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AVIVA-BERLIN.de im November 2017 - Beitrag vom 16.04.2010

Toni Morrison - Gnade
Claire Horst

Wer die Inhaltsangabe des neuen Romans von Toni Morrison liest, hat sofort Nina Simones Hit "Four Women" im Ohr. Hier wie dort geht es um die Schicksale von vier Frauen. Bei Simone sind alle ...



... vier schwarz. Ihr Song thematisiert die Stereotypisierung und UnterdrĂŒckung schwarzer Frauen durch eine weiß dominierte Gesellschaft.

Darin liegt die Parallele zu Morrison: Wie in ihren frĂŒheren Werken behandelt sie auch in "Gnade" die UnterdrĂŒckung von Frauen. Ihre vier Protagonistinnen sind allerdings unterschiedlicher Herkunft. Ob in England geboren, Ureinwohnerin Amerikas, Sklavin oder WaisenmĂ€dchen, sie alle sind abhĂ€ngig von dem gleichen Mann, dem Farmer und Geldleiher Jacob Vaark. Schauplatz ist Delaware, Spielzeit ist das spĂ€te 17. Jahrhundert. Der Sklavenhandel ist gerade frisch erblĂŒht, Nordamerika noch am Beginn seiner Eroberung durch die KolonialistInnen.

Florens ist die erste der "four women". Etwa sechzehn muss sie sein, glaubt sie, nach dem Zustand ihrer ZĂ€hne zu schließen. "Lass mich mit dem beginnen, was ich sicher weiß", so beginnt sie ihre ErzĂ€hlung. Florens ist auf dem Weg zu einem zunĂ€chst namenlosen "du", den sie liebt, sie kann lesen, anders als Lina, die Indianerin, und Sorrow, das schwarze WaisenmĂ€dchen. Ihrer Mutter wurde sie weggenommen, weil deren Besitzer eine Schuld nicht begleichen konnte. Mehr erfĂ€hrt die Leserin nicht, bevor die ErzĂ€hlperspektive wechselt.

Jacob Vaark ist auch ein Kapitel gewidmet, er erzĂ€hlt jedoch nicht in der Ich-Form. Sicherlich ist es nicht einfach, sich in ihn hineinzuversetzen, in einen Mann, der seine Frau in England gekauft hat und ihr zur UnterstĂŒtzung ebenfalls gekaufte, "farbige" Frauen an die Seite gestellt hat. Deshalb vielleicht wirken die ErzĂ€hlpassagen, die von Jacob handeln, weniger ĂŒberzeugend als der ĂŒbrige Roman. Zu konventionell erzĂ€hlt Morrison hier, lĂ€sst Jacob ĂŒber seine Moralvorstellungen reflektieren, die eigentlich sehr lobenswert sind. Gegen seinen Willen hat er die Sklavinnen gekauft, seine Frau liebt er wirklich, die papistischen Siedler sind ihm ebenso zuwider wie die protestantischen. Und doch will sich nur wenig Sympathie mit ihm einstellen, als die ErzĂ€hlung wieder zu Florens wechselt.

Mit jedem ErzĂ€hlerwechsel tritt auch ein Zeitsprung ein. Die Heirat zwischen Jacob und Rebekka, Rebekkas Aufenthalt auf dem Schiff nach Amerika, die Monate in einem dunklen Loch unter Deck, wo sie mit verbannten Prostituierten zusammen eingepfercht war, die Tode ihrer Kinder, die Zerstörung von Linas Dorf, all dies erzĂ€hlen die ProtagonistInnen im RĂŒckblick, wĂ€hrend Florens, in der ErzĂ€hlzeit, berauscht vor Liebe ist.

Ihre Liebe gehört dem Schmied, dem ersten freien Schwarzen, den die ProtagonistInnen jemals erlebt haben: "... und dann tat er etwas, was Lina noch niemals bei einem Afrikaner gesehen hatte: Er sah die Herrin offen an". Der Schmied ist die einzige Figur im Roman, die frei ĂŒber ihr Leben entscheidet. Denn auch die Weißen leben zum Teil in Sklavenschaft, mĂŒssen Schulden ihrer VĂ€ter oder ihre Überfahrt abarbeiten. Das Amerika, von dem Morrison erzĂ€hlt, hat nichts vom romantischen "Wilden Westen". Es ist ein barbarisches, mitleidsloses und unmenschliches Land, in dem Frauen ihre Kinder im Freien gebĂ€ren, assistiert von ein paar raubeinigen Hilfsarbeitern, in dem Menschen qualvoll an den Pocken sterben, in dem ganze Dörfer ausgerottet werden, weil ihre BewohnerInnen die falsche Hautfarbe haben.

Lina stammt aus einem solchen Dorf. Von den Weißen hat sie eine klare Meinung. "EuropĂ€er konnten in aller Seelenruhe MĂŒtter niedermetzeln und alten MĂ€nnern das Gesicht mit Musketen wegblasen, die lauter waren als der Ruf eines Elchs, aber wenn ein NichteuropĂ€er ihnen ins Auge schaute, schĂ€umten sie vor Wut. Mit der einen Hand legten sie Feuer an deine HĂŒtte, mit der anderen nĂ€hrten, pflegten und segneten sie dich."

Dennoch entsteht zwischen den so unterschiedlichen Frauen Florens und Lina, Rebekka und Sorrow eine enge Beziehung. Sie sind aufeinander angewiesen. Ihre zerbrechliche Freundschaft wird mit dem Tod von Jacob, der das Bindeglied darstellte, zerstört. "Einst glaubten sie, sie wÀren eine Art von Familie, weil sie zusammen Einsamkeit verwandelt hatten in Gemeinschaft. Aber die Familie, die sie geworden zu sein glaubten, war nur Schein."

AVIVA-Tipp: Morrisons Blick auf die Welt dieser Frauen ist unerbittlich. Auch MĂ€nner sind bei ihr Opfer, ebenso abhĂ€ngig und ausgeliefert wie die Frauen. Und doch erlaubt sie sich und uns einen kleinen Hoffnungsschimmer fĂŒr ihre Figuren und die Welt. Eine Aussöhnung ist bei ihr sogar mit den Toten möglich. Ein sehr poetisches und manchmal wĂŒtendes Werk - die inzwischen fast achtzigjĂ€hrige Morrison scheint sanfter geworden zu sein. Ihren Zorn und ihre Sprachgewalt hat sie zum GlĂŒck trotzdem nicht verloren.

Zur Autorin: Toni Morrison wurde am 18.2.1931 in Lorain, Ohio geboren. Zu ihren bedeutendsten Werken zĂ€hlen u. a "Sehr blaue Augen", "Solomons Lied" "Menschenkind", "Jazz", "Paradies" und die Essaysammlung "Im Dunkeln spielen". Morrison zĂ€hlt seit langem zu den bedeutendsten AutorInnen Amerikas. Seit 1989 ist sie Professorin fĂŒr afroamerikanische Literatur an der Princeton University. Auszeichnungen: National Book CriticsÂŽ Circle Award (1978), American-Academy-and-Institute-of-Arts-and-Letters Award fĂŒr ErzĂ€hlliteratur (1980), Cleveland Arts Award fĂŒr Literatur (1980), Robert F. Kennedy Book Award (1988), Melcher Book Award (1988), Unitarian Universalist Award (1988), Nobelpreis fĂŒr Literatur (1993), Commandeur des Arts et des Lettres, Frankreich (1993). (Verlagsinformationen)

Toni Morrison
Gnade

Deutsch von Thomas Piltz
Rowohlt Verlag, erschienen 2010
Hardcover, 224 Seiten
Erschienen am 12.03.2010
18,95 Euro
ISBN: 978-3-498-04512-8

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Buecher Beitrag vom 16.04.2010 Claire Horst 

   




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