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AVIVA-BERLIN.de im November 2017 - Beitrag vom 04.03.2012

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Elisabeth R. Hager – Kometen
Claire Horst

Um eine Reise geht es in diesem Debütroman, und auch wenn es eine Reise zu sich selber ist, spielen deshalb Orte eine ganz zentrale Rolle. In Marzahn setzt die Handlung ein, und genauso heißt auch...



... der Prolog.

Dass Bubi Bergerer, Ex-Tirolerin und heutige Kreuzbergerin, hier mit schwerem Schädel und neben einem sinnloses Zeug quatschenden Mann aufwacht, ist nur der Gipfelpunkt. Neben Hans wird ihr klar, dass sie keine Ahnung hat, wohin ihr Leben sie gerade treibt. Diese innere Unklarheit wirft sie völlig aus der Bahn: Mühsam schleppt sie sich auf die menschenleere Allee der Kosmonauten, wo sie sich mitten auf die Straße legt: "Bubi war sechsundzwanzig. Ein überalterter Teenager, einfach liegen geblieben nach der Abschlussfeier."

Ihre Freundinnen sind es, die Bubi aus dieser Situation retten und im VW-Bus nach Hause bringen. Elisabeth R. Hager gelingt es in knappen Sätzen, Persönlichkeiten und Beziehungen überzeugend zu beschreiben – die junge Frau aus Südafrika, verliebt in eine Frau und mit ihren konservativen Werten kämpfend, den Partner und alleinerziehenden Vater, der einmal engster Freund war und plötzlich nur noch vertraut, aber nicht mehr begehrenswert erscheint, die MitbewohnerInnen, die einmal ein Zuhause waren, nun aber nur noch einengen und nerven.

Bislang war Kreuzberg Bubis zentraler Fixpunkt, hier hat sie sich bisher zu Hause gefühlt: "Sie wohnten zusammen in der Muskauer Straße in einer Kohleofen-Wohnung im vierten Stock. Sie parkten den Bus am Heinrichplatz und gingen das letzte Stück zu Fuß. Aus dem Elefanten und dem Bateau Ivre drang auch jetzt noch das Geplärr und Gelächter der leftovers vom Vorabend." Doch obwohl Bubi durchzechte Nächte im Tante Horst liebt, will sie plötzlich nur noch weg. Ihr berufliches Dasein zwischen vermeintlicher Freiheit und Selbstausbeutung ist überhaupt nicht mehr attraktiv. Noch einen einzigen Tag Ratgeber über Schwangerschaft und Krebserkrankungen zu schreiben, scheint wie die Hölle auf Erden. Hans, der mit merkwürdigen Drogen handelnde Kerl aus Marzahn, gibt den Ausschlag für ihre Entscheidung.

Vor ihm und vor sich selber ergreift Bubi die Flucht. Ihr Fluchthelfer ist Can, ein LKW-Fahrer, den sie über die Mitfahrzentrale findet. Zurück in die Enge der Berge, zurück zu Mama und Papa, denen sie doch glücklich entkommen war. Im Gespräch mit Can reflektiert Bubi ihre Vergangenheit in verschiedenen Berliner Politgruppen und ihre Frustration darüber, doch immer wieder in der Selbstbeschau zu enden. Dabei unterläuft Hager ironisch gängige Stereotype, wenn eine Tankstellenwartin die Diskussion über politisches Engagement, vermeintliches Gutmenschentum und Resignation unterbricht: "´Fakt ist doch vielmehr´, mischte sich plötzlich die Frau im Overall mit unerwartet seidener Stimme ins Gespräch, ´Altruismus ist eine Erfindung der herrschenden im Sozialbereich tätigen Kaste zur Zementierung ihrer moralischen Überlegenheit. Jede noch so fragwürdige Sozialarbeiterin verklärt ihre Berufslaufbahn doch heutzutage zur Heiligenlegende! (...)´ Wie um ihren Worten Nachdruck zu verleihen klatschte sie dabei den Putzlappen auf das Metallgestänge. Bubi und Can sahen sich erschrocken an."

Mit ähnlicher Ironie geht Hager auch an die Gegenüberstellung von vermeintlich anonymer Großstadt und vertrautem Zuhause heran. "Dahoam" heißt das Kapitel, in dem sie in ihrem Heimatort anlangt, das vorangestellte Motto stammt ausgerechnet von Elfriede Jelinek, einer ausgewiesen kritischen Betrachterin Österreichs: "So scheidet der Boden jene, die fremd, ahnungslos sich ihm nähern, von jenen, die seine Gesetze kennen, den Einheimischen." Idyllisch und trotz aller Vertrautheit fremd ist dieses Tirol, dem Bubi sich nach langer Zeit wieder nähert: "Sie folgte dem Straßenverlauf, vorbei an der Villa des Bürgermeisters und den Einfamilienhäusern, die schön geschminkt und gut verschlossen vor sich hin schwiegen. Sanft rotierten in den eingezäunten Vorgärten die Windräder. In den Nadelbäumen am Straßenrand sangen die Amseln." Hier in den Tiroler Bergen konfrontiert Bubi ihre Mutter mit einer Nachricht, die sie selbst noch nicht richtig verarbeiten kann, erhält im Gegenzug erschreckende Informationen über sich selbst und stellt sich in einer einsamen Berghütte einer großen Entscheidung.

AVIVA-Tipp: In einem wahnwitzigen Tempo und mit großer sprachlicher Treffsicherheit jagt die junge Autorin ihre Protagonistin durch diesen Pop-Roadtrip-Drogen-Coming of Age-Roman. Auf den ersten Blick ein Poproman, verhandelt "Kometen" die großen Fragen des Lebens: Wo will ich hin? Was sind meine Werte? Und wer bin ich überhaupt?, und vermeidet dabei mit Witz und Selbstironie jegliches Moralisieren. Nicht nur für KreuzbergerInnen!

Zur Autorin: Elisabeth R. Hager geb. 1981 in St. Johann in Tirol, lebt in Berlin. Sie ist Regieassistentin in der Hörfunkredaktion des Deutschlandradios, Privatlehrerin, Komparsin, Kalligrafin und Kellnerin. Sie bloggt (www.moeglichkeit-formen.blogspot.com) und veranstaltet vierteljährlich die experimentelle, intermediale Lese-Performance- & Musikreihe AVANTGARDEN OF EDEN! (www.avantgarden-of-eden.blogspot.com). "Kometen" ist ihr erster Roman.

Elisabeth R. Hager
Kometen

Milena Verlag, erschienen im März 2012
ca. 240 Seiten. Hardcover
19,90 Euro
ISBN 978-3-85286-220-0


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