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AVIVA-BERLIN.de im Dezember 2017 - Beitrag vom 19.03.2009

Melissa Müller und Monika Tatzkow - Verlorene Bilder, verlorene Leben
Sharon Adler, Claire Horst

Im größten Kunstraub aller Zeiten enteignete das Naziregime etwa 600.000 Kunstwerke aus jüdischem Besitz. Sie wurden gestohlen, beschlagnahmt, eingezogen, zwangsverkauft oder versteigert.



Seit 1945 bemühen sich Geschädigte und ErbInnen meist mit mäßigem Erfolg um die Rückgabe ihrer "verlorenen Bilder", der oft letzten physisch greifbaren Erinnerung an die in der NS-Zeit "verlorenen Leben". Während die Medien häufig nur über die heute zu erzielenden Kaufpreise der Bilder berichten, erzählt dieses Buch von den Menschen hinter den einstigen Sammlungen und gibt tiefe Einblicke in die Problematik der Kunstrestitution.

Dass diese Problematik bis heute nicht gelöst ist, zeigt sich an aktuellen Fällen wie dem Gerichtsstreit um die Plakatsammlung von Hans Sachs. Das Berliner Landgericht hatte entschieden, dass das Deutsche Historische Museum ein Plakat an die ErbInnen zurückgeben muss. Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat jetzt gegen diese Entscheidung Berufung eingelegt – da der verstorbene Sammler auf die Rückgabe verzichtet habe, stünde den ErbInnen die Rückgabe nicht zu.

Die komplexe Diskussion um die Restitution von Raubkunstwerken kann nur verstehen, wer die Hintergründe kennt. Wie es wirklich geschah, wer die Menschen sind, die hinter den Sammlungen standen, davon berichtet das Buch. In "fünfzehn exemplarischen Biografien von Menschen und Bildern" wollen die Herausgeberinnen dem Vergessen entgegenwirken. Sie verstehen den Raub der Kunstwerke als ein Element des Musters, das Adolf Hitler schon in seinem Buch "Mein Kampf" skizziert hatte. Denn Juden und Jüdinnen wurden schon früh systematisch aus dem kulturellen und wirtschaftlichen Leben verdrängt. Anfangs versuchten einige noch, Kunstwerke ins Ausland mitzunehmen. Doch die Politik der Nationalsozialisten kalkulierte auch das mit ein. So diente die "Reichsfluchtsteuer" ab Mitte der dreißiger Jahre dazu, den EmigrantInnen ihren letzten Besitz zu nehmen.

Die Autorinnen zeichnen die Geschichte des Kunstraubs in Deutschland und Österreich anhand einiger beispielhafter Fälle nach. In Österreich ist das etwa die Geschichte der Familie Rothschild, deren einzigartige Sammlung geraubt wurde. Sie machen dabei deutlich, dass es nicht nur hochrangige Nazis wie die Kunstliebhaber Hitler und Göring waren, die jüdische SammlerInnen ausbeuteten. Museumsdirektoren nutzten die Gelegenheit zur Bereicherung ihrer Bestände, ebenso wie sich auch NachbarInnen gern am Besitz der Vertriebenen bedienten.

Die Geschichte des Kunstraubs endet leider nicht mit dem Ende des Nationalsozialismus. Die SammlerInnen – sofern sie überlebt hatten – kämpften jahrzehntelang, zum Teil bis heute, um den Wiedererhalt ihrer Werke, zumindest aber um Wiedergutmachung. Auch Nachbarländer wie etwa Frankreich und die Niederlande weigern sich bis heute, Werke zu restituieren. Der österreichische Staat etwa schob das Denkmalschutzgesetz vor und weigerte sich mit diesem Argument, den überlebenden Rothschilds ihren Besitz zurückzuerstatten. Sie wurden zu einer "Schenkung" an den Staat gezwungen. Erst 1998 konnte mit dem Kunstrückgabegesetz die Restitution durchgesetzt werden.

Denn auf Druck der ErbInnen änderte sich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus die Gesetzeslage. Plötzlich wurden Archive zugänglich, und der Weg der geraubten Kunstwerke konnte zurückverfolgt werden. Im Dezember 1998 wurden in Washington die "Grundsätze der Washingtoner Konferenz in Bezug auf Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden" beschlossen. 44 Staaten unterschrieben diese Washingtoner Grundsätze. Und dennoch müssen sich EigentümerInnen immer wieder mit den altbekannten antisemitischen Stereotypen auseinandersetzen. Ihnen wird Habgier und der Wunsch, sich zu bereichern, vorgeworfen, wenn sie ihr Eigentum zurückfordern – besonders perfide, wenn man bedenkt, dass Raffgier das Motiv der Nazis für den Kunstraub war.

AVIVA-Tipp: Die Autorinnen zeichnen die Geschichte jeder einzelnen Sammlung genauestens nach und untersuchen dabei die Rolle aller Beteiligten: Auktionshäuser, KunstsammlerInnen, Medien, Landesregierungen und Museen.
Das Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Diskussion über die Restitution geraubter Kunstwerke. Denn dass es hier nicht (nur) um materielle Werte geht, sondern um - wenn auch späte - Gerechtigkeit, ist vielen nicht bewusst. Wenn ein Kulturstaatsminister Rechtsmittel einlegt gegen die Rückgabe eines Plakates aus der Sammlung Hans Sachs, zeigt sich, dass es mit dem Rechtsbewusstsein nicht weit her ist.

Das Buch stellt die Biografien vor von:

  • Lilly und Claude Cassirer, Berlin
  • Paul Westheim, Berlin
  • Alfred, Tekla und Hans Hess, Erfurt
  • Leo Bendel, Berlin
  • Eleonora und Francesco von Mendelssohn, Berlin
  • Walter Westfeld, Düsseldorf
  • Sophie Lissitzky-Küppers, Hannover/München
  • Max Silberberg, Breslau
  • Max Steinthal, Berlin
  • Oscar Huldschinsky und Ann Sommer, Berlin
  • Adele und Ferdinand Bloch-Bauer, Wien
  • Karl Grünwald, Wien
  • Alma Mahler-Werfel, Wien
  • Alphonse Mayer und Louis Nathaniel de Rothschild, Wien
  • Jacques Goudstikker, Amsterdam

    Die Autorinnen

    Melissa Müller, geb. 1967 in Wien, begann bereits während des Studiums der Germanistik und BWL in Wien, für verschiedene Magazine und Tageszeitungen zu schreiben. Zahlreiche, international erfolgreiche Veröffentlichungen, u.a. "Das Mädchen Anne Frank. Die Biographie", "Bis zur letzten Stunde. Hitlers Sekretärin erzählt ihr Leben" sowie Dokumentationen, u.a. "Hitler und der Adel" (ARD/ORF).
    Monika Tatzkow, geb. 1954 bei Berlin, studierte Geschichte in Berlin und promovierte 1986 an der Akademie der Wissenschaften. 1992 gründete sie den Wissenschaftlichen Dokumentationsdienst für Offene Vermögensfragen in Berlin "Dr. Tatzkow und Partner", seit 1998 mit Schwerpunkt NS-Raubkunst. Sie publizierte u.a. "Nazi Looted Art. Handbuch Kunstrestitution weltweit" (in Zusammenarbeit mit Gunnar Schnabel, 2007).

    Unter Mitarbeit von
    Thomas Blubacher
    , geb. 1967 in Basel, studierte u.a. Theaterwissenschaft. Promotion 1997. Er arbeitet als Theaterregisseur und Autor. 2002 war er Writer-in-Residence in der Villa Aurora in Pacific Palisades (USA). Er verfasste Biografien über Gustaf Gründgens und die Geschwister Eleonora und Francesco von Mendelssohn ("Gibt es etwas Schöneres als Sehnsucht?", 2008).
    Gunnar Schnabel, geb. 1962, studierte Rechtswissenschaften in Heidelberg und Berlin, seit 1991 Rechtsanwalt in Berlin, Schwerpunkt offene Vermögensfragen, zahlreiche Publikationen zum Vermögens- und Grundstücksrecht, seit 1998 Schwerpunkt Kunstrestitution weltweit, Rechtsvertretung für Alteigentümer und aktuelle BesitzerInnen.

    Melissa Müller/Monika Tatzkow
    Verlorene Bilder, verlorene Leben

    Jüdische Sammler und was aus ihren Kunstwerken wurde
    Unter Mitarbeit von Thomas Blubacher
    Mit einem Nachwort von Gunnar Schnabel
    Gebunden mit Schutzumschlag
    21 x 27,5 cm, 256 Seiten, 180 Abbildungen
    34,- Euro
    ISBN 978-3-938045-30-5
    Elisabeth Sandmann Verlag, erschienen 2009www.elisabeth-sandmann.de

    Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

    "Stealing Klimt". Der Film dokumentiert den juristischen Kampf Maria Altmans um fünf Gemälde von Gustav Klimt, die ihrer Familie von den Nazis geraubt wurden.

    Lesen Sie auch das AVIVA-Interview mit der Regisseurin von "Stealing Klimt", Jane Chablani.

    Lesen Sie auch den Beitrag zur Ausstellung "Verfolgt - Verfemt - Entartet" im Willy-Brandt-Haus auf AVIVA. Gezeigt wurden 130 Werke von KünstlerInnen, die während des Nationalsozialismus verfolgt wurden. Lesen Sie auch die Rezension zu "Eine Debatte ohne Ende - Raubkunst und Restitution im deutschsprachigen Raum" herausgegeben von Julius H. Shoeps und Anna-Dorothea Ludewig, "Fiskalische Ausplünderung der Juden in Berlin 1933 bis 1945" , Die Wertheims, Ich besaß einen Garten in Schöneiche bei Berlin von Jani Pietsch

    Verstrickung Berliner Universitäten im Nationalsozialismus
    "Bilder eines Vaters" von Christiane Kohl

  • Buecher Beitrag vom 19.03.2009 AVIVA-Redaktion 

       




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