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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2016 - Beitrag vom 20.10.2008

Anne D. Peiter - Komik und Gewalt
Christiane Kr├Ąmer

Die Dissertation "Komik und Gewalt. Zur literarischen Verarbeitung der beiden Weltkriege und der Shoah" der Germanistin durchschreitet ein halbes Jahrhundert Literaturgeschichte



Die Studie untersucht das Wechselspiel von Komik und Gewalt in ausgew├Ąhlter Literatur zwischen 1900 und den 1960iger Jahren. Dabei stellt sich angesichts des Grauens des ersten und zweiten Weltkriegs und der Vernichtung von Millionen von Menschen mit Theodor W. Adorno die Frage, inwiefern ├╝berhaupt eine Textbearbeitung dieser Thematiken m├Âglich sei. Das Wagnis geht die Autorin ein, indem sie Texte w├Ąhlt, "die der Furchtbarkeit von der Realit├Ąt standhalten, d.h. Stand suchen gegen sie"", und somit einen ethischen Anspruch verfolgen.

In den Texten von Karl Kraus, Veza Calderon-Canetti, Elias Canetti und Victor Klemperer spiegelt sich der Erste Weltkrieg, der zunehmende Antisemitismus und Antifeminismus der Zwischenkriegszeit, der Zweite Weltkrieg und die Shoah.
Im Kriegsdrama "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus, welches nach Ende des ersten Weltkriegs ver├Âffentlicht wurde, untersucht Peiter Elemente von Komik und Gewalt. Sie zeigt, wie das Motiv des pervertierten Karnevals in Form eines unkritisch gefeierten Nationalismus bei Kraus den Wahnsinn des T├Âtens und des Krieges offen legen kann.

Peiter stellt sich in den folgenden Kapiteln basierend auf dem Karnevalsbegriff des Literaturwissenschaftlers Michail Bachtin die Frage, inwiefern Komik erkenntnisstiftend wirkt, oder von einem gewaltsamen Gel├Ąchter ersch├╝ttert wird, das sp├Ątestens mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten zum Instrument gesellschaftlicher Unterdr├╝ckung geworden ist. So bietet die Autorin eine Interpretation des Kierkegaard Textes "Die Wiederholung" an, in dem das Lachen nicht als subversiv, sondern als die Diktatur unterst├╝tzend gelesen werden kann.

Wie auch die widerst├Ąndige Literatur dieser Zeit muss die Autorin daher neue Strategien entwickeln und zieht zur Interpretation der politischen Implikation des Gel├Ąchters "der Krausianer" die Kulturtheoretiker Walter Benjamin, Elias Canetti und Soma Morgenstern heran, die sehr unterschiedliche Potenziale oder Gefahren in den Texten Kraus ausmachen.
Ein zweiter Schwerpunkt stellt dann das Werk von Veza Calderon-Canetti dar, die als j├╝dische und behinderte Autorin bereits Anfang der 1930iger Jahren eine sarkastische wie pr├Ązise Analyse der sprachlichen Unterdr├╝ckung und Diskriminierung von Behinderten als nationalsozialistische Vorbereitung des "Euthanasie-Programms" leistet.

Zur Autorin: Anne D. Peiter ist Dozentin an der Universit├ę de la R├ęunion (Frankreich). In der Publikation "M├╝tterliche Macht und v├Ąterliche Autorit├Ąt. Elternbilder im deutschen Diskurs", herausgegeben im Auftrag des Minerva Instituts f├╝r deutsche Geschichte Universit├Ąt Tel Aviv von Jos├ę Brunner, hat Anne D. Peiter den Beitrag "Mutterschaft und Macht im Werk von Veza Calderon-Canetti und Elias Canetti" ver├Âffentlicht.

AVIVA-Tipp: Die Wiederentdeckung Calderon-Canettis Romans "Die gelbe Stra├če" geh├Ârt ebenso zur besonderen Leistung dieser Dissertation, wie das Skizzieren der widerspr├╝chlichen literarischen Geschichte des Lachens im 20. Jahrhundert zwischen Widerstand und Affirmation.
In intertextueller Lekt├╝re stellt Peiter neue Bedeutungshorizonte der vorgestellten Texte her und zeigt schlie├člich anhand dieser, wie Stereotype und kulturelle Massensymbole grausam und wirkungsm├Ąchtig, vor "komischer Verfremdung" aber nicht sicher sein k├Ânnen. Ein umfangreicher und spannender Beitrag zur deutsch-j├╝dischen Kultur- und Literaturgeschichte.

Das wissenschaftliche Weblog zum Thema "Komik und Gewalt" finden Sie unter: komikundgewalt.wordpress.com


Anne D. Peiter
Komik und Gewalt. Zur literarischen Verarbeitung der beiden Weltkriege und der Shoah

Gebunden, 454 Seiten
B├Âhlau Verlag, erschienen 2007
ISBN 978-3412242060
59,90 Euro


Buecher Beitrag vom 20.10.2008 AVIVA-Redaktion 

   




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