zweier unterschiedlicher Druckbilder und Sprachstile um, sondern auch in einer sehr gelungenen und verfeinerten Skizzierung der Charaktere. Dass die Autorin sowohl mit einer guten Portion Humor, Ironie und Gelassenheit als auch mit viel Sach- und Menschenverstand an dieses Thema herantreten kann, mag nicht zuletzt daran liegen, dass sie selbst in der orthodoxen Gemeinde Hendon aufgewachsen ist und auch heute dort wieder lebt.

AVIVA-Tipp:
Naomi Alderman erzählt in ihrem Debutroman "Ungehorsam" die Geschichte zweier Frauen, die einmal miteinander die Liebe entdeckten, dann aber völlig verschiedene Lebenswege wählten. Während Ronit dem orthodoxen Judentum den Rücken kehrte, entschied sich Esti für das streng geregelte Leben in ihrer Gemeinde. Aldermans Buch ist eine zeitgemäße Erzählung über die Vereinbarkeit und Vielfältigkeit von Liebe und Glauben in einer Welt voller konträrer Moral- und Sexualvorstellungen, die für Außenstehende nur schwer verständlich ist. Während die Autorin einerseits mit der traditionellen jüdischen Glaubenswelt streng ins Gericht geht, räumt sie auf der anderen Seite einen großzügigen und gerechten Raum für Erklärungen ein. Somit ist "Ungehorsam" nicht nur ein sehr ausgewogener Roman, sondern ohnehin ein brillantes, souveränes und im höchsten Maße unterhaltsames Buch.


Zur Autorin:
Naomi Alderman
ist Absolventin der Oxford University. Sie hat als Lektorin und Spieledesignerin gearbeitet, mehrere Jahre davon in New York. Heute lebt sie in der orthodoxen Gemeinde Hendon im Nordwesten von London, in der sie aufgewachsen ist. Für Ungehorsam, ihren ersten Roman, wurde sie mit dem Orange Award for New Writers ausgezeichnet.


Naomi Alderman
Ungehorsam

Originaltitel: Disobedience
Aus dem Englischen von Christiane Buchner und Miriam Mandelkow
Berlin Verlag, erschienen Februar 2007
Gebunden, 240 Seiten
19,90 Euro