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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 31.05.2012

Barbara Holland-Cunz - Gefährdete Freiheit. Über Hannah Arendt und Simone de Beauvoir
Laura Wösch

Die beiden Philosophinnen in einem Atemzug zu nennen, irritiert zunächst, weiß mensch doch von ihrem eher distanzierten Verhältnis zueinander. Dennoch begibt sich die Autorin auf die Suche nach ...



... verbindenden Elementen dieser (Nicht-)Beziehung und findet mehr als nur zwei Abbildungen der beiden Denkerinnen, die über Äußerlichkeiten eine Ähnlichkeit konstruieren wollen, nämlich deren Weltbezug.

Barbara Holland-Cunz` Versuch einer Annäherung der wohl prominentesten Theoretikerinnen des 20. Jahrhunderts beginnt zunächst mit einem eher trennenden Kommentar: "Sie kannten sich nicht gut und mochten sich offenbar nicht besonders." Die Abtastung ihrer Freiheitskonzepte nach inhaltlichen Ähnlichkeiten wirkt dennoch niemals konstruiert, sind sie doch die großen Eckpfeiler beider theoretischen Werke. Intersubjektivität und Kommunikation kristallisieren sich für Holland-Cunz schnell als verbindende Schlüsselbegriffe beider Freiheitskonzepte heraus, die durch ihre Abhängigkeit vom Draußen ihre Zuverlässigkeit verlieren.

Angst macht sich breit

Nicht zuletzt der Titel des Buches verrät bereits, dass beide Denkerinnen die Realisierung menschlicher Freiheit mit großer Anstrengung in Verbindung setzen. "... es lag in der Natur der Sache, dass sie erst im Vollzug des Kampfes um die Befreiung das Wesen der Freiheit...entdeckten..." (Hannah Arendt). Für Arendt und Beauvoir hängt das Menschsein also von seiner Strahlkraft nach Außen ab. Transzendenz vollzieht sich nicht im stillen Kämmerlein.

Außen und Innen – Kollektiv und Individuum

Detailliert zeichnet die Autorin Holland-Cunz im Kapitel Freiheitsangst und Weltverlust die Weltbezüge der beiden Philosophinnen nach, die sich aus zwei unterschiedlichen räumlichen Perspektiven, nämlich einer "Hinein in die Welt" (Beauvoir) und einer "Hinaus in die Welt" (Arendt), erklären lassen. Aus beiden Perspektiven gesehen wird klar: Freiheitsangst und Weltverlust drohen immer dort, wo sich ein Schweigen ausbreitet, sei es im Inneren der Person oder im Draußen der Welt . Einem nicht uninteressanten Aspekt schenkt die Autorin Beachtung, wenn sie den Balanceakt zwischen Öffentlichkeit und Privatheit der beiden Denkerinnen selbst untersucht und beispielsweise Hannah Arendt als Schreibtisch-Denkerin skizziert, die sich gerne der Öffentlichkeit entzog. Arendt über Arendt: "aufgrund meines Temperaments und meiner Neigung – also jener angeborenen, psychischen Merkmale."

"Natur der Unfreiheit"

Grund genug, sich der Betrachtung der Naturseite und welche Bedeutung die Theoretikerinnen ihr beimessen, zuzuwenden. Dem oft kritisch betrachteten Naturbegriff bei Arendt begegnet Holland-Cunz in ihren Ausführungen überraschend wohlwollend. Aus ihrer feministischen Sicht, ist die Ablehnung der "weiblichen" Körperlichkeit bei Beauvoir dabei schwerer zu verkraften als Arendts Ignoranz jeglicher biologischer Gegebenheiten des menschlichen Körpers. Holland-Cunz` Verdienst hierbei ist es aber sicherlich, die feministische Bedeutung Simone de Beauvoirs nicht gegen die politische Relevanz von Hannah Arendts Theorien zu setzen.

Existentialismus als "weibliche" Denkform

Klar wird Holland-Cunz` feministische Sichtweise auch, wenn sie den Existentialismus auf mögliche "weibliche Denkformen" abtastet. Kommunikation, Intersubjektivität und Selbst-überwindung werden von ihr als Treibstoff eines durch den Rausch der Freiheit (an)getriebenen Menschens und Merkmale eines "weiblichen" Weltverhältisses beschrieben. Das Ziel: Ruhm, Rausch und Zauber als Lohn menschlicher Selbstüberwindung - eine fast übermenschliche Herausforderung, weswegen das menschliche Weltverhältnis in den meisten Fällen sich eher folgendermaßen definiert: prekär.

AVIVA-Tipp: Barbara Holland-Cunz` Ausführungen sind in den meisten Abschnitten durchwegs differenziert und nachvollziehbar. Ihre genaue Untersuchung des Freiheitsbegriffes bei Hannah Arendt und Simone de Beauvoir zeigt seine äußerst fragile Konstitution. Ihre an manchen Stellen etwas übervorsichtig wirkende Zurückhaltung, die Freiheitskonzepte der Theoretikerinnen auf die (feministische) Waagschale zu legen, wird letztendlich auch der Komplexität der beiden Werke gerecht.

Zur Autorin: Barbara Holland-Cunz, ist Professorin für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Frauenforschung und Leiterin der Arbeitsstelle Gender Studies an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Politische Theorie, Frauenbewegung, Gleichstellungspolitik, Partizipation, neue soziale Bewegungen, Wissenschafts- und Naturtheorie. (Quelle: Gender Politik Online)
Weitere Informationen finden Sie unter:
Gender Politik Online

Barbara Holland-Cunz
Gefährdete Freiheit. Über Hannah Arendt und Simone de Beauvoir

Barbara Budrich Verlag, erschienen März 2012
Taschenbuch, 149 Seiten
ISBN 978-3-86649-457-2
19,90 Euro
www.budrich-verlag.de

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Buecher Beitrag vom 31.05.2012 AVIVA-Redaktion 

   




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