Hannah Arendt: Die verborgene Tradition - Aviva-Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
Aviva-Berlin .
.
P
R
.
.

Aviva-Berlin > Buecher AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   J√ľdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Chanukka 5778




Gleichstellung weiter denken. Ein Leitbild f√ľr das Land Berlin

Gleichstellung weiter denken
Mehr Infos unter:
www.gleichstellung-weiter-
denken.de



Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 28.01.2002

Hannah Arendt: Die verborgene Tradition
Gastautorin

Eine faszinierende philosophische Forschungsreise, die zum Nachdenken auffordert



Wer das Leben und die eigene menschliche Existenz f√ľr eine ganz einfache Sache h√§lt, braucht dieses Buch nicht und sollte besser die Finger davon lassen. Hannah Arendt st√∂rt und verst√∂rt ihre Leserschaft. Brillant und konsequent betreibt sie Aufkl√§rung in der Tradition Kants, der wie sie in K√∂nigsberg lebte.
Mit Nachdruck fordert sie zum Denken auf. Ihr Problem ist das, was ihr weh tut. Aber ihre √úberzeugung ist immer, dass dieser ultimative Schmerz - die H√∂lle auf Erden durch die Schrecken der Nazis - nicht selbstverst√§ndlich ist. Die hier vorliegende Sammlung von Essays aus den 40er Jahren sucht nach Antworten, wie der Terror und das √úberleben m√∂glich war. An Beispielen aus Kunst, Literatur oder Film zeigt Arendt die Identifikationsfiguren der Unterdr√ľckten.

Schlemihl - Chaplin - Superman
Die verborgene Tradition - das ist die verdr√§ngte Geschichte der gesellschaftlich Stigmatisierten, der Juden - als Volk wie als einzelne Menschen. Arendt sieht keineswegs einen Prozess langsamer Emanzipation der Unterdr√ľckten. Im Gegenteil: Sie geht aus von Heinrich Heines Konzept des "Schlemihl und Traumweltherrschers", voller Sympathie mit der "g√∂ttlichen Frechheit" des gro√üen D√ľsseldorfers und selbstbewu√üten Juden, der seiner Heimatstadt bezeichnenderweise noch immer peinlich ist. "Unschuld ist das Kennzeichen des Stammbaums derer von Schlemihl". Heine hat noch G√∂tter, man kann es greifen, wie sehns√ľchtig-hoffnungslos Hannah Arendt ihn um diese M√∂glichkeit beneidet.

Aber sie gibt sich auch in diesem Punkt keinen Illusionen hin. Stattdessen sp√ľrt sie den verbliebenen M√∂glichkeiten der Paria-K√ľnstler nach, eine f√ľr sie und ihr Schicksal repr√§sentative Gro√üfigur zu schaffen, und findet etwa die Figur des Tramp, wie er von Chaplin einzigartig verk√∂rpert wird, der gro√üen Identifikationsfigur der Massen seiner Zeit. Denn er ist die Figur des "kleinen, erfindungsreichen, verlassenen Juden, der aller Welt suspekt ist" und zugleich unendlich sympathisch. In die Zeit nach Auschwitz reicht seine Integrationskraft nicht mehr hinein:
"Nicht Chaplin, sondern der Superman wurde nun der Liebling des Volkes."

Kafkas K.
Schlemihl hat seine G√∂tter, der Tramp die List und die Subversion. Franz Kafka aber, dem Arendts gr√∂√üte Aufmerksamkeit gilt, hat diese M√∂glichkeiten nicht. Sein K., geht weit hinaus √ľber die alte Ordnung von Paria und Gesellschaft: als einer, "der angeklagt ist, ohne zu wissen, was er getan hat, dem ein Prozess gemacht wird, ohne dass er herausfinden kann, nach welchen Gesetzen der Prozess und das Urteil gehandhabt werden, und der schlie√ülich hingerichtet wird, ohne je erfahren zu haben, worum es sich eigentlich handelt". Der Joseph K. betrifft dann n√§mlich tats√§chlich alle, jede und jeden ohne Ausnahme. Die soziale Seuche Antisemitismus ist wie alle Seuchen prinzipiell wahllos.

Ohnmacht und Handlungsfähigkeit
Dieses Buch, wie Hannah Arendts Denken √ľberhaupt, ist eine faszinierende philosophische Forschungsreise. Ihr Ziel: Spielr√§ume zu entdecken f√ľr eigenes Denken und Handeln in einer Welt, die den Menschen diese Spielr√§ume raubt und unterschl√§gt, die sie zur Apathie verdammt.

Arendt diagnostiziert, dass eine Gesellschaft, die Parias produziert, im Prinzip keinen von der Ausgrenzung verschont. F√ľhlt euch alle mal nicht zu sicher, sagt sie - und entl√§sst in der Tat niemand aus der Verantwortung f√ľr solche Zust√§nde. Ihr Zorn "gilt nicht nur den Tyrannen, sondern auch und gerade dem Volk, das den Tyrannen ertr√§gt".

Sie wei√ü, wovon sie spricht. Nichts davon ist im Laufe der Jahre irrelevant geworden, im Gegenteil. Ihr √ľberm√§chtiger Feind, die institutionalisierte Unmenschlichkeit, ist keineswegs besiegt. Was sie ihm aber immer wieder entgegensetzt, ist die F√§higkeit zum Nachdenken. Daraus folgt ihr der Entschluss zur Handlung mit aller Energie. Unverzichtbar daf√ľr ist aber die F√§higkeit zum B√ľndnis.

Und damit gibt sie den Menschen nach Auschwitz etwas Kraft und Mut: mit der Erkenntnis, "dass es eben doch verhältnismäßig viele Noahs gibt, die auf den Weltmeeren herumschwimmen und versuchen, ihre Archen so nah wie möglich aneinander heranzusteuern."



J√ľdischer Verlag, Ffm. 2000

200710717075"

Buecher Beitrag vom 28.01.2002 AVIVA-Redaktion 

   




   © AVIVA-Berlin 2017  
zum Seitenanfang suche sitemap impressum home Seite weiterempfehlenSeite drucken