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AVIVA-BERLIN.de im September 2017 - Beitrag vom 21.09.2011

Danielle De Picciotto - The Beauty of Transgression. A Berlin Memoir
Lisa Scheibner

Berlin 1987. Ein Geheimtipp f├╝r alle, die sich nicht anpassen wollen. Doch schon bald kommen gewaltige Ver├Ąnderungen auf die geteilte Stadt und ihre Kulturszene zu. Ein spannendes St├╝ck ...



... Underground-Geschichte! De Picciotto beschreibt die Wende und ihre Folgen aus der Sicht einer Frau, der sich trotz zahlreicher Hindernisse immer wieder neue M├Âglichkeiten auftun.

Als die amerikanische K├╝nstlerin Danielle De Picciotto nach Westberlin zieht, scheint dort alles m├Âglich zu sein, obwohl die Mittel eher rar sind. Ende der 1980er ist die Berliner Underground-Kulturszene so eigen und aktiv wie in keiner anderen Stadt: Die Not der Abgeschlossenheit macht die K├╝nstlerInnen erfinderisch, De Picciotto ist bald integriert und leidenschaftlich an der Gestaltung legend├Ąrer Events und Orte beteiligt.
In "The Beauty of Transgression. A Berlin Memoir" gibt sie liebevolle Einblicke in ihre Freundschaften mit anderen bekannten K├╝nstlerInnen wie Gudrun Gut, Dr. Motte, Blixa Bargeld, Alexander Hacke, Jim Avignon und vielen anderen und spricht detailreich ├╝ber gute und frustrierende Zusammenarbeiten.

"This book is about remembering some of the secret, magical moments of history, which are not planned or manipulated commercially. They prove that with the decisions we make, each step we take, we forge our world amd demonstrate, once again, the unique importance of the individual."

Mode, Musik und Hedonismus

Dabei entwickelt De Picciotto sich und ihre Interessen st├Ąndig weiter: Zun├Ąchst mit fantasievollem Modedesign und Dekorationen besch├Ąftigt, ist sie sp├Ąter in der Club-Szene aktiv. Geld verdienen und die eigenen Ideen verwirklichen geht gl├╝cklicherweise oft zusammen: Sie arbeitet unter anderem im 90┬░, im E-Werk und im Tresor. Die Szene ist fasziniert von Elektronischer Musik und schwelgt in hedonistischem Vergn├╝gen.
Zusammen mit Dr. Motte organisiert De Picciotto Techno- und Acid-Parties und die erste Love Parade, die sich jedoch von ihren fr├Âhlichen Anf├Ąngen bald entfernt und kommerziell wird, so dass sich die InitiatorInnen davon distanzieren.
Durch einen Zufall beginnt De Picciotto, selber Musik zu machen: Sie singt bei den Space Cowboys und gr├╝ndet ihre eigene Formation Ta-Coma. Ihre gro├če Liebe ist aber immer wieder die bildende Kunst und w├Ąhrend sie als Kuratorin erfolgreich wird -sie organisiert zahlreiche Ausstellungen und Kultur-Events und wird sp├Ąter Alexander Hackes Managerin- versucht sie, ihre eigene k├╝nstlerische Arbeit nicht zu vernachl├Ąssigen.

Der Luxus, Kunst zu machen

Ende der 1990er versucht De Picciotto, zusammen mit Dr. Motte und Anderen, in einem heruntergekommenen Schloss im brandenburgischen Senzke einen dauerhaften Ort f├╝r Kunst und Austausch zu schaffen. Verschiedene K├╝nsterInnen zusammenzubringen ist eines ihrer Talente und gr├Â├čten Freuden. Die schw├Ąrmerische Idee scheitert jedoch an der Ablehnung durch die Dorfgemeinschaft, die sich bis hin zu rechtsextremen Angriffen entwickelt.

In dieser Episode bleibt offen, ob und wie De Picciotto und ihre MitstreiterInnen sich tats├Ąchlich mit der Situation der BewohnerInnen Senzkes auseinandergesetzt haben. Auge in Auge mit politischen Fakten und den gesellschaftlichen Wunden, die die deutsche Geschichte hinterlassen hat, wirken die idealistischen Ans├Ątze der K├╝nstlerInnenschar hier ein wenig naiv.
Welche Art politischer Ideale der Underground gehabt haben k├Ânnte, wird nicht erz├Ąhlt. De Picciotto bleibt bei ihrer pers├Ânlichen Perspektive und glaubt vor allem an individuellen Ausdruck und Freundschaft: "Individuality is vitally important. Human beings need to be able to express themselves to be happy."

Und so suchen De Picciotto und ihre Freundinnen und Freunde sich einen "wonderful space for imaginative fun" nach dem anderen und starten mehrere Initiativen, um auch bei Anderen die Lust am Improvisieren und Sich-Selbst-Verwirklichen zu wecken.
Diese positive Haltung macht einerseits Mut, eigen zu sein und sich st├Ąndig weiter zu entwickeln. Andererseits stellt sich hier die Frage, ob Kunst dar├╝ber hinaus eine Aufgabe haben kann, und welche Arten der Inspiration durch Kultur m├Âglich sind.

De Picciotto erz├Ąhlt ihre Geschichte Berlins zwischen 1987 und 2010 chronologisch, detaillierte Schilderungen ihres k├╝nstlerischen Alltags werden abgel├Âst von k├╝rzeren szenischen Texten, die wichtige pers├Ânliche Momente einfangen. Im Mittelteil des Buches gibt es Fotos dazu.

AVIVA-Tipp: In "The Beauty of Transgression" beschreibt Danielle De Picciotto die Entwicklung Berlins aus der Sicht einer Kulturschaffenden, die die Underground-Szene enthusiastisch mit gestaltet, w├Ąhrend sie sich immer neue Medien aneignet. Aus einer (zur H├Ąlfte) eingeschlossenen Stadt, die ein Mekka f├╝r nicht-kommerzielle Projekte und alternative Lebensweisen ist, wird nach und nach eine trendige Kulturmetropole. De Picciottos zahllose Projekte gelingen oder scheitern, und ihre Geschichte ist beispielhaft daf├╝r, wie die zahllosen Initiativen einzelner Kreativer Berlin gepr├Ągt haben, bis die Stadt selbst zu einer Marke geworden ist.
Die vielen kleinen Portraits von bekannten und schon fast vergessenen K├╝nstlerInnen regen an, sich zu verwirklichen und an die eigene Kreativit├Ąt zu glauben, ohne in monet├Ąrer Anerkennung die gr├Â├čte Best├Ątigung zu sehen. Vor allem aber sind diese Berlin-Memoiren eine Ode an die Freundschaft: Die sch├Ânsten Erfolge gelingen De Picciotto zusammen mit alten und neuen Freundinnen und Freunden.

Zur K├╝nstlerin: Danielle De Picciotto ist bildende K├╝nstlerin, Filmemacherin und Musikerin. Sie hat zusammen mit Dr. Motte die Love Parade gegr├╝ndet und in zahlreichen und wechselnden Formationen mit K├╝nstlerInnen und MusikerInnen wie Gudrun Gut, Blixa Bargeld, Alexander Hacke, Jim Avignon und vielen anderen gearbeitet.
Neben ihrer eigenen Kunst -Malerei, Zeichnungen, Installationen, Musik und verschiedene Filme - kuratiert sie immer wieder Ausstellungen anderer K├╝nstlerInnen.
Seit 2001 macht sie haupts├Ąchlich gemeinsame Projekte mit ihrem Mann, Alexander Hacke, bekannt als Bassist der Einst├╝rzenden Neubauten. Die beiden touren international mit ihren multimedialen Performances, zu zweit oder in Kooperation mit anderen, wie etwa den Tiger Lilies bei "Mountains of Madness," (2005-2008, siehe AVIVA-Interview (2006). Sie spielen live zusammen Musik und De Picciotto zeigt ihre visuelle Kunst. Danielle de Picciotto im Netz: www.danielledepicciotto.com

Danielle De Picciotto
The Beauty of Transgression. A Berlin Memoir

gestalten, erschienen April 2011
shop.gestalten.com
Hardcover, 288 Seiten/16 Seiten farbige Abbildungen
In englischer Sprache
ISBN 978-3-89955-328-4
22 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

The Ship of Fools (2007/2008)

Interview mit Danielle De Picciotto (2006)

Misfit Carnevale (2006)

Kunst oder K├Ânigin (2005)

Buecher Beitrag vom 21.09.2011 AVIVA-Redaktion 

   




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