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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2016 - Beitrag vom 22.02.2011

Natasha Walter - Living Dolls. Warum junge Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen
Kristina Auer

Die britische Feministin Natasha Walter sieht keinen Grund zum Optimismus: Sie ist der Meinung, der Sexismus befinde sich in unserer Gesellschaft wieder auf dem Vormarsch. Auf ihrer Lesung in der...



... Berliner Urania am 16. Februar 2011 sprach sie ĂŒber die Thesen, die sie in ihrem neuen Buch vertritt.

"Ich dachte, der Streit um die Gleichheit zwischen MÀnnern und Frauen wÀre schon lÀngst gewonnen", erzÀhlte Natasha Walter vor einem interessierten Publikum.
Dieser Meinung war sie auch, als sie im Jahr 1998 ihr erstes Buch "The New Feminism" veröffentlichte, in dem sie argumentierte, dass die Ansichten der Feministinnen nun von der Mehrzahl der Bevölkerung geteilt wĂŒrden und die Frauenbewegung sich endlich neuen Aufgaben widmen könne.

Doch als vor zehn Jahren Walters Tochter Clara zur Welt kam, prallte der jungen Mutter, die selbst eine feministische Erziehung genossen hatte, in den MĂ€dchenabteilungen der SpielwarenlĂ€den eine knallpinke Welt entgegen, die unter anderem ein "rosa Nagelstudio, [...] einen rosa Boutique-Stand mit Ohrringen und Halsketten sowie Puppen [...] mit allem möglichen Zubehör, unter anderem mit einem rosa ManikĂŒre-Schlafzimmer und einem rosa Empfangssalon" anbot.
Walter musste sich eingestehen, dass sie sich geirrt hatte: Die SpielrÀume von Weiblichkeit hatten sich nicht durch die Errungenschaften der Frauenbewegung stetig erweitert. Stattdessen erhielt Walter immer mehr den Eindruck, dass die Objektivierung und Festlegung von Weiblichkeit auf traditionelle Stereotype heute wesentlich stÀrker praktiziert wird als noch in ihrer Kindheit.

Auf ihrer Lesung rĂ€umte Natasha Walters ein, dass ein Teil der Verantwortung fĂŒr diesen kulturellen RĂŒckschritt den Feministinnen zufalle. "Weil wir dachten, dass die wichtigsten Auseinandersetzungen schon gewonnen waren, haben wir uns von kulturellen Aspekten der Gleichberechtigung abgewandt und uns hauptsĂ€chlich um wirtschaftliche und finanzielle Aspekte gekĂŒmmert", erlĂ€uterte sie. "Wir Feministinnen haben fĂŒr lange Zeit aufgehört, die einseitige und objektivierende Darstellung von Frauen zu kritisieren."

Der neue Sexismus

"Ich stellte mir die Frage, was mit dem Feminismus schief gegangen war", erklÀrte Walter.
Um herauszufinden, wie sich Weiblichkeitsstereotype auf die Persönlichkeitsentwicklung von jungen MĂ€dchen auswirken, fĂŒhrte sie unzĂ€hlige Interviews, teilweise mit Frauen, die in der Sexindustrie tĂ€tig waren, sowie Eltern, VertreterInnen der Erotikbranche und WissenschaftlerInnen. Dabei kam sie im Wesentlichen zwei mĂ€chtigen Strukturen auf die Spur, mit denen sich der RĂŒckschritt im Kampf um Gleichberechtigung in Verbindung bringen lĂ€sst: Einerseits dem Aufkommen einer hypersexualisierten Kultur und andererseits einem neuen Trend hin zum biologischen Determinismus.

Walter macht deutlich, was sie mit einer hypersexualisierten Kultur meint, indem sie sĂ€mtliche medialen Darstellungen von Frauen untersucht, von Puppen ĂŒber Models hin zu Schauspielerinnen. Die Analyse solcher Bilder von Weiblichkeit ist wichtig, da junge MĂ€dchen sich an ihnen orientieren und sie zu ihren Vorbildern machen. Walter kommt zu dem Schluss, dass so gut wie alle vorhandenen Darstellungen von Weiblichkeit auf eine extrem verengte Form des Frauseins abzielen: NĂ€mlich der des rein körperlich und sexuell attraktiven MĂ€dchens. Obgleich dieses Ergebnis viele LeserInnen vielleicht nicht verblĂŒffen mag, so offenbart es doch eine höchst perverse Kultur, zieht man in Betracht, dass hier Puppen fĂŒr Kleinkinder untersucht wurden. Genauso wichtig wie die Analyse dieser Abbildungen ist aber auch Walters Erkenntnis, dass alternative Darstellungen von Weiblichkeit schlichtweg nicht vorhanden sind.

Daneben macht Natasha Walter auf eine verblĂŒffende Marketing-Strategie der Spielzeugindustrie aufmerksam: Durch die Verbindung beispielsweise eines Prinzessinnenfilmes mit dem Vertrieb sĂ€mtlicher dazugehöriger Accessoires inklusive Kleider und Spiegel wird auf eine möglichst vollkommene Verschmelzung des Kleinkindes mit der Puppe hingezielt.
Diese Vermarktung erzeugt in Verbindung mit den einseitigen Darstellungen von Weiblichkeit einen Druck zur körperlichen "VervollstĂ€ndigung", der bereits seit frĂŒhester Kindheit an MĂ€dchen herangetragen wird und sich von dort aus durch das ganze Leben hindurchzieht.

Ebenso wie Angela McRobbie in ihrer Veröffentlichung "Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes" kritisiert auch Natasha Walter, dass dieser Druck zu einer extrem femininen Erscheinung von vielen BefĂŒrworterInnen der Hypersex-Kultur unter dem Verweis darauf verschleiert wird, dieses Auftreten sei von den Frauen frei gewĂ€hlt. Hier wird eine Struktur deutlich, die McRobbie mit dem Begriff des "Postfeminismus" beschrieben hat: Neo-konservative Tendenzen, die Frauen in eine traditionelle Rolle als sexuelles Objekt zurĂŒck zu verweisen versuchen, werden mit dem Argument gerechtfertigt, die Gleichberechtigung sei lĂ€ngst erreicht und der Feminismus ĂŒberflĂŒssig geworden.

Der neue Determinismus

Der zweite Teil von "Living Dolls" dreht sich um das umfassende gesellschaftliche BedĂŒrfnis, Geschlechterunterschiede mit biologischen, scheinbar unverĂ€nderlichen, Unterschieden zu erklĂ€ren und zu untermauern. Dies zeige sich besonders deutlich, so Walter, einerseits am Tenor zahlreicher Beziehungs-Ratgeber und andererseits an einer einseitigen Berichterstattung von Seiten der Presse: Wissenschaftliche Studien, mögen diese noch so absurd sein, die gĂ€ngige Geschlechterstereotype als biologisch vorbestimmt nachgewiesen zu haben glauben, werden begeistert aufgenommen und sofort kritiklos publiziert. Studien hingegen, die zu dem Ergebnis kommen, dass Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Bezug auf unterschiedliche FĂ€higkeiten und Eigenschaften nicht bestehen oder zumindest nicht als von der Natur festgelegt gesehen werden können, werden ihrer Meinung nach nicht erwĂ€hnt.

Aus diesem Grund hat Walter eine Vielzahl solcher Studien genauestens analysiert. Schonungslos und scharfsinnig hat sie dabei im Austausch mit verschiedensten WissenschaftlerInnen die MĂ€ngel vieler Studien herausgearbeitet, die in den letzten Jahren von BuchautorInnen und JournalistInnen als Beweise einer angeborenen Geschlechterdifferenz angefĂŒhrt wurden. Es wird klar, dass die Ergebnisse der Wissenschaft keineswegs so eindeutig sind, wie sie in den Medien dargestellt werden. Walter gelingt es so, mit uralten Geschlechtermythen hinsichtlich von Sprache, Mathematik, Gehirnen und Hormonen, die sich hartnĂ€ckig in den Köpfen festgesetzt haben, aufzurĂ€umen.

AVIVA-Tipp: "Living Dolls" ist ein unglaublich ermutigendes und bestĂ€rkendes Buch, das die Macht besitzt, vielen die Augen zu öffnen. Es bietet außerdem wichtige Argumentationsmöglichkeiten gegen den vielerorts geteilten Glauben an unverĂ€nderliche Geschlechterunterschiede. Natasha Walter fasst einflussreiche Strukturen und Tendenzen prĂ€zise ins Auge und liefert ein realistisches und zeitgemĂ€ĂŸes Bild des Sexismus in unserer Gesellschaft.

Zur Autorin: Natasha Walter ist eine jĂŒdisch-britische Publizistin. Sie wurde 1967 in London geboren und studierte in Cambridge und Harvard Anglistik. Als feministische Journalistin arbeitet sie fĂŒr Vogue, The Observer, The Independent, The Guardian sowie fĂŒr die BBC und lebt mit ihrem Mann, einer Tochter und einem Sohn in London. Weitere Infos finden Sie unter:
natashawalter.com

(Quelle: KrĂŒger Verlag)

Natasha Walter
Living Dolls. Warum junge Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen

KrĂŒger Verlag (erschienen am 11. Februar 2011)
Gebundene Ausgabe, 330 Seiten
ISBN: 978-3810523778
19,95 Euro

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Angela McRobbie - Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes

Buecher Beitrag vom 22.02.2011 Kristina Auer 

   




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