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AVIVA-BERLIN.de im August 2016 - Beitrag vom 07.02.2007

Antje Wagner - Ein Zimmer im Briefumschlag
Silvy Pommerenke

Als Stadtschreiberin von Erfurt setzte sich Antje Wagner von Anfang April bis Ende Juli letzten Jahres mit den Impressionen der th├╝ringischen Landeshauptstadt auseinander. Ob ihre Liebesbriefe...



...das Produkt "eines literarischen Arbeitstagebuches" waren, oder ob sie in der Einsamkeit der Stadtschreiberwohnung ein Gegen├╝ber vermisste, und es sich durch das Verfassen dieser epistulas erschuf, ist eine unbeantwortete Frage. Zumindest erschienen die Ergebnisse in einer Reihe von Kolumnen der "Th├╝ringer Allgemeinen" Samstagsausgaben.

Wagner, deren Droge die Sprache ist, begibt sich mit dem Briefeschreiben aus Erfurt gleichsam auf einen Trip in die Phantasie. Befl├╝gelt von ihren Worten verschlingt man das kleine B├╝chlein. Es sind Wagners S├Ątze voller Weisheit ("Eine Br├╝cke [...] erh├Ąlt ihren Sinn erst mit den Punkten, die sie verbindet."), die man sich lange auf der Zunge zergehen l├Ąsst, so dass die Lekt├╝re noch eine kleine Ewigkeit widerhallt.

Die Briefe werden an einen Namenlosen geschrieben, dessen (oder deren?) Identit├Ąt bis zum Ende nicht offenbart wird. Ob es der Bruder ("Nr. 78") oder die Geliebte ist ("Weil nicht nur das sichtbare real ist") - ob es sich ├╝berhaupt um eine real existierende oder um eine fiktive Person handelt - bleibt offen. (Bezeichnend ist hierbei auch eine der Lieblingslekt├╝ren Wagners: "Die Wand" von Marlen Haushofer, bei der es ebenfalls um Schein & Sein und die Isolation des Einzelnen in der Welt geht.) Wom├Âglich ist der Adressat (die Adressatin?) aber auch das Alter Ego der Autorin. Selbstgespr├Ąche in der Erfurter Abgeschiedenheit? Darauf k├Ânnte auch der Titelumschlag hindeuten, der ein und dieselbe Person gespiegelt darstellt. Das Tagwesen mit enthusiastisch gez├╝cktem Stift, und das Nachtwesen mit Zigarette, Weinglas und desolater Frisur. Wen spricht sie an, wenn sie ├╝ber das "Katzenbuckelpflaster" Erfurts zieht, auf dem sie mit ihren Pumps nicht gehen kann. Wenn sie im Park schwarzgekleidete Jugendliche streift, die "mit zerfetzten Fl├╝geln" dort ihren Tag verbringen, oder wenn sie die Stadt als "Andenken, mitten in der Bewegung erstarrt" betrachtet. Das Geheimnis wird nicht gel├╝ftet...

Zur Autorin: 1974 in Wittenberg geboren, hat Antje Wagner zwar keine Thesen an die Kirchent├╝r genagelt, aber auch sie sucht den Weg des ├Âffentlichen Publizierens. Seit Ende des Studiums der deutschen und amerikanischen Literatur- und Kulturwissenschaften lebt sie als freischaffende Autorin in Potsdam. Ihr Oeuvre umfasst mittlerweile einige Romane ("L├╝ge mich"), Erz├Ąhlungen ("Die G├Ąrten bist du") und eine Art H├Ârbuch ("Mottenlicht - Eine musikalisch-literarische Gratwanderung"). Man wird in Zukunft hoffentlich noch viele ihrer leisen und dennoch eindringlichen T├Âne vernehmen.

AVIVA-Tipp: Antje Wagner ist eine genaue Beobachterin der allt├Ąglichen Begebenheiten. Das Lesen ihrer Briefe ist gleichsam ein Abtauchen in eine Zeit, wo die Kunst des schriftlichen Ausdrucks sich nicht auf e-mails und SMS beschr├Ąnkte. Und wer die Antworten auf die Liebesbriefe vermisst, kann ja selbst zum Stift greifen und die Repliken zu Papier bringen.

Antje Wagner
Ein Zimmer im Briefumschlag. Liebesbriefe aus Erfurt.

Verlag Th├╝ringer Allgemeine, erschienen Herbst 2006
ISBN: 3981081234
6,90 Euro
Softcover - 80 Seiten

Zu beziehen bei der Th├╝ringer Allgemeine.

Buecher Beitrag vom 07.02.2007 AVIVA-Redaktion 

   




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